Nightlife

Zwischen den Welten: Wie Merak einen Safer Space für Balkan-Queers schafft

22. Okt. 2026 Interview: Paula Balov
Bild: Merak
Das Häkeldeckchen ist in jedem Haushalt auf dem Balkan zu finden – und wird von Merak als Symbol genutzt

Viele queere Menschen aus dem Balkan vermissen in Berlin oft einen echten Safer Space. Die Antwort darauf ist Merak. Katerina, Mitbegründerin und DJ des Partykollektivs, erzählt im Interview, wie Merak die Vielfalt Südosteuropas feiert, wie der Spagat zwischen politischem Diskurs und Feierkultur gelingt und warum ein traditionelles Häkeldeckchen zu Balkan-Clubmusik passt

Katerina, was ist deine Geschichte mit Merak? Wie habt ihr als Partykollektiv zusammengefunden? Ich bin eine der Gründer*innen. Ich komme aus Mazedonien und lebe seit 13 Jahren in Berlin. Ich bin beruflich Veranstalterin und auch DJ bei Merak. Ich habe mir schon lange eine solche Initiative gewünscht. Zuvor hatte ich nicht viel Kontakt zu queeren Menschen aus dem Balkan in Berlin. Auch der Kontakt zu Queers in meiner Heimat war sehr begrenzt. Vor ungefähr zwei oder zweieinhalb Jahren hat Nevena, eine der anderen Gründer*innen, einen Open Call über ihre Instagram-Story gestartet, um ein queeres Balkan-Kollektiv zu gründen. So hat sich unsere Gruppe formiert. Wir sind sechs Leute, bringen ganz unterschiedliche Stärken mit, teilen uns alles auf und machen alles ehrenamtlich. Bei uns gibt es sowohl Diaspora-Menschen, die als Kinder von Zugewanderten in Deutschland aufgewachsen sind, als auch Leute wie mich, die erst später hierhergezogen sind.

Wie seid ihr auf den Namen „Merak“ gekommen? Merak stammt ursprünglich aus dem Türkischen und wurde mit unterschiedlichen Bedeutungen in verschiedene südosteuropäische Sprachen übernommen. Im Mazedonischen beschreibt das Wort etwas, das einem sehr am Herzen liegt. In anderen Sprachen steht es für Neugier. Der Balkan ist vielfältig, aber dieses Wort kennen wir alle. Das passt natürlich zu unserem Ziel: die Vielfalt des Balkans zu feiern und sie so gut wie möglich zu repräsentieren.

Ein verbindendes Symbol also. Ist deshalb auch das Häkeldeckchen ein wiederkehrendes Motiv bei euch? Genau, das ist einfach ein typischer Gegenstand in jedem Haushalt. (lacht) Auf jedem Fernseher liegt so ein Deckchen. Ich habe sogar hier in Berlin eins auf meinen Lautsprechern. Es ist ein Symbol für Zuhause, ein bisschen altmodisch, aber sympathisch.

„Mit Merak haben wir tatsächlich einen Raum geschaffen, in dem sich Menschen wie ich nicht mehr anpassen müssen.“

Abgesehen von tollen Partys: Was ist die Vision von Merak? Als Ausländerin muss ich mich jeden Tag anpassen, sei es wegen der Sprache oder meiner Mentalität. Und wir sind in der westlichen Welt unglaublich unterrepräsentiert. Auch zu Hause in Mazedonien muss ich mich anpassen, weil ich queer bin. Mit Merak haben wir tatsächlich einen Raum geschaffen, in dem sich Menschen wie ich nicht mehr anpassen müssen. Zu sehen, dass das funktioniert, ist einfach unglaublich. Uns war aber auch wichtig, nicht nur queere Menschen, sondern auch Allys einzubeziehen. Dass wir den queeren Aspekt so offen nach außen kommunizieren, dient auch als Filter: Wenn dich Queerness stört, bist du bei uns nicht willkommen.

Bild: Merak | Ceren Saner
Katerina (4. v. l.) ist Mitbegründerin des Merak-Kollektivs

Wie bringt ihr die verschiedenen Nationalitäten unter ein Dach? Auf dem Balkan gibt es ja überall Spannungen zwischen den verschiedenen Ländern. Wir wollen diese nicht ignorieren, sondern offen damit umgehen. In einem Raum, in dem unterschiedliche Perspektiven Platz haben, aber niemand aufgrund seiner Nationalität oder Religion ausgeschlossen wird. In dem du aussprechen darfst: Deine Vorfahren haben einen Genozid an meinen Vorfahren begangen. Und trotzdem sind wir hier und hören einander zu. Du hörst meinen Schmerz, und ich höre mir deine Perspektive an. Gleichzeitig soll es nicht nur um das Leid auf dem Balkan gehen, sondern auch ums Feiern und um die Freude.

„Es soll nicht nur um das Leid auf dem Balkan gehen, sondern auch ums Feiern und um die Freude.“

Als ich bei eurer letzten Party war, habe ich euren Code of Conduct gelesen, in dem ihr deutlich schreibt, dass ihr zum Beispiel Kosovo oder Mazedonien anerkennt. Das hat mich überrascht, da ich von meiner Elterngeneration her kenne, dass man – selbst bei einer antinationalistischen Einstellung – dieses Fass lieber nicht aufmachen will, gerade auf Veranstaltungen, um Konflikte vorzubeugen. Wie seht ihr das? Das funktioniert tatsächlich ganz super und wirkt auch wie ein Filter: Wer sich daran stört, wird nicht wiederkommen, ganz einfach. Natürlich sind wir offen für Diskurse und führen sie auch untereinander immer wieder. Du kennst das bestimmt auch als Mazedonierin, dass uns auf so vielen Ebenen die Identität abgesprochen wird. Und auch deshalb war es mir persönlich sehr wichtig, dass da eine Gruppe steht, die uns offen Verständnis entgegenbringt. Als wir an dem Text gearbeitet haben, haben wir darauf geachtet, dass niemand für eine andere Nationalität oder Kultur spricht. Wir alle tragen aufgrund politischer Ereignisse Traumata in uns, und doch sind wir alle individuelle menschliche Wesen. Wir möchten die Traumata vielmehr verarbeiten und sie nicht an zukünftige Generationen weitergeben. Aber ich verstehe auch, warum die Generation vor unserer das Thema lieber nicht an die große Glocke hängen wollte. Das ist eine harte Arbeit, und wir haben uns das zugetraut. Wir sind keine politische Organisation, sondern eine kulturelle Veranstaltung. Aber die Auseinandersetzung mit dem Thema ist einfach ein Teil von Merak.

Glaubst du, dass das auch damit zu tun hat, dass Migrant*innen und Postmigrant*innen, die jetzt in ihren 20ern und 30ern sind, einfach mehr Distanz zu den Kosovo- und Jugoslawienkriegen haben? Ich glaube, Abstand hat auf jeden Fall etwas damit zu tun. Es gibt bei uns schon Leute, die direkt betroffen waren. Aber ich denke, es kann sein, dass wir einfach nicht so unmittelbar gelitten haben wie unsere Eltern und deshalb jetzt endlich ein bisschen mehr Raum haben, freier darüber nachzudenken. Berlin bietet diesen Raum auch – den Raum, um zu denken und zu fühlen.

„Wir wollen Balkan-Musik genauso wie andere diasporische Musikstile im Berliner Clubkontext etablieren.“

Ich konnte bei euch schon vieles hören, von internationalen Classics über Balkan-Pop bis hin zu Remixes traditioneller Musik. Was ist die musikalische Identität von Merak – und was sind eure Ziele? Wir wollen Balkan-Musik genauso wie andere diasporische Musikstile im Berliner Clubkontext etablieren. Ähnlich wie sich Afro-House oder Latin-Genres in der Berliner Clublandschaft schon durchgesetzt haben. Damit meine ich auch, dass wir die DJs und Producer in unserer Szene pushen wollen, damit sie damit erfolgreicher werden und für Festivals gebucht werden. Unsere Vision ist, dass noch mehr Leute in Berlin Balkan-Clubmusik produzieren und auflegen und auch DJs außerhalb unserer Community Lust bekommen, mal ein albanisches oder bulgarisches Volkslied auf einem House-Track zu samplen.

Bild: Merak
Darf auf keiner Balkan-Party fehlen: Der Obstbrand Rakija

Mit welchen Erfahrungen sollen die Gäste nach Hause gehen? Viele LGBTIQ* aus dem Balkan eint die Erfahrung, dass sie aufgrund der erlebten Queerfeindlichkeit viel Negatives mit ihrer Heimat verbinden – und davon ganz weit wegwollen. In Berlin sollen unsere Events ihnen ermöglichen, ihre Kultur neu kennenzulernen und sich wieder anzueignen. Für unsere Gäste auf den Partys wünsche ich mir natürlich auch, dass sie neben der Nostalgie, die sie vielleicht für den einen oder anderen Balkan-Popsong haben, etwas Neues entdecken – und natürlich, dass Musik die Balkan-Community über Ländergrenzen hinweg verbindet.

„Viele LGBTIQ* aus dem Balkan verbinden viel Negatives mit ihrer Heimat. In Berlin sollen unsere Events ihnen ermöglichen, ihre Kultur neu kennenzulernen.“

Das ist spannend, denn das erinnert mich an die frühe Balkan-Beats-Szene, die DJ Soko Anfang der 90er in Berlin startete. Auch damals war eine Idee, die gespaltene ex-jugoslawische Diaspora auf der Tanzfläche zu vereinen. Musikalisch geht euer Sound aber in eine ganz andere Richtung – ist das Zufall oder eine bewusste Abgrenzung? Es ist schon eine Abgrenzung. Als ich nach Berlin kam, entdeckte ich Poster für Balkan-Beats-Partys und war neugierig. Bei genauerer Betrachtung konnte ich mich damit aber nicht identifizieren. Es vermittelte ein überzogen klischeehaftes Bild vom Balkan, während die Musik – Polka oder Russendisko – nichts mit unserer Kultur zu tun hat. Es ist eher das, was sich viele Deutsche unter dem Balkan vorstellen. Wahrscheinlich war das früher anders, und das Genre hat sich in über 30 Jahren in diese Richtung entwickelt. Aber wir wollten bewusst Partys machen, die ganz nah an unserer Community sind.

Was plant ihr als Nächstes? Unsere nächste Veranstaltung findet am 22. Oktober in der Torte Bar statt, wo wir regelmäßig Events organisieren. Es wird ein Soli-Abend mit Bar-Hangout und Tanzfläche. So haben wir angefangen: niedrigschwellig, mit spendenbasiertem Eintritt. Bei jedem Event sammeln wir Geld für eine queere Initiative auf dem Balkan. Diesmal unterstützen wir eine Organisation aus der Türkei, die von Repression betroffen ist.

Bild: Merak | Ceren Saner
Reigentanz trifft Clubkultur

Wird es bald auch wieder ein Club-Event geben? Ja, wir arbeiten gerade an einer Clubnacht. Unsere erste war ein absoluter Erfolg: Es war so voll, dass wir mehrmals einen Einlassstopp verhängen mussten. Letztes Jahr haben wir außerdem ein Event im Lark organisiert, bei dem wir ein kleines Festival auf die Beine gestellt haben. Es gab ein Filmscreening, zwei Dragshows, DJ-Sets und einen Kolo- beziehungsweise Oro-Workshop (Reigen- und Kreistänze, Anm. d. R.), geleitet von einer serbischen Romni. Wir hatten zwei griechische Dragqueens und einen kroatischen Dragking zu Gast. Wir haben also noch einiges vor!

Hast du einen Lieblings-Merak-Moment? Es gibt so viele! Aber als ich das letzte Mal aufgelegt habe, kam plötzlich eine Frau aus Deutschland oder Frankreich zu mir und fragte: „Kannst du bitte ‚Džingrlaka‘ spielen? Meine Freundin kommt aus Mazedonien!“ Und ich dachte: Wow, wie klein ist die Welt! Natürlich spiele ich als mazedonische Lesbe in Berlin dieses Lied, wenn die Freundin einer anderen mazedonischen Lesbe mich darum bittet! Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich so etwas einmal erleben würde. Genau dafür machen wir diese Partys. Das sind diese besonderen Momente. Und jede*r von uns hat irgendwie so eine Geschichte.

Merak auf Instagram:
@merak.tv

Event: Merak,
Soli-Bar-Abend
22.10., ab 18:00
Torte, Brusendorfer Str. 12, Neukölln
Line-up: DJ ESA, DATASS, Marko Angelkovski
Spendenbasierter Eintritt zugunsten der Istanbul Pride zur Unterstützung gegen Repressionen

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