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Wie gehen Queers mit Eifersucht um?

24. Feb. 2020 Paula Balov
© The Gender Spectrum Collection

Inna Barinberg bietet in Berlin queere Workshops und Coachings zu Polyamorie und Eifersucht an. Mit SIEGESSÄULE sprach Inna darüber, wie wir dem „schlechten Gefühl“ konstruktiver begegnen können

Inna, um das Gefühl der Eifersucht ranken sich viele Mythen: Sie wird als Liebesbeweis angeführt – oder im Gegenteil, als egoistisch und unreif betrachtet. Was ist Eifersucht wirklich? Ein Emotionskomplex, der sich aus verschiedenen Gefühlen wie Wut, Trauer oder Angst zusammensetzt. Sie kann in manchen Beziehungen stärker vorhanden sein als in anderen. Oft sagen wir, dass wir eifersüchtig sind – aber wissen nicht genau, was unsere Eifersucht ausmacht, und welche anderen Gefühle und Bedürfnisse sich dahinter verbergen.

Eifersucht wird ja oft auch als Zeichen persönlicher Schwäche dargestellt… Die Abwertung von Eifersucht macht mich wütend, weil damit das Problem auf Einzelpersonen geschoben wird. Man fühlt sich, als sei man ein schlechter Beziehungsmensch. Betrachtet werden muss die Eifersucht aber im Kontext der spezifischen Beziehung oder Konstellation, in der man sich befindet – schließlich kann niemand eifersüchtig auf sich selbst sein. Deswegen arbeite ich in meinen Coachings mit einem systemischen Ansatz: das heißt, es wird nicht nur auf eine Einzelperson geschaut, sondern auf das System, in dem man sich bewegt. Ich finde es übrigens sehr mutig, wenn sich Menschen mit ihrer Eifersucht auseinandersetzen. Das kann einem ganz schön viel abverlangen.

Wie kamst du auf die Idee, Coachings zum Thema Eifersucht anzubieten? Ich habe selbst Angebote zu diesem Thema vermisst. Schon vor acht Jahren habe ich mich gefragt: Was mache ich, wenn ich eifersüchtig bin? Für mich war es hilfreich zu lesen, wie andere Leute damit umgehen – aber ich habe zuerst keine guten Bücher dazu gefunden. Immer stieß ich auf Beschreibungen wie „krankhafte Eifersucht“ oder „Eifersucht überwinden“. Das hat mir ein noch schlimmeres Gefühl gegeben – weil ich dachte, etwas wäre falsch mit mir. Irgendwann bin ich dann auf die ersten englischsprachigen Bücher gestoßen, die ich gut fand, wie „More Than Two“ oder das „Jealousy Workbook“ von Kathy Labriola. Sie haben mir gezeigt: Es gibt Leute, die Eifersucht mit einem empowernden Ansatz bearbeiten. So bin ich auf die Idee gekommen, selbst in Berlin etwas auf die Beine zu stellen.

Du hälst u. a. auch Vorträge über Polyamorie: Im Gegensatz zur Monogamie bedeutet das, dass Menschen mehrere Liebesbeziehungen gleichzeitig führen. Wird die Gesellschaft offener für alternative Beziehungskonzepte? Ich bewege mich wahrscheinlich zu sehr in einer Berlin-Bubble, um das beantworten zu können – fast all meine Freund*innen haben sich damit schon mal beschäftigt. Aber eine Zeit lang habe ich sehr häufig Anfragen von Radio- und Fernsehsendern bekommen. Wenn sich so viele Medien auf ein Thema stürzen, scheint es offenbar mehr Menschen zu interessieren. Die negativen Bilder von Polyamorie sind aber immer noch präsent.

„Das Bild, das viele von Polyamorie haben ist übersexualisiert – als ginge es nur darum, Sex mit so vielen Menschen wie möglich zu haben, und nicht um Verantwortung oder Vertrauen.“

Was für Bilder sind das? „Nicht-Monogamie“ gilt als etwas, das man macht, um sich auszuprobieren, bevor man eine „richtige“ Beziehung eingeht. Es gibt viele Filme und Bücher über die „wahre Liebe“. Wenn sich ein Filmcharakter in zwei Menschen verliebt, muss er sich für eine Person entscheiden… eine andere Lösung wird nicht in Betracht gezogen. Das Bild, das viele von Polyamorie haben ist übersexualisiert – als ginge es nur darum, Sex mit so vielen Menschen wie möglich zu haben, und nicht um Verantwortung oder Vertrauen. Will man dauerhaft nicht monogam leben, gilt man auch schnell als unreif oder unentschlossen. Oft sprechen wir in der polyamourösen Community von „ethischer Nicht-Monogamie“, um uns von diesen Negativbildern abzugrenzen. Wir drücken damit aus, dass alle beteiligten Partner*innen mit der nicht-monogamen Lebensweise einverstanden sind.

Manche bemängeln, dass solche Konzepte zum „Trend“ in queeren Communitys geworden sind... Ich habe in den letzten Jahren oft von Leuten in der queeren Szene gehört, dass sie sich unter Druck gesetzt fühlen, polyamourös oder in offenen Beziehungen zu leben. Ich denke, das hat damit zu tun, dass wir als queere Personen so viel in Frage stellen, wie normative Vorstellungen von Sexualität und Geschlecht, da ist es logisch sich auch kritisch mit Beziehungskonzepten zu beschäftigen. In einer offenen Beziehung suchen Menschen meist nur sexuellen Kontakt zu weiteren Partner*innen. Monogamie ist in manchen Kreisen verpönt. Vergessen sollte man aber nicht, dass manche Menschen Monogamie einfach glücklich macht.

„Es ist schon viel wert, wenn die Person akzeptieren kann, dass sie gerade eifersüchtig ist.“

Was möchtest du einer Person mit auf den Weg geben, die Polyamorie ausprobiert – und sich dann mit der eigenen Eifersucht konfrontiert sieht? Vielen Menschen hilft es, sich Zeit zu lassen und die Erwartung abzulegen, dass die Eifersucht von heute auf morgen verschwindet und nie wiederkehrt. Es ist schon viel wert, wenn die Person akzeptieren kann, dass sie gerade eifersüchtig ist. Und es ist ratsam, sich darum zu bemühen, mit seinen Partner*innen einen gemeinsamen Kompromiss zu finden. Viel und offen zu kommunizieren ist gut – aber man sollte das Thema auch nicht zerreden. Es gibt keinen Endpunkt, an dem man alles geklärt hat und auf alles vorbereitet ist. Außerdem gibt es kaum polyamouröse Vorbilder: Manches muss man einfach ausprobieren und sich langsam herantasten. Dabei kann die Beziehung zu sich selbst genau so wichtig sein wie die Beziehung zu anderen Menschen.

Interview: Paula Balov

Workshop Eifersucht erkunden 1: Die ersten Schritte, 25.02., Other Nature

Blog von Inna Barinberg:  polyplom.de

#Eifersucht#Polyamorie#queer