Clubs in der Coronakrise

Wie lange halten SchwuZ und SO36 noch durch?

11. Aug. 2020 Paula Balov
Außenansicht des SchwuZ

An einen Neustart der Berliner Clubkultur ist im Moment nicht zu denken, viele Betreiber*innen stehen bereits jetzt vor der Insolvenz. Zumal einige Clubs durchs Raster der staatlichen Hilfen fallen. Dazu gehören auch das SchwuZ und das SO36. Wir fragten nach, wie lange sich die beiden Institutionen noch über Wasser halten können

Leere Tanzflächen, geschlossene Türen – noch immer kämpfen Clubbetriebe in der Coronakrise um ihre Existenz. Indoor-Clubs müssen seit Mitte März geschlossen bleiben, generieren keinen Umsatz und verschulden sich, so auch der queere Traditionsclub SchwuZ und das SO36. Weiterhin ist unklar, wann Clubs ihren normalen Betrieb wieder aufnehmen können. Bislang konnten sich SchwuZ und SO36 durch finanzielle Puffer oder Spenden aus der Community über Wasser halten. Ohne staatliche Unterstützung droht ihnen allerdings das Aus.

Der Berliner Senat und die Bundesregierung hatten mehrere Soforthilfsprogramme zur Rettung der Veranstaltungsbranche auf den Weg gebracht, doch nicht alle Clubs konnten davon profitieren. Die Clubcomission, das Netzwerk für Berliner Clubkultur, veröffentlichte Ende Juli eine Umfrage unter ihren Mitgliedern. Diese ergab, dass von den beantragten 30.000 Euro pro Club durchschnittlich nur knapp 19.000 Euro bewilligt wurden und einige Clubs gar keinen Anspruch auf die Hilfspakete hatten. Aufgrund der strengen Kriterien, die sich beispielsweise auf die Anzahl der Mitarbeiter*innen oder bereits erhaltene Darlehen beziehen, fallen viele Clubs durch das Raster. Im Fall von SchwuZ und SO36 ist genau das passiert.

SchwuZ: „Definitives Aus“ droht zum Ende des Jahres

Das SchwuZ hatte sich auf Soforthilfe IV beworben und eine Zusage bekommen. Die Auszahlung ist allerdings nicht erfolgt, weil der Club bereits einen Kredit bei der KfW Förderbank aufgenommen hat. „Dadurch hatten wir liquide Mittel für die Monate Juni, Juli und August und galten nicht als ausreichend hilfebedürftig,“ erklärt Florian Winkler-Ohm, Geschäftsführer des SchwuZ. Die Entscheidung, ob eine Auszahlung erfolgen soll, wurde auf September vertagt. Der KfW-Kredit wird voraussichtlich schon im November erschöpft sein. „Und wenn wirklich keine andere Hilfe kommt, schlittern wir schon zum Ende des Jahres auf ein definitives Aus zu.“

Das SO36 steht vor ähnlichen Problemen: Da der Club durch das erfolgreiche Wintergeschäft noch Mittel hatte, wurde der Antrag auf ein Hilfsprogramm abgelehnt. Der finanzielle Puffer ist allerdings schnell aufgebraucht und „ohne Unterstützung vom Staat halten wir nach heutiger Rechnung nur noch bis Ende September durch,“ sagt Nanette vom Presse-Team. Aus diesem Grund bewirbt sich das SO36 aktuell auf andere, bundesweite Hilfsprogramme.

Hoffnung auf Open-Air-Partys

Aktuell sind die meisten Angestellten der Clubs in Kurzarbeit, die Minijobber*innen im SchwuZ verzichten vorerst gänzlich auf ihr Gehalt. Nanette befürchtet, dass viele der studentischen Aushilfen und Minijobber*innen in Branchen abwandern werden, die früher wieder öffnen können. „Aber am schlimmsten trifft es eigentlich die Künstler*innen,“ findet Florian. „Sie fallen durch alle Support-Netze, finden kaum noch Auftrittsmöglichkeiten und haben selten finanzielle Polster.“

„Am schlimmsten trifft es eigentlich die Künstler*innen. Sie fallen durch alle Support-Netze, finden kaum noch Auftrittsmöglichkeiten und haben selten finanzielle Polster.“

Viele Clubbetriebe setzen ihre Hoffnung in Open-Air-Events. Allerdings stoßen Betreiber*innen schnell auf bürokratische Hürden. „Die Genehmigungsverfahren dauern relativ lange und wir haben bereits August,“ meint Florian. Nach den illegalen Partys in der Hasenheide, werde es dort wahrscheinlich keine genehmigten Partys mehr geben und und somit stehen in Neukölln keine Grünflächen mehr zur Verfügung, die das SchwuZ nutzen könnte. Nanette bezweifelt zudem, dass Open-Air-Partys unter Auflagen überhaupt attraktiv sein können.

Barkonzept für Clubs

Ideen für Alternativen gibt es zwar: Im Herbst wird sich das SchwuZ an einem Barkonzept versuchen. An den Vor-Corona-Umsatz kann das allein wegen der Auflagen und geringeren Gästezahl aber nicht herankommen. Das SO36 findet die Idee, den Club in eine Bar umzugestalten, wenig aussichtsreich: „Wir wollen nicht nur, dass irgendwas stattfindet,“ erklärt Nanette, „es soll auch schön sein und den Gästen etwas bieten.“ Bisher sieht das SO36 noch keinen Weg dies zu umzusetzen.

Trotz der unsicheren Zukunftsaussichten, sind Nanette und Florian optimistisch, dass die Politik ihr Versprechen halten und die Berliner Clubkultur und queere Szene retten wird. Zum Beispiel Klaus Lederer und der Berliner Fraktionsvorsitzende der Linken Carsten Schatz haben angekündigt, sich für die Kulturbetriebe einsetzen zu wollen. So hatte Carsten Schatz Ende Juli vorgeschlagen, stark betroffenen Clubs die Miete zu erlassen. Bis eine Perspektive gefunden wird, gilt es durchzuhalten – nicht nur finanziell.

Es fehlen Begegnungsräume

„Wir spüren eine große Lücke“, meint Nanette, „es fehlen Begegnungsräume, Freiräume, Safer Spaces. Es geht nicht nur ums Feiern.“ Kleine Aktionen und Alternativ-Konzepte sollen der ausgehungerten Community etwas zurückgeben. Das SchwuZ hat bereits zwei mal einen Abverkauf der Getränkebestände im Hof durchgeführt und lädt am 22. August zum Soli-Online-Stream „I Wanna Stream For Somebody“ ein. Das SO36 veranstaltet zum 42. Jubiläum das „Kiezbingo“ im Freiluftkino Kreuzberg. Zwar bringen diese Alternativen wenig Geld ein, „aber jeder Euro hilft uns, ein bisschen länger zu überleben,“ sagt Florian.

„Jeder Euro hilft uns, ein bisschen länger zu überleben.“

Beide Clubs können auf erfolgreiche Spendenaktionen zurückblicken. Für die Solidarität aus der LGBTI-Community sind sie „mehr als dankbar“. Sie bezweifeln allerdings, dass künftige Spendenaufrufe so erfolgreich sein werden: Mit dem Fortschreiten der Coronakrise sinkt bei vielen die Bereitschaft bzw. die Möglichkeit, zu spenden. Von der Community wünschen sie sich vor allem, „nicht vergessen zu werden“, wie Florian es formuliert: „In diesen Zeiten bedeutet allein das schon sehr viel.“

SO36 Wein – Release Party,
Die Weinhandlung Suff und das SO36 haben einen eigenen SO36 Soliwein kreiert.
Verkosten und kaufen könnt ihr ihn auf der SO 36 Wein Release Party
15.08., 15:00, vor dem SO36
SO36-Soli-Paket erhältlich unter shop.sufberlin.de


I Wanna Stream For Somebody
SchwuZ-Soli-Stream, Show mit Jade Pearl Baker, Bambi Mercury
22.08., 19:00, Stream
Spendenaktion SaveOurSchwuZ

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