Fred Schneider von The B-52’s im Interview: „Wir sind offen für jeden“
Die 2022 begonnene Abschiedstournee der kalifornischen Wave-Pop-Band The B-52’s aus Athens, Georgia ist um ein weiteres Jahr verlängert worden: Am 24. Juni kehren sie in die Zitadelle in Berlin-Spandau zurück. Weitere Deutschland-Konzerte sind für 2027 geplant. SIEGESSÄULE traf Sänger Fred Schneider und sprach über sein Coming-Out, sein LGBTIQ*-Engagement und seine Lieblingsorte in Berlin
Fred, es gibt diese witzige Geschichte über dein Coming Out. Angeblich hat deine Mutter nicht einmal mit dem Staubsaugen aufgehört, als du dich ihr anvertraut hast. Stimmt das? Sie hat einfach weitergesaugt, als ob sie das gar nicht interessieren würde. (lacht) Sie meinte nur: „Das weiß ich doch längst, Freddie.“ Das war´s – dann hat sie sich wieder der Hausarbeit gewidmet.
Wie hast du reagiert? Na ja, ich war wahrscheinlich stoned. Aber es hat mich sehr erleichtert, dass sie so cool reagiert hat. Ganz im Gegensatz zu meinem Vater, der ausgerastet ist, als er davon erfahren hat.
Waren eigentlich alle Mitglieder der B-52s schwul bzw. lesbisch – und war es das, was euch zusammengebracht hat? Nein, wir waren einfach College-Freunde. Die Mädels waren damals noch hetero – sogar Kate, die schon seit langem eine feste Partnerin hat. Keith, Ricky und ich waren das Schwulen-Trio der Band. Aber das stand eigentlich nie im Fokus. Wir waren durchgeknallte Kids – wir gingen eher als komplett verrückt durch. Schließlich hatten wir einen sehr seltsamen Sinn für Humor und haben ständig Blödsinn gemacht. Was wahrscheinlich damit zu tun hatte, dass wir kein Geld hatten und in Athens nicht viel los war. Wir mussten uns quasi selbst unterhalten – und das haben wir mit billigem Alkohol, Musik und Tanz.
Wie haben die Menschen damals – Mitte der 70er – auf euch reagiert? Haben sie eure Queerness überhaupt verstanden? Sie haben es zumindest vermutet und darüber spekuliert. Wobei es aber offensichtlich war – selbst wenn wir in Interviews nichts dazu gesagt haben. Aus dem einfachen Grund, weil wir keine homophoben Übergriffe wollten, die damals noch ganz normal waren.
Also eine andere Situation als heute? Und wie! Heute ist die Hälfte aller Bands queer, was toll ist. Es ist jetzt eine ganz normale, akzeptierte Sache. Selbst wenn es in den USA immer noch diese fürchterlichen Evangelikalen gibt, die ihre Kinder verprügeln und auf die Straße werfen, wenn sie nicht ihrem Wertesystem entsprechen. Trotzdem ist es viel leichter geworden, selbst wenn es natürlich noch Probleme gibt. Damals hat sogar Elton John geheiratet, nur um den Spekulationen über seine Sexualität ein Ende zu bereiten. Das hat nicht funktioniert, aber er hat es zumindest versucht. (lacht)
Er war eine ähnliche Queen wie Little Richard, Freddie Mercury oder Liberace. Wurde das übersehen oder wollte man das nicht sehen? Es war ok, weil sie halt nie öffentlich zugegeben haben, dass sie schwul sind. Es wusste zwar jeder Bescheid, aber solange man sich vornehm zurückgehalten hat, wurde es halt toleriert.
„Ich unterstütze alles, was die Rechte von Schwulen, Lesben und trans Leuten betrifft. Das ist mir und der Band sehr wichtig.“
Du bist seit Jahrzehnten passionierter LGBTQ-Aktivist. Wie wichtig ist dir das? Vor allem sammele ich Spenden für caritative Einrichtungen. Wir haben zum Beispiel mal eine Benefits-Show für AIDS-Kranke organisiert, die über eine Millionen Dollar eingespielt hat. Solche Sachen. Und ich unterstütze alles, was die Rechte von Schwulen, Lesben und trans Leuten betrifft. Das ist mir und der Band sehr wichtig – also unsere Position zu nutzen, um andere, die Hilfe brauchen, zu unterstützen.
Warum steht die Community derzeit so unter rechtem Beschuss? Welches Problem haben all die selbsternannten gottesfürchtigen, braven Bürger mit dem queeren Lifestyle? Das liegt nur an diesen bigotten, verkommenen Konservativen, die die Regierung in den meisten westlichen Ländern stellen. Die kümmern sich nur darum, in die eigene Tasche zu wirtschaften und möglichst lange im Amt zu bleiben. Aber sie scheren sich einen Dreck um die Belange der Menschen. Ich meine, schaut euch all die Deppen an, die staatstragende politische Ämter innehaben. Die Art, wie sie mit Minderheiten egal welcher Art umspringen, ist indiskutabel. Ich meine, ich habe Freunde mit trans Kindern, die riesige Angst haben, weil sie in Staaten leben, wo sie nicht einmal die erforderlichen Medikamente bekommen, die sie bräuchten. Für mich ist das nichts anderes als Gewalt gegen Kinder. Und deshalb weigere ich mich, sie Christen zu nennen – sie haben nichts von dem, wofür ihr Glauben eigentlich steht.
„Wir haben kein Interesse daran, einfach cool und exklusiv zu sein. Ich meine: Was soll das? Das ist doch völlig daneben.“
Vom sozio-politischen Standpunkt: Wie wichtig sind dann Live-Shows der B-52´s im Jahr 2026? Bei uns ist jeder willkommen. Wir haben auch Zuschauer in aufwendigen Drag-Outfits – und das schon eine ganze Weile. Andere bringen dagegen ihre Kinder mit – mittlerweile auch ihre Enkelkinder. Und wir sind offen für jeden – wir schließen niemanden aus. Wir haben kein Interesse daran, einfach cool und exklusiv zu sein. Ich meine: Was soll das? Das ist doch völlig daneben.
Was würdest du jungen Menschen raten, die Angst vor ihrem Coming out haben? Das hängt davon ab, wo sie leben und in welchem Umfeld. Wenn sie im ländlichen Bumfuck-Amerika aufwachsen und ihre Familie zu einer verrückten christlichen Sekte gehört, haben sie ein Problem. Dann würden sie vermutlich zu Hause rausgeschmissen und in die Obdachlosigkeit oder Drogenkriminalität abdriften. Solche Sachen, zu denen ich nicht mehr sagen kann, als dass sie absolut unchristlich sind. Aber wer unabhängig ist und keinen Zwängen unterliegt, sollte das auf jeden Fall tun – weil es wichtig fürs Selbstwertgefühl ist. Ich selbst wurde in der High School übel gemobbt. Deswegen habe ich mich erst später im Collage geoutet. Einfach weil es nicht anders ging. Niemand hätte sich das freiwillig angetan. Man wusste, wer schwul war, aber niemand hat es öffentlich zugegeben. Und so sollte es nicht mehr sein.
Du wirst am 1. Juli stolze 75 – was ist das für ein Gefühl? Ich schätze, damit muss ich irgendwie klarkommen.
Was bedeutet das? Feierst du den Anlass oder nicht? Ich plane erst einmal nichts. Wahrscheinlich werde ich zu Hause auf der Terrasse sitzen und über den fürchterlichen Zustand meines Gartens meckern. (lacht) Er sieht nicht wirklich gut aus – und Gartenarbeit ist nicht mein Ding. Ich schätze, es war ein Fehler, die Großstadt zu verlassen. Aber ich habe jetzt ein schönes Haus in Florida. Das Problem ist nur, dass der verfluchte Garten so arbeitsintensiv ist – und ich habe ja schon einen Job. Einen, der viel mehr Spaß macht.
„Ich habe auch nichts dagegen, wenn mich einige Leute als verrückt bezeichnen, weil ich ein Gute-Laune-Tiger zu sein versuche. Ich bin lieber verrückt als langweilig.“
Also hast du keine Angst vor dem Alter – und bist eigentlich ganz zufrieden mit deinem Leben? Ich hätte nichts dagegen, zehn Jahre jünger zu sein. (lacht) Einfach, weil ich zuletzt ziemlich anfällig für Krankheiten war und auch nicht mehr so über die Bühne traben kann, wie ich das früher getan habe. Ich bin nicht mehr so viel in Bewegung, aber leider gibt es nichts, was ich dagegen tun könnte. Mir bleibt nichts anderes übrig, als da mitzuspielen. Und ich habe auch nichts dagegen, wenn mich einige Leute als verrückt bezeichnen, weil ich ein Gute-Laune-Tiger zu sein versuche. Ich bin lieber verrückt als langweilig.
Hand aufs Herz: Was hast du noch für Ziele – was steht auf deiner Bucketlist Weiterzuleben und kreativ zu sein. Ich meine, ich schreibe immer noch viel. Und jeden Mittwoch warte ich mit neuen Folgen von „Fred Says“ auf – skurrile, kleine Videos, die auf Facebook und Instagram zu bewundern sind. Sie geben Aufschluss darüber, was für einen seltsamen Humor ich habe. (lacht)
Wenn du Ende Juni in Berlin bist, gehst du dann noch in Clubs oder was treibst du nach einer Show? Ich besuche eher eine Bäckerei oder einen Laden, der Käse verkauft – darauf stehe ich aktuell viel mehr. Ich liebe gutes Essen. Und natürlich sieht man mir das an. Ich habe deutlich an Gewicht zugelegt und bin längst nicht mehr so dünn wie früher. Wenn ich eine deutsche Bäckerei besuche, muss ich aufpassen, dass ich da nicht gleich sechs Brote kaufe. Aber was soll ich machen? Ich liebe Sachen wie Vollkorn- oder Sauerteigbrot. Und natürlich Käse. Da schlägt der Deutsche in mir durch – das sind meine Familien-Wurzeln.
Warst du schon einmal im KitKat Club oder im Berghain? Ach, da wäre ich dann der Älteste. Sie würden hinter meinem Rücken lästern: „Was will denn Großvater hier?“ Und ich bin in Sachen Nightlife längst nicht mehr so aktiv wie früher, einfach weil das nicht gut für die Gesundheit ist. Wenn man am nächsten Tag wieder auf der Bühne stehen und eine gute Figur abgeben will, ist das nicht ratsam.
„Ich besuche Museen – am liebsten das Pergamonmuseum im Osten der Stadt. Das ist meine Idee eines tollen Tages, viel besser, als durch die Clubs zu ziehen.“
Da du über die Jahrzehnte öfters in der Hauptstadt warst: Was sind deine Lieblingsorte – was unternimmst du, wen du nicht gerade Bäckereien leerkaufst? Ich besuche Museen – am liebsten das Pergamonmuseum im Osten der Stadt. Das ist meine Idee eines tollen Tages, viel besser, als nachts durch die Clubs zu ziehen. Und ich liebe das Naturkundemuseum, weil ich ein Dinosaurier-Fan bin. Ich schaue mir lieber große Skelette an, als Menschen, die um eine Tanzfläche stehen. (lacht)
Was erwartet uns bei der Show am 24. Juni? Wir spielen einen Hit nach dem anderen. (lacht) Und unsere Mission besteht von jeher darin, die bestmögliche Show auf die Bühne zu bringen. Denn: Wir wollen die Leute unterhalten. Sie sollen die Zeit ihres Lebens haben. Und scheinbar gelingt uns das auch, weil sie seit 50 Jahren immer wiederkommen. Wir selbst haben auch noch viel Spaß dabei. Mehr kann man sich – glaube ich – gar nicht wünschen.
Konzert: The B-52‘s
24.06., 19:00
Zitadelle Spandau
eventim.de/event/the-b-52s-the-b-52s
Das Interview ist am 26. Mai zuerst bei Mannschaft erschienen.
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