Popstar Robyn über Sex, Selbstbestimmung und ihre queere Wahlfamilie
Die Musikerin Robyn gilt als „Queen of Sad Bangers“ – als Königin der traurigen Tanzmusik. Mit ihrer Mischung aus Melancholie und Clubsound hat sie Generationen von Popstars beeinflusst. Jüngst veröffentlichte die Schwedin ihr neues Album „Sexistential“ und kommt damit nun für ihr einziges Deutschlandkonzert zu uns, zusammen mit ihrer lesbischen Landsfrau Zhala und dem Berliner Electro-Produzenten Mechatok als Support-Acts
Robyn, du bist der Inbegriff des „Cutting Edge“ – jemand, der seiner Konkurrenz immer einen Schritt voraus ist. Nur: Ist das heutzutage überhaupt noch möglich? Ich würde sagen: Früher ging es um die Technik – um neue Sounds. Und die gibt es kaum noch. Aber gute Songs mit persönlichem Ausdruck funktionieren auch weiterhin.
Und Persönlichkeit ist attraktiver, als sich mit jedem Album neu erfinden zu wollen, wie es Madonna lange versucht hat? Man muss irgendwann einen Gang runterfahren. Und ich hoffe, ich trete ab, bevor es peinlich wird. Was „Cutting Edge“ betrifft: Ich weiß nicht, ob ich das je sein wollte. Mir geht es eher darum, jedes Zeitgefühl zu verlieren – durch den Groove und die Kombination aus Rhythmus und Melodie. Das ist mein Ziel.
„Mir geht es eher darum, jedes Zeitgefühl zu verlieren.“
Wobei „Sexistential“ für eine Phase deines Lebens steht, in der du eine Scheidung, gefolgt von intensivem Clubbing, Dating und deiner ersten Schwangerschaft erlebt hast? Ganz genau. Ich hatte das Gefühl, mein Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen – und eine Menge umwerfender Erfahrungen zu machen. Ich habe wirklich einiges erlebt, ehe ich meinen Sohn bekommen habe. Und das halte ich auf diesem Album fest: zum Single-Dasein zurückzukehren, meinen Körper neu zu entdecken und meinen Sohn mithilfe künstlicher Befruchtung zu bekommen.
Warum hast du acht Jahre für „Sexistential“ gebraucht, ähnlich lange wie für den Vorgänger „Honey“ von 2018? Ich hatte zwischenzeitlich das Interesse an Pop-Songs verloren und wollte etwas anderes ausloten, deshalb bin ich in Clubs gegangen. Und das war die Musik, die mich interessiert hat. Aber letztlich geht es mir immer darum, gute Songs zu schreiben. Das ist mein Ding. Und ich hatte schon vor dem „Honey“-Album so viel Material auf Halde, dass mir klar war: Irgendwann werde ich es für etwas anderes nutzen. Das habe ich – wozu ich mich aber regelrecht zwingen musste. Denn heutzutage ist es wirklich schwierig, guten Pop zu machen. Da gibt es schon so viel und vor allem so viel Gutes, dass es etwas davon hat, das Rad neu zu erfinden. Sprich: Es ist eine schwierige Aufgabe. Doch jetzt hatte ich die nötige Energie dazu – und es fühlte sich aufregend an.
Angesichts des Albumtitels: Wie wichtig ist dir Sex? Sex war mir schon immer wichtig. Und durch ihn habe ich meine Sinnlichkeit, meinen Hunger nach Intimität und meine Lust am Leben wiederentdeckt. Dinge, die lange im Hintergrund standen. Wobei der Titel des Albums für die Trennung von beidem steht – Lust und Fortpflanzung.
„Ich will nicht auf ein Stereotyp reduziert werden.“
Und: Wird der Sex mit zunehmendem Alter besser? Definitiv. Daran gibt es keinen Zweifel.
Obwohl du offen heterosexuell bist, wirst du von der LGBTIQ*-Community als Ikone verehrt. Wie kommt es? Ich will nicht auf ein Stereotyp reduziert werden. Deshalb habe ich immer versucht, meine Freiheit zu verteidigen und genug Raum zu haben, um komplex sein zu können. Ich schätze, die queere Gemeinschaft versteht das. Denn queer zu sein heißt ja, seine Sexualität selbst zu definieren. Insofern muss man seine Position ständig neu verhandeln. Und in diesem Sinne bin ich ebenfalls queer. (lacht) Nicht sexuell, sondern als Person, die sich mit dieser Weltsicht identifiziert. Und vielleicht hört die queere Community das in meiner Musik. Also dieses Verlangen, mein eigenes Leben zu führen und alternative Erfahrungen zu machen. Dazu zählt auch, dass man Kinder auf unterschiedliche Weisen haben kann – und all diese verhandelbaren Sachen, die langsam zum Mainstream werden. Ich denke, wir arbeiten an einer offeneren und empathischeren Gesellschaft.
Angesichts dieser wichtigen Botschaft: Warum spielst du nur ein Deutschland-Konzert, am 8. Juli in Berlin? Ich unternehme eine Arena-Tour. Das bedeutet: Die Hallen sind größer als alle, in denen ich je gespielt habe. Deshalb auch nur ein Auftritt in Deutschland – weil ich wahrscheinlich nicht viel mehr große Hallen füllen kann. Ich denke nicht, dass das in anderen Städten als Berlin möglich wäre. Ich hoffe, dass ich damit falschliege. Nach der Tour weiß ich mehr.
„Ich bin keine Mentorin, aber ich kommuniziere gerne.“
Was für Ratschläge erteilst du Taylor Swift, Lorde oder Charli XCX, wenn sie dich darum bitten? Ich sage ihnen, wie ich die Dinge angehe und was ich auf jeden Fall vermeiden würde. Im Sinne von: Ich bin keine Mentorin, aber ich kommuniziere gerne, was ich denke, und ich gebe moralische Unterstützung. Ich habe mich zum Beispiel mit Charli getroffen, bevor ihr Album „Brat“ erschienen ist. Ich habe den Titel, die Musik und auch unsere Unterhaltung geliebt. Das habe ich ihr genau so gesagt. Und um ehrlich zu sein, fühle ich mich eher Popkünstler*innen ihrer Altersgruppe verbunden als gleichaltrigen. Einfach, weil die jüngere Generation offener ist. Das finde ich cool und interessant – es hält mich auf dem neuesten Stand.
SIEGESSÄULE präsentiert
Robyn + Mechatok & Zhala
08.07., 19:00
Tickets: uber-arena.de
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