Kommentar

Regenbogenfahnen auf den Corona-Demos?

4. Sept. 2020 Michaela Dudley
Bild: Wiki Commons/ Leonhard Lenz, CC 1.0 Universal Quelle
Demonstration von Verschwörungsgläubigen unter dem Motto „Tag der Freiheit – Das Ende der Pandemie“ am 1. August 2020 in Berlin

In Berlin wurde am vergangenen Wochenende gegen die Corona-Schutzmaßnahmen demonstriert. An dem Protest beteiligten sich Verschwörungsgläubige und Rechtsextreme. Auch Fahnen in Regenbogenfarben waren zu sehen. Obwohl das nicht zwingend heißt, dass viele Menschen aus der LGBTI*-Community mitmarschierten, scheinen die Ideen der Demonstrant*innen auch für Queers anschlussfähig zu sein. SIEGESSÄULE-Autorin Michaela Dudley mahnt zur Vorsicht

„Neonazis umstellen die Siegessäule!“, hieß es in der Direktnachricht in meinem Display. Meine Freundin Lisbeth, eine ältere, internetaffine Dame aus Schöneberg, hatte die Eilmeldung letzten Samstag aufgegriffen und mir voller Schrecken sofort weitergeleitet. Ob ich zufällig gerade in der Redaktion sei?

Ich versicherte ihr zuerst einmal, dass es sich hierbei nicht um die Redaktionsräume des Magazins SIEGESSÄULE am Kotti handelte, sondern um das nahezu 70 Meter hohe Denkmal gleichen Namens im Tiergarten. Trotz dieser amüsanten Verwechslung war mir allerdings nicht zum Lachen zumute. Die Lage in dieser Stadt war angespannt, ernst. Denn mehrere Tausende Demonstrant*innen, die im Rahmen der Veranstaltung „Querdenken 711“ gegen die Corona-Schutzmaßnahmen protestierten, sammelten sich tatsächlich an der ikonischen Goldelse am Großen Stern. Und in ihren Reihen befanden sich nachweislich zahlreiche Rechtsextremist*innen. Letztere waren an ihrem Duktus und nicht zuletzt an ihren Fahnen eindeutig zu erkennen. Damit aber nicht genug: Neben der umstrittenen Reichskriegsflagge schwenkten einige auch Fahnen in Regenbogenfarben – und dies waren keine Gegendemonstrant*innen, sondern Anhänger*innen der Aluhut-Truppe.

Reichsbürger*innen mit der Regenbogenfahne? Viele, sowohl inner- und als auch außerhalb der LGBTI*-Community, fragten sich entsetzt, wie das überhaupt sein kann. Auch Lisbeth, die das Coming-out ihres Sohnes vor mehr als zwanzig Jahren begeistert gefeiert hatte. „Was soll denn dieses Liebäugeln mit den Ewiggestrigen?“ wollte sie wissen.

Zuerst muss gesagt werden, dass Beobachter*innen der Demo versehentlich in einigen Fällen die ohnehin zweckentfremdete „Pace-Flagge“ der italienischen Friedensbewegung mit der Pride-Fahne verwechselt hatten (die „Pace-Flagge“ ist ebenso in Regenbogenfarben gehalten, ist aber nicht identisch mit der Fahne der LGBTI*-Bewegung) . Zudem darf man es für möglich halten, dass es sich um ein Täuschungsmanöver gewissermaßen „unter falscher Flagge“ gehandelt haben könnte – als wollten die Teilnehmenden den Medien eine bunte Solidarität vorgaukeln.

„Ich weiß, in einer Demokratie ist das Recht auf freie Meinungsäußerung ein hohes, unverzichtbares Gut. Doch gerade deshalb möchte auch ich von diesem Recht Gebrauch machen und erklären, warum ich die Solidarisierung mit dem populistischen Pulk mit Besorgnis und Abscheu betrachte.“

Doch damit sind wir als queere Community noch lange nicht aus dem Schneider. Denn die von dem Corona-Leugner Michael Ballweg initiierte Demonstration war wahrhaftig „bunt“. In Reih und Glied mit hartgesottenen Verschwörungstheoretiker*innen marschierten Menschen, die sich unter anderem als Esoteriker*innen, Impfgegner*innen und Öko-Aktivist*innen identifizierten. So gab es auch Queers unter den anwesenden „Querdenkenden“. Einen davon kenne ich sogar persönlich – beziehungsweise kannte ich persönlich. Vor einigen Monaten bereits habe ich ihm die Freundschaft gekündigt, weil er meine Social-Media-Timeline mit pseudowissenschaftlicher Propaganda überflutet hatte. Diese stempelte das Covid-19 Virus als „Fake News“ ab und verbreitete diffuse Aufrufe von einem gewissen veganen Starkoch, den ich hier der Einfachheit halber als „A. H.“ bezeichne. Es war ebenjener A. H., der öffentlich herausposaunte: „Wenn ich Reichskanzler wäre, dann würde ich die Todesstrafe für Volker Beck wieder einführen, indem man ihm die Eier zertretet auf einem öffentlichen Platz“.

Da ich selbst eine eingefleischte Veganerin bin, wundert es mich, dass ein Veganer überhaupt mit Eiern herumhantieren würde. Nicht minder wunderlich ist jedoch, dass ein schwuler Veganer, ausgerechnet aus meiner Bekanntschaft, auf diesen homophoben, wenn auch mit dem Megaphon fellationierenden A. H. reinfallen konnte.

Ich weiß, in einer Demokratie ist das Recht auf freie Meinungsäußerung ein hohes, unverzichtbares Gut. Doch gerade deshalb möchte auch ich von diesem Recht Gebrauch machen und erklären, warum ich die Solidarisierung mit dem populistischen Pulk mit Besorgnis und Abscheu betrachte. Dabei verweise ich vor allem auf die Bilder vom Wochenende, die als angeblicher „Sturm auf den Reichstag“ durch alle Medien gingen. Nicht anno 1933, sondern aus dem Jahre 2020. Es waren rund 400 Teilnehmer*innen derselben Demonstration, die es sich den Vorstoß geleistet haben, ihre Gewissenlosigkeit, ihre Geschichtsvergessenheit und ihre Geringschätzung des Grundgesetzes öffentlich kundzutun. Vermeintlich im Namen der Demokratie stolzierten sie mit faschistischen Gebärden. Dieser „Aufbruch“ führt in eine Zukunft, die von braunem Gedankengut geprägt sein wird. Welches stolze Mitglied der Regenbogen-Community könnte ernsthaft solche Wolken heraufbeschwören wollen?

Bild: Alexa Vachon
Michaela Dudley, trans Frau mit afroamerikanischen Wurzeln und gelernte Juris Dr., ist Kolumnistin, Kabarettistin und Keynote-Rednerin

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