Interview mit Schwulenberatung

Start ab Mai: Wie läuft das Drug-Checking in Berlin ab?

18. Apr. 2023 Muri Darida
Bild: Marco Verch CC BY 2.0 Quelle

Substanzen auf schädliche Stoffe prüfen lassen, bevor man sie konsumiert: Das geht jetzt auch in Berlin. Nach langem Warten soll im Mai das dezentrale Drug-Checking-Projekt starten. An der Umsetzung beteiligt ist auch die Berliner Schwulenberatung. SIEGESSÄULE-Autor*in Muri Darida sprach mit Conor Toomey, fachliche Leitung bei der Schwulenberatung, über die Hürden und Ziele des Projekts

Conor, wie läuft das Drug-Checking genau ab? Wenn eine Person in die Drug-Checking-Sprechstunde kommt, wird ihr zunächst das Verfahren erklärt. Dann kann die Person bis zu drei Proben zur Analyse abgeben. Bei Pulver reichen ein paar Milligramm, bei Tabletten besser eine ganze Einheit. Für jede Probe bekommt man einen Code, wir schicken die Substanzen ins Labor. Die Befunde übersetzen wir in eine verständliche Sprache und ungefähr nach drei Tagen bekommen die Konsument*innen persönlich oder telefonisch das Ergebnis. Man kann also am Anfang der Woche eine Substanz bei uns abgeben und zum Wochenende ist das Ergebnis da. In der Sprechstunde haben Nutzer*innen auch die Gelegenheit, den eigenen Konsum zu reflektieren und Fragen zu stellen.

Was ist das Ziel des Projekts? Wir möchten, dass Konsument*innen informierte Entscheidungen treffen können. Es ist wahrscheinlich, dass Menschen in unsere Sprechstunde kommen werden und sagen: Das hier habe ich als Kokain gekauft. Wir teilen den Konsument*innen mit, welche psychoaktiven Wirkstoffe wirklich in ihrem Pulver drin sind, in welcher Menge und ob gefährliche Streckmittel oder Verunreinigungen vorhanden sind. So kann Überdosierungen und ungewollten Intoxikationen vorgebeugt werden. Ein weiteres Ziel ist, dass wir Nutzer*innen vor Substanzen warnen können, bei denen aus dem Analyseergebnis abgeleitet werden kann, dass deren Konsum ein besonderes Risiko für die Gesundheit darstellen würde.

„Wir haben einen akzeptierenden Ansatz. Das heißt, wir verurteilen keinen Drogenkonsum, aber wir verharmlosen ihn auch nicht.“

Der Besitz von Substanzen wie Kokain ist illegal. Wie schützt ihr euch und eure Konsument*innen vor rechtlichen Konsequenzen? Das Drug-Checking ist rechtlich zulässig, dafür hat es ein Rechtsgutachten gegeben. Die darin vertretene Rechtsauffassung wurde von den drei beteiligten Senatsverwaltungen, der Polizei Berlin und der Generalstaatsanwaltschaft anerkannt. Auf Grundlage dieses Gutachtens wurden ein Sicherheitskonzept und ein Ablaufplan erarbeitet. Wir haben die Zusage, dass wir das Projekt wie geplant durchführen können. Dabei wird sichergestellt, dass die Nutzer*innen von Drugchecking, die in (mutmaßlichem) Besitz von illegal erworbenen Betäubungsmitteln die Einrichtung betreten, keiner strafrechtlichen Verfolgung ausgesetzt werden. Die Beratung ist anonym und kostenlos. Wir selbst erfassen nur wenige Daten wie Alter, Geschlechtsidentität und was die Substanz gekostet hat.

Sowohl Drogenkonsum als auch Queerness werden stigmatisiert. Wie schafft ihr einen sicheren Rahmen für Nutzer*innen? Wir haben einen akzeptierenden Ansatz. Das heißt, wir verurteilen keinen Drogenkonsum, aber wir verharmlosen ihn auch nicht. Das Drug-Checking ist nicht dazu da, den Substanzen ein Gütesiegel zu verpassen. Aber Konsum ist eine Realität, und wir verstehen es als unsere Aufgabe, darüber zu informieren. Wir sind uns bewusst, dass es Stigmatisierung gegen Queers gibt. Wenn diese Personen Substanzen konsumieren, findet eine doppelte Stigmatisierung und Kriminalisierung statt. Wir sind auch akzeptierend in Bezug auf verschiedene queere Lebenswelten. Im Laufe der letzten Jahre ist Chemsex innerhalb der schwulen Community ein größeres Phänomen geworden. Beim Chemsex werden Substanzen konsumiert, um sexuelle Enthemmung zu erleben, Sex länger betreiben zu können oder Sexualpraktiken möglich zu machen, die im nüchternen Zustand nicht realisierbar wären. Unsere Erfahrung zeigt, dass Personen, die Chemsex praktizieren, sich oft nicht als klassische Drogenkonsument*innen identifizieren und entsprechend nicht in eine reguläre Drogenberatungsstelle gehen würden. Wir möchten auch diese Personen ansprechen und ein Angebot schaffen, in dem sie sich verstanden fühlen. So soll der Zugang zum Hilfesystem, bei Bedarf, möglich werden.

„Unsere Erfahrung zeigt, dass Personen, die Chemsex praktizieren, sich oft nicht als klassische Drogenkonsument*innen identifizieren.“

Und wenn die Personen keine Hilfe möchten? Die Beratung beim Drug-Checking ist ein freiwilliges Angebot. Nur wenn du möchtest, kannst du zusammen mit der Berater*in schauen, wie integriert oder riskant dein Konsum ist. Die Beratung ist zieloffen und auf Augenhöhe. Bei Bedarf können die Berater*innen in weiterführende Beratungen oder Therapien vermitteln.

Seit 2018 laufen die Planungen für das Drug-Checking. Warum hat es jahrelang gedauert, bis das Projekt umgesetzt werden konnte? Drug-Checking ist sehr komplex. Je mehr ich mich selbst mit dem Thema befasse, desto mehr merke ich, wie vielschichtig das ist: wie viele Akteur*innen und Institutionen beteiligt sind und wie eng wir uns untereinander abstimmen müssen. Dazu kam noch die Pandemie, die Ressourcen im Gesundheitssystem und in der Verwaltung gebunden hat. Aber jetzt ist alles soweit startklar. Im April werden wir die Abläufe noch prüfen und im Laufe des Monats Mai startet dann das Projekt für alle.

Geht ihr dafür auch in die Clubs? Nein. Ein mobiles Drug-Checking ist vorerst nicht geplant. Das bedeutet einen sehr hohen materiellen und organisatorischen Aufwand. Das Angebot ist also für Personen, die bereit und in der Lage sind, ihren Konsum etwas zu planen. Unsere Anlaufstelle bei der Schwulenberatung ist derzeit noch in der Niebuhrstr. 59/60 in Charlottenburg, in ein paar Monaten ziehen wir dann nach Schöneberg um. Die anderen am Projekt beteiligten Träger sind Vista in Kreuzberg und Fixpunkt in Neukölln.

„Mehrere Studien zeigen, dass Drug-Checking entgegen mancher Befürchtungen keine Steigerung des Konsums bewirkt.“

Warum ist euer Projekt so wichtig? Mehrere Studien zeigen, dass Drug-Checking entgegen mancher Befürchtungen keine Steigerung des Konsums bewirkt. Das Gegenteil ist der Fall: Wenn man tatsächlich informieren kann, was genau zum Beispiel in einer Pille enthalten ist, verzögert das eher den Einstieg in den Konsum. Wenn Projekte, die Drug-Checking durchführen, Warnungen zu gesundheitsgefährdenden Substanzen aussprechen, hat das eine höhere Glaubwürdigkeit, als wenn das von anderen Instanzen kommt. Unser Projekt leistet also einen wichtigen Beitrag, um Menschen dabei zu unterstützen, Entscheidungen zu treffen, um ihre Gesundheit möglichst zu erhalten. So können wir einige der Gefahren abfedern, die Substanzkonsum mit sich bringt, und dafür sorgen, dass Menschen niedrigschwellig Zugang zu wertfreien Informationen, Beratung und Unterstützung bekommen.

Mehr Infos auf:
schwulenberatungberlin.de

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