Trans Day Of Visibility

Was kostet es, ich zu sein? – Mireya und die Defizite in der Trans*-Versorgung

31. März 2026 Judith Goetsch
Bild: Julio Moran
Mireya fühlt sich bei ihrem Spiegelbild unwohl

Fälle wie der von Mireya Nadalet (31) gibt es viele: Als trans* Frau kämpft sie mit Genderdysphorie, zugleich muss sie das Geld für die potenziell lebensverändernde Gesichtsfeminisierung selbst aufbringen. Für Trans*-Verbände ist das ein Symptom eines strukturellen Problems: der Versorgungslücke für trans* Personen. Anlässlich des Trans Day of Visibility stellen wir Mireyas Geschichte vor

Es ist ein Vormittag am Wochenende. „Der Herr bitte!“, ruft die Verkäuferin. Mireya steht in der Schlange beim Backshop und wartet darauf, ihre Brötchen zu bestellen. Sie spürt den Augenkontakt, bei den Worten „Der Herr“ blickt sie auf. Für einen Moment ist sie enttäuscht, presst die Lippen zusammen. Mireya fühlt sich damit nicht angesprochen. Dennoch weiß sie gleich, dass sie gemeint ist. Mireya ist trans* und daran gewöhnt, dass sie in ihrem Alltag häufig als männlich gelesen wird. Ob in der U-Bahn, bei der Arbeit oder eben beim Bäcker. So schnell bringt sie das nicht aus dem Konzept. Mireya atmet durch, lächelt die Verkäuferin an und nennt ihre Bestellung.

Selbst an einem Tag, an dem Mireya ein tolles Outfit anhat, sich zurecht gemacht hat, wird sie das Gefühl nicht los: Da stimmt etwas immer noch nicht. Die ausgeprägte Augenpartie, das kantige Kinn, der Bartschatten. „Ich empfinde mein Gesicht als zu männlich“, erklärt Mireya gegenüber SIEGESSÄULE. Deswegen möchte sie eine Gesichtsfeminisierung vornehmen lassen, eine Facial Feminization Surgery. Für die Operation, die zwischen 20.000 und 40.000 Euro kosten kann, sammelt sie Spenden auf GoFundMe, weil die Krankenkasse nicht zahlt.

Das, was Mireya sieht, passt nicht zu ihrem inneren Verständnis von sich selbst. Daraus entsteht Leidensdruck – Genderdysphorie. Es gebe nicht „das eine weibliche Gesicht“, sagt Mireya. Natürlich könne auch eine cis Frau ähnliche Gesichtszüge haben wie sie. Doch Menschen würden eben leider dazu neigen, eine Unterscheidung in männlich oder weiblich machen zu wollen. „Und mein Gesicht wirkt auf die meisten männlich. Deswegen habe ich mich für die OP entschieden“, sagt Mireya.

Seit 2023 ist sie in Hormonbehandlung. Doch an ihren Gesichtszügen, die ihre Dysphorie verstärken, ändert diese Behandlung wenig. Mireya verbringt im Alltag viel Zeit damit, sich zurecht zu machen. Sie greift hin und wieder auch zu aufwendigen Makeup-Techniken. „Ich mache zum Beispiel Contouring am Kinn, damit es weniger kantig aussieht“, erklärt Mireya. Sie rasiert sich täglich und benutzt starke Abdeckung, um ihren Bartschatten zu verdecken. Dabei geht es auch um ihre eigene Sicherheit.

Bild: Julia Monro
Mireya Nadalet

Seit Mireya ihre Identität als trans Frau offen auslebt, muss sie sich häufiger Sprüche anhören oder Blicke ertragen. Doch im Dezember 2025 kommt es auf ihrem Arbeitsplatz im Jugendzentrum zu einer Ausnahmesituation. Eigentlich fängt der Tag sehr schön an. Die Adventszeit hat gerade begonnen und als vorweihnachtliches Geschenk kann sie sich über einen Meilenstein in ihrer Spendenkampagne freuen. Sie hat 10.000 Euro erreicht. Wow! Was Mireya jetzt noch nicht weiß: Am gleichen Tag soll sie noch queerfeindliche Anfeindungen erleben. „Das war die schlimmste Erfahrung, die ich seit meinem Coming-out gemacht habe“, erzählt sie.

Es beginnt mit einem Gespräch über Männlichkeit mit einer Gruppe Jugendlicher. Ein heikles Thema. „Sie haben mich gefragt, ob ich mich als Mann identifiziere und ich habe ‚Nein‘ gesagt.“ Mireya hat das Gefühl, es läuft gut. Sie denkt: Vielleicht bin ich zu den Jugendlichen durchgedrungen.

Doch etwas später hört sie, wie etwas über den Lautsprecher des Jugendzentrums abgespielt wird. Eine verzerrte Stimme sagt ihren alten Namen, gefolgt von „Du schwuler Hurensohn“. Die Durchsage dröhnt für alle hörbar durch die Räumlichkeiten. Zu diesem Zeitpunkt sei ihr Name Mireya in der Einrichtung noch nicht bekannt gewesen, sagt sie. Trotzdem trifft sie die Skrupellosigkeit. Als sie und ihre Kollegin die Jugendlichen konfrontieren, werden ihre Hoffnungen auf ein produktives Gespräch zerstört. „Sie sind gar nicht auf uns eingegangen“. Später muss sogar die Polizei alarmiert werden, weil die Jugendlichen nicht freiwillig gehen.

Geschlechtsangleichende OPs verbessern die Lebensqualität

Anstatt auf ihren Spendenmeilenstein anzustoßen, recherchiert Mireya zuhause Selbstverteidigungsmethoden. Der Leidensdruck wird immer größer, deswegen soll es unbedingt mit der Facial Feminization Surgery (FFS) voran gehen. Der Begriff FFS umfasst unterschiedliche Eingriffe im Gesicht. Zum Beispiel Kinn, Nase oder Augenpartie sollen durch solche Operationen ein feminineres Aussehen bekommen, ohne den Charakter des Gesichts völlig zu verändern. Mireya geht es vor Allem um ihre Augenpartie und die Stirn.

Der Prozess ist eine Herausforderung. „Seit meiner öffentlichen Transition erlebe ich ein ständiges Auf und Ab“, sagt sie. Die Freude über einen guten Arzttermin werde getrübt durch die fehlende Perspektive, wann die Operation denn endlich stattfinden könne. Die FFS ist für Mireya eine Strategie, um ihre Dysphorie zu behandeln – genauso wie viele andere geschlechtsangleichende Behandlungen und Operation es sind. Der Unterschied: FFS werden meist nicht von den Krankenkassen übernommen. Nicht einmal die Kosten für eine Bartentfernung konnte Mireya bisher beim zuständigen Medizinischen Dienst durchsetzen. „Die Kosten dafür sind im Vergleich zur FFS gering“, sagt sie. Deshalb habe sie einen Antrag für die FFS bei ihrer Krankenkasse gar nicht erst gestellt. Dabei wäre die Operation so wichtig, um ihre Dysphorie zu behandeln und sich sicherer zu fühlen. Wissenschaftlich ist der medizinische Nutzen gut belegt: Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) bestätigt in ihrer aktuellen Leitlinie „Chirurgische Maßnahmen bei Geschlechtsinkongruenz“ einen deutlichen Nutzen geschlechtsangleichender Operationen für die Lebensqualität.

Strukturelle Unterversorgung

Der Bundesverband Trans* (BVT*) sieht in Fällen wie Mireyas eine große Versorgungslücke für Kassenpatient*innen. Unter anderem kritisiert der Verband auf Anfrage, dass es für Eingriffe wie die Facial Feminization Surgery und auch für die Bartentfernung in Deutschland keine klare gesetzliche Grundlage zur Kostenübernahme gebe. In der Praxis würden Anträge häufig scheitern, auch weil sich Rechtsprechung und Begutachtung nicht konsequent an aktuellen medizinischen Leitlinien orientierten. Gleichzeitig gebe es eine strukturelle Unterversorgung: Leistungen seien zu niedrig vergütet, weshalb es an behandelnden Ärzt*innen oder anderen Behandler*innen mangele. Seit einem Urteil des Bundessozialgerichts im Oktober 2023 habe sich die Situation nach Einschätzung des Verbands weiter verschärft, die Kostenübernahme werde zunehmend restriktiver gehandhabt.

Auf diese Rechtssprechung nimmt auch der Medizinische Dienst auf Anfrage Bezug. „Gemäß diesen Urteilen des BSG besteht derzeit keine Leistungsverpflichtung der gesetzlichen Krankenkassen bei Transsexualismus [sic!], es sei denn, die Krankenkasse stellt im Einzelfall fest, dass Vertrauensschutz vorliegt“, heißt es in der Erklärung.

Geschlechtsangleichende Maßnahmen, einschließlich der Facial Feminization Surgery, würden einzelfallbezogen nach Sozialgesetzbuch, Rechtsprechung und Richtlinien geprüft. Die Entscheidung über die Kosten liege jedoch bei den Krankenkassen. Voraussetzungen seien unter anderem Diagnose, Leidensdruck und Therapie. Bartentfernung sei grundsätzlich Kassenleistung, müsse aber vertragsärztlich erfolgen. Eine Versorgungslücke gebe es nicht, so der Medizinische Dienst.

„Ich möchte nach der Operation nicht unbedingt schöner aussehen. Sondern einfach mehr wie ich.“

Es sieht so aus, als müsse Mireya das Geld selbst zusammen bekommen. Aktuell steht die Spendenkampagne bei etwas über 12.500 Euro, beinahe 50 Prozent des Spendenziels sind erreicht. Parallel dazu spart sie. Es ist kein kosmetischer Eingriff, sondern eine Notwendigkeit. Es gehe ihr nicht darum, einem bestimmten weiblichen Schönheitsideal zu entsprechen. „Ich möchte nach der Operation nicht unbedingt schöner aussehen“, sagt sie. „Sondern einfach mehr wie ich“.

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