Vampirfilm „Die Blutgräfin“ – opulenter Fiebertraum von Ulrike Ottinger
Eine aristokratische Vampirin treibt in Wien ihr Unwesen: In „Die Blutgräfin“ entwirft die legendäre lesbische und in Berlin lebende Filmemacherin Ulrike Ottinger gemeinsam mit Co-Autorin Elfriede Jelinek eine konzeptuell ausgefeilte und visuell beeindruckende Horrorsatire
Über einen unterirdischen See fährt die Blutgräfin (Isabelle Huppert), kürzlich aus einem jahrzehntelangen Schlaf erwacht, auf einem Kahn – so blutrot und pompös wie ihre Garderobe. Ein weiteres Boot fährt hier, in der Seegrotte Hinterbrühl, ebenfalls lang, auf dem Tourist*innen – in Kleidung unterschiedlicher Epochen – etwas über die Spuren der Nationalsozialisten in Wien lernen.
Diese Anfangsszene ist der Schlüssel für Ulrike Ottingers ersten Vampirfilm: Wir befinden uns in einer anachronistischen Gegenwart, in der Mythen lebendig werden und assoziativ das imperiale Wien mit den autoritären Systemen der jüngeren Geschichte in Verbindung gebracht wird.
Ein mysteriöses Buch bringt die Handlung ins Rollen: Die Blutgräfin will es zerstören, da es ihre Vampirherrschaft beenden könnte. Denn es genügt eine aufrichtige Träne eines Vampirs, die das Buch berührt, um ihn in einen Menschen zu verwandeln. Unverzüglich beginnt sie, gemeinsam mit ihrer treu ergebenen Zofe Hermine (Birgit Minichmayr), nach dem Artefakt zu suchen. Polizeiinspektoren und Vampirforscher sind ihr dicht auf den Fersen. Während dieser Schnitzeljagd geht die Blutgräfin auch ein paar Damen an den Hals – natürlich mit den sapphischen Untertönen, die den Vampirmythos seit jeher begleiten.
Morbide Schauplätze, ulkige Charaktere
Die Figur der Blutgräfin geht auf die ungarische Adlige Elisabeth Báthory (1560–1614) zurück. Diese wurde als Serienmörderin verurteilt und soll der Legende nach im Blut der Frauen, die ihr zum Opfer fielen, gebadet haben. Viele Historiker*innen halten eine politisch motivierte Intrige gegen sie jedoch für wahrscheinlicher.
Ottinger geht es jedoch nicht wirklich um den Plot und auch nicht darum, diese Legende zu ergründen. Vielmehr stellt sie die Frage: Wie sähe es aus, wäre Gräfin Elisabeth Báthory – und ihr gesamtes Adelsgeschlecht – eine aus Vampiren bestehende Oberklasse, die bis heute Wien heimsucht? So ist in gewisser Hinsicht die eigentliche Hauptfigur des Films die Kinematografie selbst: die monumentalen Aufnahmen von Wien und seinen teils morbiden Szenerien wie der Pestsäule, den Katakomben oder der pathologisch-anatomischen Sammlung des Narrenturms sowie das bewusste Spiel mit Licht und Schatten, kostbaren Stoffen und opernhaften Kulissen, die zu Schauplätzen grotesker Vampirrituale werden.
Die eigentliche Hauptfigur des Films ist die Kinematografie selbst: die monumentalen Aufnahmen von Wien und seinen teils morbiden Szenerien.
Durchbrochen wird das bedeutungsschwere Setting von den ulkigen Figuren. Da wäre etwa die bereits erwähnte Zofe, die mit Sprüchen wie „Mon petit Würgeschatzerl“ glänzt, der vegetarische Vampir mit dem stolzen Namen Baron Rudi Bubi von Strudl zur Buchtelau oder die verpeilten Vampirforscher Theobastus Bombastus und Nepomuk Nachbiss, die die „Identität der Vampire im Zeitalter ihrer digitalen Reproduzierbarkeit“ studieren. Der Film entfaltet sich schnell als fiebertraumartige Parade verschiedener Karikaturen der österreichischen Gesellschaft.
Stellenweise hölzern
Ottinger ist ein konzeptuell und visuell starkes Werk gelungen, das einen frischen Blick auf den Vampirfilm jenseits von Genrekonventionen wirft. Die zutiefst österreichische Horrorsatire funktioniert auch dank Elfriede Jelinek, die als Co-Autorin am Drehbuch beteiligt war und der viele der Namen und Witze zu verdanken sind.
Doch immer dann, wenn „Die Blutgräfin“ etwas mehr Albernheit zulässt, wird die sonstige Steifheit des Films deutlich. Szenen, in denen komische Situationen auf die Spitze getrieben werden – etwa wenn der wohl schlechteste Therapeut der Welt, Theobald Tandem (Lars Eidinger), auf Baron Rudi Bubi trifft –, oder Momente wie der völlig unnötige, aber vielleicht gerade deshalb großartige Gastauftritt von Conchita Wurst sind willkommene Farbtupfer in einer zwar wunderschönen, doch zuweilen emotional gedämpften Inszenierung. Von dieser campy Freiheit hätte der Film gewiss noch etwas mehr vertragen.
Die Blutgräfin,
AT/LU/DE 2026,
Regie: Ulrike Ottinger.
Mit: Isabelle Huppert, Birgit Minichmayr, Lars Eidinger u. a.
Ab 29.10. im Kino
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