Interview mit Dirk Sander von der DAH

Schwule Szene nach der Pandemie: Welche Folgen hat das „Corona-Zölibat“?

5. Jan. 2021 Michael G. Meyer
Bild: David Biene / DAH
Dirk Sander

Vor einigen Wochen lud die Deutsche Aids-Hilfe (DAH) zu einem Treffen ins SchwuZ, um u. a. mit Szenebars und -vereinen über die schwule und queere Infrastruktur nach der Pandemie zu sprechen. Dabei ging es auch um das „Szenesterben“ und inwieweit die Corona-Krise dafür zu einem Katalysator geworden ist. Wir fragten Dirk Sander von der DAH, welche Ergebnisse erarbeitet wurden und welchen Einfluss die Pandemie auf Community und Sexualität bisher hatte

Ende November seid ihr in einem Seminar der Frage nachgegangen, wie schwule/queere Infrastruktur nach dem Ende der Pandemie aussehen kann. Wen habt ihr eingeladen, und was war euch wichtig, dabei zu erörtern? Wir haben bundesweit Wirt*innen angeschrieben. Gekommen sind dann letztlich etwa 15, aus Berlin zum Beispiel Vertreter des Böse Buben e. V. oder vom Hafen, New Action oder Stahlrohr 2.0. Wir haben im SchwuZ darüber diskutiert, wie wichtig „Schutzräume“ in der Szene sind, wie die Läden die Corona–Krise bisher überstanden haben und wie neue Formen der Geselligkeit nach der Pandemie aussehen könnten. Sex und Darkroombars spielen bei der Debatte natürlich auch eine Rolle.

Habt ihr eine Idee entwickelt, wie diese „neuen Formen der Geselligkeit“ aussehen können? Nein, nicht wirklich. Wir können nur mutmaßen, wie es nach der Krise weitergeht. Im Moment geht es für viele um die reine Existenzsicherung.

Die Ausgehlandschaft, nicht nur in Berlin, ist ja sehr unterschiedlich: Sie reicht von Läden, die in der Vergangenheit gute Gewinne gemacht haben, bis zu jenen, die immer schon finanziell knapp dran waren und jetzt von Schließung bedroht sind. Wie war dein Eindruck, wo stehen wir da jetzt nach fast knapp einem Jahr Corona? Den Unterschied sehe ich nicht so. Wir hatten ja Teilnehmer aus ganz Deutschland von verschiedensten Institutionen, Bars und Clubs. Sie haben alle durch die Bank existenzielle Sorgen, teilweise sind die Hilfen bei ihnen noch nicht angekommen, sie haben umgebaut, haben aber wenig Rückhalt aus der Community.

„Gut gemeinte Hinweise, dass Selbstbefriedigung auch ganz toll ist, und dass man in der Krise die Chance habe, den eigenen Körper neu zu entdecken, sind für viele nicht besonders hilfreich"

Die Frage ist ja auch, ob und wie Menschen wieder zu alten Gewohnheiten zurückkehren werden, und damit verbunden ist die Frage, ob die Pandemie sexuelles Verhalten verändern wird. Sicher ist es noch etwas früh, das zu beurteilen, aber wagst du dennoch eine Prognose? Die Pandemie hat sexuelles Verhalten schon verändert. Weniger Sex oder gar keine Partner. Erste Studien zeigen, dass sich die Sexualität bei vielen schwulen und bisexuellen Männern an den ordnungspolitischen Vorgaben in der Pandemie orientiert, viele verzichten ganz auf Sex, oder die Kontakthäufigkeiten haben sich deutlich reduziert. Sieht man Sexualität als Grundbedürfnis, als Wunsch nach Geborgenheit, Zuneigung, Nähe, dann stellt sich natürlich die Frage, welche Folgen ein „Corona-Zölibat“ auf Dauer auf emotionaler Ebene haben wird. Mit Sexualität reduzieren wir auch Anspannung, wir fördern Entspannung. In der Präventionsarbeit geht es darum, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie diese Bedürfnisse noch zufriedenstellend erfüllt werden können. Da gibt es aber auch eine gewisse Hilflosigkeit in so einer Krise. Gut gemeinte Hinweise, dass Cam-Sex, also mit Videoübertragung, ja auch ganz toll ist, oder Selbstbefriedigung, und dass man in der Krise doch die Chance habe, den eigenen Körper neu zu entdecken, sind für viele nicht besonders hilfreich. Es bleibt ein Bedürfnis nach Körperkontakt, das man nicht ohne negative Folgen abstellen kann, schon gar nicht dauerhaft. Wir haben verschiedene bundesweite Beratungsangebote, und wir haben in unserem Health Chat für schwule und bisexuelle Männer, in dem Menschen aus der Zielgruppe selbst beraten, ganz explizit dazu aufgefordert, sich bei uns zu melden, wenn man einfach reden möchte, Sorgen oder Ängste hat. Und da besteht eine große Nachfrage. Aber ob sich das generelle Verhalten auch nach der Pandemie verändern wird, kann ich nicht sagen. Das müssen wir abwarten.

Es wird ja oft von einem wiedergewonnenen Zusammenhalt innerhalb der Szene gesprochen – die Frage ist, wie weit es damit her ist. Zu befürchten ist, dass der nach dem Ende der Pandemie wieder auf Normalmaß schrumpfen wird. Wie siehst du diese Situation? Sicherlich gab es am Anfang sehr viel Unterstützungsanreize, aber ob man das als „neuen Zusammenhalt“ sehen kann? Es wird sicher darauf ankommen, den Zusammenhalt auch nach der Pandemie immer wieder neu zu beschwören. Die Sexclubs haben, wahrscheinlich auch aufgrund der Schambesetzung, bisher gefühlt wenig Support aus der Community erfahren. Damals in der Aids-Krise konnte eine Schließung der Clubs und Saunen abgewendet werden, aber heute stellt sich doch die Frage, ob diese wichtigen Sexorte im Sommer 2021 noch da sein werden. Hier braucht es wirklich eine stärkere Lobby.

„Bars und Clubs gelten allzu oft als nicht systemrelevant“

Ihr habt auch einen Forderungskatalog entwickelt – an wen richtet sich dieser und um welche Punkte geht es? Der Forderungskatalog richtet sich an die Politik und an die Community. Er ist recht lang, nur so viel: Es gibt viel Unsicherheit unter den Wirt*innen, sie alle wünschen sich eine bessere Kommunikation mit den Behörden. Oftmals wird gar nicht unterschieden zwischen Orten der Prostitution, Swingerclubs oder Saunen. Da gibt es auch viele Vorbehalte von behördlicher Seite. Bars und Clubs gelten allzu oft als nicht „systemrelevant“, das bereitet vielen große Sorgen. Manche befürchten auch, dass Gäste sich bereits an die Situation gewöhnt haben, andere Wege gefunden haben, ihre Sexualität zu leben, und nun denken, es gehe auch ohne diese Orte. Es ist wichtig, anzuerkennen, dass die betroffenen Orte nicht nur gastronomische Betriebe, sondern Anlaufstellen für Menschen sind, die Nähe und Gespräche unter Gleichgesinnten suchen, bedeutsame Orte der schwulen Subkultur. Sie sollten als existenziell wichtige Institutionen für das schwule Leben deklariert und so geschützt und unterstützt werden.

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