Kolumne: Sex-Positionen

Was macht Mainstreaming mit der sexpositiven Berliner Clubkultur?

30. Okt. 2026 Jeff Mannes
Bild: Alexander Wille
Tanzfläche beim Hustlaball Berlin im KitKatClub am 16.10.

Die sexpositive Clubszene rund um den KitKatClub, die einst Kinksters aller Couleur vereinte, ist im Mainstream angekommen und hat sich verändert. Die Outfits werden austauschbarer und die Queers weniger sichtbar. Doch mit Touri-Bashing ist auch niemandem geholfen, findet SIEGESSÄULE-Kolumnist Jeff Mannes und fragt: Wie lassen sich die Werte dieser Clubkultur besser vermitteln?

Offenbar brauchte ich ein neues Outfit. Dabei trug ich ein Harness mit eingebautem Cockring und einen schwarzen Kilt mit Ketten. Viel schwuler hätte ich mich für einen Abend im KitKatClub eigentlich nicht anziehen können. Dachte ich. Ich wollte mein zehnjähriges Jubiläum in Berlin feiern, mein Lieblings-DJ Andeel legte auf, und mein Partner war dabei. An der Tür zeigten wir auf Nachfrage unsere Outfits unter den Jacken. Kurzer Blick darauf. Dann: „Nee, passt nicht.“ Ich war überrascht. Mit dieser Kleidung war ich bisher immer hineingekommen. Da ich direkt gegenüber wohne, bot ich an, mich umzuziehen und wiederzukommen. Aber die Kleidung sei nicht das Problem, erklärte der Türsteher dann. Man lasse nicht so viele „single Männer“ hinein. Erst später begriff ich, dass wir offenbar als zwei heterosexuelle Männer gelesen worden waren. Wir gingen zurück, ich erklärte, dass wir ein schwules Paar seien. Er schaute uns noch einmal an und ließ uns hinein.

Die Situation war lustig. Ich dachte, ich „sah schwul aus“ und wurde dann hetero gelesen. Aber sie brachte mich auch zum Nachdenken. Fetischkleidung, die früher auch als schwuler Code funktionierte, ist längst im Mainstream angekommen und wird von Menschen unterschiedlichster sexueller Orientierungen getragen. Daran ist erst einmal nichts falsch. Ich möchte weder Heteros Harnesse verbieten noch meine sexuelle Orientierung an der Tür beweisen müssen.

Trotzdem verändert sich etwas, wenn die Zeichen einer Subkultur sich verbreiten, wenn selbst große Kaufhausketten mittlerweile Outfits mit Harness im Sortiment haben oder Spätis rund ums Kitty Netzhemde für 20 Euro verkaufen. Man kann sich deren Ästhetik aneignen, ohne ihre Geschichte oder die Umgangsformen ihrer Räume zu kennen. Natürlich kann man sich auch ohne jedes Vorwissen respektvoll verhalten. Und umgekehrt macht ein langjähriger Platz in der Szene niemanden automatisch zu einem angenehmen Clubgänger. Die Frage ist, was mit einem Raum passiert, wenn sein Ruf und seine sichtbaren Codes bekannter werden als die sexpositive Kultur mit ihren Codes und Regeln rund um Konsens, Safer Space und Sexualpolitiken, die darin gelebt wird.

Die Frage ist, was mit einem Raum passiert, wenn seine sichtbaren Codes bekannter werden als die sexpositive Kultur, die darin gelebt wird.

Als ich vor über zehn Jahren zum ersten Mal zur Samstagsparty ins Kitty ging, war es voller Freaks. Im besten Sinne. Ich erinnere mich an eine Gruppe von cis und trans Frauen, die auf der Tanzfläche einen Mann dominierte. Er lag auf dem Boden und küsste ihre Füße. Ich sah Menschen in verrückten Outfits, die ungewöhnliche Fetische auslebten, denen ich vorher nirgendwo begegnet war. Das hat mein Denken über Sexualität beflügelt. Vorher kannte ich vor allem heterosexuell geprägte Mainstream-Clubs und schwule Orte, in denen Frauen und Heteros unerwünscht waren. Im Kitty trafen diese Welten aufeinander, und ich fühlte mich trotzdem vollkommen wohl. Ich hatte das Gefühl, direkt neben einem Hetero Analsex haben zu können, ohne homofeindlich beäugt oder kommentiert zu werden. Vielleicht hätte er mir danach sogar ein Kompliment gemacht.

Wobei die Komplimente, an die ich mich erinnere, längst nicht alle sexueller Art waren. Menschen lächelten sich an, kamen ins Gespräch, tanzten miteinander. Auch mit Menschen, mit denen sie nicht ins Bett wollten. Gerade das war für mich besonders: die selbstverständlichen Kontakte zu heterosexuellen cis Männern, zu cis und trans Frauen, zu Menschen mit ganz anderen Kinks. Viele der cis Heteros waren auf ihre Weise queer. Damit meine ich hier eine Lebensweise außerhalb der Norm, ihre eigenen ungewöhnlichen Vorlieben und ihr Verständnis für queere Lebenswelten. Sie tolerierten uns nicht bloß. Wir gestalteten gemeinsam einen Ort, an dem sehr unterschiedliche Formen von Sexualität Platz hatten.

Das war besonders: die selbstverständlichen Kontakte zu heterosexuellen cis Männern, zu cis und trans Frauen, zu Menschen mit ganz anderen Kinks.

Diese Kultur hat eine Geschichte. Techno wurde von Schwarzen Musiker*innen in Detroit geprägt und war bereits dort mit Schwarzen und queeren Räumen verbunden. In Berlin schuf der Mauerfall die Bedingungen für eine neue Clubszene. Leerstehende Gebäude wurden zu Orten für Partys, der Tresor eröffnete 1991 im Keller des ehemaligen Kaufhauses Wertheim und baute enge Verbindungen zu Schwarzen Techno-DJs aus Detroit auf. In Erinnerungen an diese Zeit begegnet einem immer wieder das Gefühl, Unterschiede zwischen Ost und West auf der Tanzfläche hinter sich lassen zu können.

Unter dem Diktat des Technosounds, so beschreiben es Zeug*innen aus der Zeit, war es egal, ob man aus dem Osten oder Westen kam, ob man hetero oder homo oder aus der Stadt oder vom Land war. Alle waren gleich unter dem Diktat des Technos – nicht selten auch befeuert durch MDMA, das in den 90ern beliebt war. Elektronische Musik traf auf bereits bestehende queere und andere subkulturelle Szenen. Das 1994 gegründete KitKat wurde zu einem Ort, an dem Tanzen und sexuelle Freizügigkeit zusammengehörten, wo sich der Techno aus der Schwarzen Community mit der Sexpositivität aus der queeren Community verband und die legendäre Berliner Clubkultur schuf.

Weniger Offenheit, stressige Stimmung

Ich finde im Kitty noch immer tolle Menschen, geile Outfits und ungewöhnliche Fetische. Mir geht es hier um den Samstag, die eigene Clubnacht des KitKat, nicht um sämtliche Partys im Haus. An diesen Samstagen nehme ich Veränderungen wahr. Die Outfits sind weniger freaky, Blickkontakt und freundliches Anlächeln seltener. Auf einem Balkon, auf dem früher viele schwule Männer Sex hatten, sucht man diese heute vergeblich. Auch andere Stammgäste erzählen von ähnlichen Beobachtungen. Manchmal ist es so voll, dass man kaum durch die Räume kommt. Man wird herumgeschoben, ist gestresst, bleibt mehr für sich. Als schwuler Mann fühle ich mich weiterhin akzeptiert. Als Mensch fühle ich mich manchmal eher beiseitegeschoben. Natürlich kann ich aus meinen Besuchen keine Statistik über das Publikum ableiten. Aber ich kann beschreiben, dass sich der Raum für manche verändert hat.

Die Tür soll verhindern, dass aus einem Ort sexueller Freiheit ein Ort wird, an dem Menschen als verfügbares Sexangebot behandelt werden.

Mit seiner Bekanntheit zieht das Kitty auch Menschen an, die bisher wenig Berührung mit solchen Orten hatten. Manche suchen sexuelle Freiheit, andere sind neugierig, manche haben vor allem gehört, dass man dort Sex haben kann. Aus Gesprächen mit Clubbetreiber*innen und Türsteher*innen kenne ich die Sorge, dass insbesondere manche heterosexuellen cis Männer mit Erwartungen kommen, die dem Raum nicht guttun. Die Tür soll auch verhindern, dass aus einem Ort gemeinsamer sexueller Freiheit ein Ort wird, an dem andere Menschen als verfügbares Sexangebot oder als sensationsgeile Sehenswürdigkeit behandelt werden. Wer sich auf dem Weg ins Kitty im Späti nebenan noch schnell ein Netzhemd kauft, hat damit ein Netzhemd. Was Konsens bedeutet, wie man Interesse zeigt, eine Ablehnung respektiert und anderen Raum gibt, ist damit noch nicht geklärt.

Wie gelingt der Wissenstransfer?

Aber es geht mir nicht um Touri-Bashing, im Gegenteil! Respektvolle Freaks, Kinksters und Queers gibt es überall, nicht nur in Berlin. Auch sie verdienen Orte, an denen sie sich ausleben können. Ihre Besuche tragen zum Fortbestehen der Clubs bei, und internationale Begegnungen gehören zu deren Geschichte. Mich beschäftigt die Mainstreamisierung: Fetischkleidung wird geläufiger, während ich manche ungewöhnlichen Praktiken seltener sehe, weniger Queers und Freaks in den Räumen unterwegs zu sein scheinen und ich weniger unkomplizierte Kontakte erlebe.

Das ist zunächst mein Befund, keine bewiesene Ursache-Wirkungs-Kette. Die Überfüllung im Club – man muss sich teilweise richtig durch die Masse durchkämpfen und einzelne beiseiteschieben – spielt sicherlich in meine Erfahrung hinein. Aber die Frage bleibt, wie ein Club seine besondere soziale Kultur bewahrt, wenn immer mehr Menschen mit unterschiedlichen Erwartungen zusammenkommen. Dafür muss niemand die 90er selbst erlebt haben. Denn diese Kultur kann auch weitergegeben werden, so wie sie auch mir weitergegeben wurde.

Genau das versuche ich auf meinen kinky Stadtführungen. Meine Gäste fragen, wie sie hineinkommen, wonach Türsteher*innen schauen, wie Konsens genau ausgehandelt wird und wie sie sich verhalten sollen. Solche Fragen eröffnen ein Gespräch über die Geschichte der Orte, darüber, weshalb sie Safer Spaces sind, und über den Umgang miteinander. Meine Gäste sind eine bestimmte Auswahl, sie buchen bewusst eine solche Führung. Ich kann daraus wenig über das gesamte touristische Publikum ableiten. Aber ich erlebe, dass Vermittlung möglich ist.

Ich gönne dem Kitty seinen Erfolg und möchte weiterhin selbst dort Neues entdecken können. Auch Menschen, die zum ersten Mal kommen, sollen erleben dürfen, was mich damals so begeistert hat. Dazu gehören sexuelle Möglichkeiten und das Gefühl, mit der eigenen Anwesenheit, dem eigenen Körper, so wie er ist, der eigenen Sexualität und der eigenen geschlechtlichen Identität willkommen zu sein. Für mich begann dieses Gefühl oft damit, dass mich jemand einfach freundlich anlächelte. Lasst uns dies bewahren.

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