Drag- und Zirkus-Performance

Zirkus als Safer Space mit dem queeren Cabaret „Carnivale Royale“

3. Juni 2026 Ilo Toerkell
Bild: Nathan Dobbelaere
Künstler*in aus dem The-House-of-Circus-Team beim „Carnivale Royale“

Im Chamäleon trifft jetzt Zirkusartistik auf Drag. Zwei Monate lang wird in den Hackeschen Höfen das queere Cabaret „Carnivale Royale“ aufgeführt. Für SIEGESSÄULE sprach Ilo Toerkell mit den Künstler*innen aus Amsterdam und einem LGBTIQ*-Zirkushistoriker aus Berlin

Die bereits im Rahmen des Berlin Circus Festivals gezeigte Produktion „Carnivale Royale“ präsentiert Dragkünstler*innen neben Zirkusartist*innen aus verschiedenen Disziplinen von Clownerie und Schwertschlucken bis Luftakrobatik. Inszeniert wird das Ganze von der Amsterdamer Kompanie House of Circus. Gründer*innen Hayden und Iconnee (bürgerlich Nick van der Heyden und Germain Iconnee) sagen über das nun in Kooperation mit dem Chamäleon überarbeitete Konzept: „Die Show ist Cabaret auf höchstem künstlerischem Niveau und gleichzeitig ein bewusster, queerer Safe Space im Zirkus – ein Ort, an dem sich Künstler*innen auf ihre ganz eigene Weise ausdrücken können und an dem sich auch das Publikum frei und sicher fühlen soll, genau das Gleiche zu tun.“

Bild: Camila Berrio
Das Team des „Carnivale Royale“
„Die Show ist Cabaret auf höchstem künstlerischem Niveau und gleichzeitig ein bewusster, queerer Safe Space im Zirkus.“

Hayden und Iconnee arbeiten seit fünf Jahren an der Schnittstelle von Drag und Zirkus und haben House of Circus mit der Vision gegründet, einen Raum für diesen kreativen Austausch zu schaffen. „Die beiden Kunstformen haben viel gemeinsam“, sagen Hayden und Iconnee im SIEGESSÄULE-Interview. „Lange gab es ein eher stereotypes Bild, wie Zirkus beziehungsweise Drag auszusehen haben, aber in den letzten 30 Jahren hat sich viel verändert und weiterentwickelt. Heute kann man sich freier ausdrücken“, so die Gründer*innen, die beide an der Academy of Circus and Performance Art studiert haben.

Keine voyeuristische Inszenierung des „anderen“

Auch historisch lassen sich Zusammenhänge zwischen Queerness und professionellem Showbusiness wie Zirkus und Cabaret nachverfolgen. Bereits ab Beginn des 19. Jahrhunderts waren queere Acts im europäischen Unterhaltungsbetrieb präsent. „Historisch gesehen waren Genderimitationen sehr beliebt. Dabei lag der Fokus jedoch meist darauf, ein oder mehrere Geschlechter möglichst glaubwürdig darzustellen“, so der Theaterwissenschaftler Dr. Daniel Molnár. Oft war dies allerdings eine voyeuristische Inszenierung von Queerness als das „andere“ für ein primär heteronormatives Publikum. Molnár beschreibt diese Art von Darstellung aber als „Schlüsselelement der Monetarisierung von Unterhaltung“. Trotz der historischen Überlappungen stellt Molnár eine konkrete Vermischung von Drag- und Zirkusdarbietungen allerdings erst in den 1990er-Jahren fest.

Bild: Nathan Dobbelaere
Leo Garbo vom „Carnivale Royale“ und auch Cover-Model der SIEGESSÄULE Juni Ausgabe
„Sei, wer du sein willst, trage, was du tragen willst, und liebe, wen du lieben willst.“

„Carnivale Royale“ baut auf dieser Geschichte auf und denkt das Zusammenspiel von Drag und Zirkusperformance neu. Authentische Darstellung und selbstbestimmte Ausdrucksweisen der Performer*innen stehen im Zentrum. Nach dem Motto: „Sei, wer du sein willst, trage, was du tragen willst, und liebe, wen du lieben willst.“ Das für die Sommersaison am Hackeschen Markt weiterentwickelte Stück bezieht auch die lokale LGBTIQ*-Szene mit ein. Mit einem erneuerten Lichtkonzept, Bühnenbild und Choreografien soll ein Erlebnis kreiert werden, „das Vielfalt nicht nur als Schlagwort feiert, sondern als den Herzschlag der menschlichen Erfahrung begreift“, so der mitwirkende Chamäleon-Dramaturg Geordie Brookman.

Auf die Frage, ob Zirkus wirklich einen Safer Space für queere Menschen darstellen kann, merkt Molnár an, dass „jeder Safer Space nur so safe ist wie die Gesellschaft, in die er eingebettet ist“. Hayden und Iconnee versuchen einen solchen Raum durch offene Kommunikation zu fördern und individuell auf jede Performer*in, jeden Style und jede Message einzugehen. Sie sagen: „Mit House of Circus wollen wir einen Ort schaffen, an dem wir Zirkus und Drag kombinieren können und so queer und outspoken sein können, wie wir wollen.“ Das verspricht ein Erlebnis voller schillernder Kostüme, beeindruckender Akrobatik und Überraschungen zu werden.

SIEGESSÄULE präsentiert Carnivale Royale
04.06. (Premiere) 20:00, 05.06.–02.08.
Chamäleon
chamaeleonberlin.com

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