DEMO AM 4. SEPTEMBER

Solidarität mit queeren Geflüchteten: Der Słubice-Frankfurt Pride 2022

31. Aug. 2022 Amanda Beser

Das an der polnischen Grenze liegende Frankfurt an der Oder und das polnische Słubice veranstalten am 4. September 2022 ihren dritten gemeinsamen Pride. 2020 zog die Słubice-Frankfurt Pride rund 2.000, 2021 rund 800 Teilnehmende an. In Anerkennung ihres länderübergreifenden Engagements für queere Sichtbarkeit hatte das Pride-Team im Mai 2022 die Theodor-Heuss-Medaille erhalten

Die Vision einer gemeinsamen Doppelstadt scheint derzeit wichtiger denn je. „Das Thema ‚Queers against Borders‘ verbanden wir am Anfang des Jahres noch mehr mit der polnisch-belarussischen Grenze, wo massiv queere Geflüchtete und Migrant*innen zurückgedrängt und misshandelt wurden“, erklärt Maike Dörnfeld aus dem Orga-Team. „Sie mussten tagelang in der Kälte ausharren und seit dem russischen Angriffskrieg hat das Thema nochmal eine weitere Bedeutung bekommen.“ Deshalb setze sich der Pride auch dafür ein, „dass gezielt auf die Situation von Queers und Migrant*innen geschaut“ werde. Trans* Personen bilden den zweiten Schwerpunkt des Pride. „Von allen LGBTIQ* sind trans* Personen eine sehr stark diskriminierte Gruppe“, sagt Maike. Auch habe das Orga-Team das Gefühl, dass die Transfeindlichkeit in Deutschland und Polen aktuell zunehme, weswegen es ihnen wichtig war, diesen thematischen Schwerpunkt zu setzen.

Die Forderungen

Eine konkrete Forderung des Prides lautet, dass „queerfeindliche Länder, wie etwa Pakistan, nicht als sogenannte sichere Herkunftsländer gelten dürfen. Queeren Personen muss Asyl geboten und die Push-Backs, also das Zurückdrängen von Geflüchteten an der Grenze, beendet werden“, fasst Maike die Forderungen des Słubice-Frankfurt Prides 2022 zusammen.

Seit mehreren Jahren gibt es in Deutschland immer wieder Diskussionen darüber, Länder wie Marokko, Tunesien und Algerien zu sogenannten sicheren Herkunftsländern zu erklären. Eine solche Einstufung hätte, wie queere Organisationen, wie etwa der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) kritisieren, weitreichende negative Folgen für die queeren Geflüchteten dieser Länder, da sich ihre Chancen auf ein faires Asylverfahren und damit die Erfolgsaussichten auf Asyl in Deutschland deutlich verschlechtern: Der Antrag kann leichter abgelehnt werden. Auch die Frist, gegen einen negativen Bescheid zu klagen, fällt bei Geflüchteten aus „sicheren Herkunftsstaaten“ nochmal deutlich kürzer aus als bei anderen Geflüchteten. „Außerdem schiebt das deutsche Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) queere Geflüchtete rechtswidrig ab, weil es von ihnen erwarte, in den Verfolgerstaaten ein diskretes Leben zu führen und ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität zu verbergen“, kritisiert Maike. Diese Praxis, auch Diskretionsgebot genannt, beschäftigt auch die Bundesvorstände der Liberalen Schwulen und Lesben (LiSL), QueerGrün und SPDqueer, welche im Juli eine gemeinsame Erklärung abgegeben hatten, in der sie forderten, das Diskretionsgebot für queere Asylsuchende umgehend zu beenden.

„Die homophoben Einstellungen, die zur Errichtung dieser Zonen geführt haben, sind weiterhin präsent“

Auch Polens Umgang mit queeren Menschen wird von den Veranstalter*innen des Słubice-Frankfurt-Prides scharf kritisiert. Seit 2019 hatten sich zahlreiche polnische Gemeinden als „LGBT-freie Zonen“ erklärt, womit sie zum Ausdruck bringen wollten, „frei von LGBT-Ideologie“ zu sein. Zwar wurden mittlerweile einige der sogenannten LGBT-freien Zonen in Polen wieder zurückgenommen, „doch fand das aus finanziellen Gründen statt“, wie Maike berichtet. Die EU hatte Druck aufgebaut, in dem sie ein Vertragsverletzungsverfahren einleitete und die Verhandlungen mit einigen polnischen Regionen über die Mittel aus dem Corona-Wiederaufbaufonds ruhen ließ. „Weshalb es ein sehr zweifelhafter Erfolg war“, wie Maike betont. „Die homophoben Einstellungen, die zur Errichtung dieser Zonen geführt haben, sind weiterhin präsent“, kritisiert sie.

Das Programm

Die solidarische Haltung zu queeren Geflüchteten jeglicher Herkunft findet dieses Jahr auch Ausdruck im diversen und international besetzten Programm des Pride. Während des Demonstrationszuges soll es Musik und Dragkunst geben. Darüber hinaus werden queere Geflüchtete aus dem Irak und der Ukraine, ebenso wie trans*Personen aus Deutschland und Polen in Redebeiträgen von ihren Erfahrungen berichten. Das Abschlusskonzert auf dem Brückenplatz in Frankfurt (Oder) setzt sich dieses Jahr aus Beiträgen queerer geflüchteter Kunstschaffender aus der Ukraine, Syrien und Russland zusammen. Auch ein musikalischer Beitrag vom „Lila Lied Queer Cabaret“ wird dabei sein. Das queere Kabarett, eine internationale Künstler*innengruppe um den Sänger und Regissuer Ludwig Obst, thematisiert das Leben und die Kämpfe der Subkultur in den 1920er-Jahre der Weimarer Republik. Das „Lila Lied“ des polnischen Komponisten Spoliansky, welches als Hymne der ersten LGBTIQ*-Emanzipationsbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts gilt, ist Ausgangspunkt der Revue.

Die Demoroute

Versammlungsort des Frankfurt Słubice Prides ist am Sonntag, dem 04.09. um 12 Uhr am Plac Bohaterów in Słubice. Nach einer Willkommensansprache und einigen Redebeiträgen, setzt sich der Demo-Zug um 13 Uhr in Richtung der Grenzbrücke/ Most Graniczny in Bewegung. Nach einem Zwischenstopp auf der Brücke, zieht die Demo weiter zum Endpunkt der Route, dem Brückenplatz/Plac Mostowy. Hier erwartet die Teilnehmenden ab 15 Uhr ein von queeren Migrant*innen und Geflüchteten zusammengestelltes Programm.

Słubice-Frankfurt Pride, 04.09.2022, Treffpunkt am Plac Bohaterów in Słubice: 12:00 Uhr, Start der Demo: 13:00 Uhr

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