Interview mit Aktivist Nick Antipov

„Wir wollen zeigen, wie es sich anfühlt, in Belarus queer zu sein“

26. Jan. 2022 Manu Abdo
Bild: Mateusz Rekłajtis

Nick Antipov ist ein queerer Aktivist aus Belarus, wo er die Organisation „Makeout“ mitbegründet hat. 2020 nahm er an Demos gegen den Machthaber Alexander Lukaschenko teil und drehte einen Film über LGBTIQ* in der Protestbewegung. Im Gespräch mit SIEGESSÄULE berichtet er von seinen Erfahrungen

Nick, du setzt dich seit Jahren für LGBTIQ* in Belarus ein. Kannst du mir ein bisschen von deiner Arbeit erzählen? Als ich mit 20 begann, mich in dem Bereich zu engagieren, war mir noch nicht klar, wie politisch LGBTIQ*-Aktivismus ist. Wir brachten eine Website zu den Themen Sexualität und Gender an den Start. Ziel war es, die Geschichten von LGBTIQ* zu dokumentieren und zu zeigen, wie es sich anfühlt, in Belarus queer zu sein. Und damit LGBTIQ* dabei zu helfen, sie selbst zu sein und für ihre Vertretung zu kämpfen. 2018 war eine Zeit des Wandels. Ich bekam mit, wie die Zivilgesellschaft sehr stark wurde, und wir beschlossen nach vier Jahren Arbeit, die quasi „undercover“ gelaufen war, unsere Organisation offiziell zu registrieren. Somit wurde „Makeout“ die erste offizielle Einrichtung innerhalb der Diktatur in Belarus, die sich mit LGBTIQ*-Themen befasst.

„Es war für mich schockierend zu sehen, dass nicht nur die Polizei das Wort 'Schwuchteln' in den Mund genommen hat, sondern dass die Demonstranten ebenso homophobe Hassreden verwendet haben.“

In Belarus gibt es kein Gesetz, das LGBTIQ* kriminalisiert. Inwiefern geht das Regime dennoch gegen sie vor? Gleichgeschlechtliche Aktivitäten zwischen Männern wurden bereits 1994 nach dem Fall der Sowjetunion entkriminalisiert. Aber das Innenministerium und der Geheimdienst halten immer noch an dem alten sowjetischen Verständnis eines „perfekten Bürgers“ fest: ein starker, heterosexueller Arbeiter ohne geistige oder psychische Behinderung, der Kinder zeugen kann. Natürlich passen Homosexuelle nicht in dieses Bild. Die Polizei erstellt Profile von uns, sammelt unsere persönlichen Daten und erpresst uns damit. Nach den revolutionären Protesten in 2020, bei denen die LGBTIQ*-Community stark präsent war, hatte die Polizei eine direkte Legitimation, um sich feindlich uns gegenüber zu zeigen. Wann immer die Polizei eine Verbindung zwischen revolutionären Aktivitäten und dem LGBTIQ*-Profil einer Person finden kann, geht sie doppelt hart gegen den oder die Betreffende vor.

Es gibt auch kein Gesetz, das LGBTIQ*-Menschen explizit vor Diskriminierung schützt... Ja. Während der Demonstrationen 2020 war es für mich schockierend zu sehen, dass nicht nur die Polizei das Wort „Schwuchteln“ in den Mund genommen hat, um uns zu demütigen, sondern dass die Demonstranten ebenso homophobe Hassreden gegen die Polizei verwendet haben. Leider gibt es ein hohes Maß an Stigmatisierung von LGBTIQ*, was zu verschiedenen Arten von Diskriminierung und sozialer Ausgrenzung führt, wie Arbeitsplatzverlust, häusliche Gewalt oder fehlende Unterstützung durch die Familie. Wenn man trans* ist und das eigene Aussehen nicht mit dem Ausweisdokument übereinstimmt, kann es passieren, dass man von niemandem eingestellt wird. Vielen ist es nicht möglich, die Dokumente ändern zu lassen. Nicht wenige queere Menschen verlassen als Reaktion auf all diese Schwierigkeiten das Land, auch die Suizidrate ist leider hoch unter LGBTIQ*.

„Ich verlor meine Community, meine Arbeit, meine Familie und mein Land und fing an zu überlegen, was mir noch bleibt“

Du hast den Dokumentarfilm „We have not lived in vain“ gedreht über LGBTIQ*-Personen, die sich an den Protesten gegen Lukaschenko in 2020/2021 beteiligt haben. Als ich bemerkte, dass LGBTIQ*-Demonstranten*innen auf der Straße stark präsent waren, begann ich mich dafür zu interessieren und mehr zu recherchieren. Ich interviewte viele und sammelte Zeug*innenaussagen. Im Sommer 2021 wurde ich mit dem Film nach Berlin eingeladen. Als ich in Deutschland ankam, begann die Polizei in Belarus, gegen NGOs vorzugehen, unsere Genehmigungen zurückzuziehen und Mitarbeiter*innen zu verhaften. Als Leiter einer sehr sichtbaren Institution des LGBTIQ*-Aktivismus in Belarus hätte ich meine Sicherheit riskiert, wenn ich dorthin zurückgekehrt wäre. Also beschloss ich, in Berlin zu bleiben. Ich hätte nie gedacht, dass mich das gleiche Schicksal ereilen würde wie viele andere belarussische LGBTIQ*-Aktivisten*innen, die nach Drohungen seitens des Geheimdienstes ins Exil gegangen sind. Ich verlor meine Community, meine Arbeit, meine Familie und mein Land und fing an zu überlegen, was mir noch bleibt. Mir wurde klar, dass ich an meinem Projekt weiterarbeiten und LGBTIQ*-Aktivist*innen in Belarus von Deutschland aus unterstützen muss.

Wie sieht diese Unterstützung aus? Hast du dich dafür mit Berliner Vereinen vernetzt? Ich versuche, mit Organisationen der Zivilgesellschaft hier zusammenzuarbeiten. Es war schwierig für mich, eine sechsmonatige Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland zu bekommen. Ich hatte das Gefühl, dass sich die Situation von LGBTIQ* in Belarus dem deutschen System nicht wirklich erschließt. Ich wünsche mir mehr Verständnis für unser Leid und Akzeptanz für die Menschen, die hier ein neues und sicheres Leben beginnen wollen.

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#queer#LGBTIQ*#Aktivismus#Belarus