900 Jahre weibliche Musikgeschichte

Feministischer Paukenschlag: Album „Visions of Venus“ von Wallis Bird & Spark

14. Mai 2024 Christina Mohr
Bild: Gregor Hohenberg
Sängerin Wallis Bird (Mitte) mit dem Spark-Ensemble

Die in Berlin lebende irische Sängerin Wallis Bird hat sich mit dem Ensemble Spark zusammengetan, um Musik von Frauen aus 900 Jahren neu arrangiert einzuspielen –  von Hildegard von Bingen über Clara Schumann bis zu Joni Mitchell und Björk. Das Resultat ist ein feministischer Paukenschlag, der klassische Musik auf neue Weise vermittelt

Es ist gewiss übertrieben, Frank-Walter Steinmeier als Initiator dieses ambitionierten Projekts zu bezeichnen. Fakt ist allerdings, dass sich die irische Folkmusikerin Wallis Bird und das Kammermusikensemble Spark im Sommer 2019 bei einem Empfang auf Schloss Bellevue kennenlernten, den der deutsche Bundespräsident zu Ehren des irischen Präsidenten Michael Daniel Higgins gab. Die seit vielen Jahren in Berlin lebende Bird befand sich unter den geladenen Gästen, Spark machten Musik, und zwar sehr eindrucksvoll: Das Ensemble interpretierte Techno-Stücke in klassischen Arrangements, die illustre Gesellschaft inklusive Wallis Bird war begeistert. Bei dieser Gelegenheit entstand die Idee zur Zusammenarbeit von Wallis Bird mit Spark – auch der Inhalt der Kooperation stand schnell fest. Ausschließlich Werke von Komponistinnen aus mehreren Jahrhunderten bis zur Neuzeit sollten neu interpretiert und bearbeitet werden, um sie unter dem programmatischen Titel „Visions of Venus“ vorzustellen. Gelten doch gerade in der klassischen Musik auch heute noch männliche Komponisten als unantastbare Genies, Frauen werden allenfalls als Ausnahmen von der Regel wahrgenommen. 

Trotz fest verankerter Gepflogenheiten zeichnen sich sachte Veränderungen ab: Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin beispielsweise spielt inzwischen bei jedem Konzert mindestens ein Werk einer Komponistin, die Arbeiten der englischen Komponistin Ethel Smyth (1858–1944) werden seit einigen Jahren wiederentdeckt, die einst verlachte Künstlerin rehabilitiert. Die österreichische Komponistin und Lautenspielerin Christina Pluhar veröffentlicht im Frühjahr das Album „Wonder Women“, auf dem sie überwiegend Komponistinnen aus dem Barock würdigt. Wallis Bird & Spark spannen auf „Visions of Venus“ den Bogen wesentlich weiter, die Auswahl der Stücke reicht von Isabella Leonardas Sonate op. 16 Nr. 9 aus dem 17. Jahrhundert über Hildegard von Bingens „O virtus sapientiae“ und „Lov‘st thou for Beauty?“ von Clara Schumann bis zu zeitgenössischem Pop, unter anderen von Kate Bush, Joni Mitchell, Anohni, Björk und Tori Amos. 

Virtuos und furchtlos

Eine derart große Bandbreite – Musik aus 900 Jahren, acht Nationen und von drei Kontinenten – kann Gefahren wie Beliebigkeit und Konfusion bergen, doch Wallis Bird und das Spark-Ensemble navigieren mit beeindruckender Sicherheit und hörbarer Freude durch Stile und Jahrhunderte. Die Musiker*innen spielen virtuos und furchtlos – und entfachen auch „aus der Konserve“ die gleiche Begeisterung wie beim Sommerfest auf Bellevue. Spark arbeiten im besten Sinne grenzenlos, lieben und leben die Musik, unabhängig von Entstehungszeitraum oder Genrekonzept. 

Es gelingt Bird, den feministischen Aspekt des Projekts und zugleich die Qualität der Kompositionen hervorzuheben.

Eine weitere „Gefahr“: Passt Wallis Birds unverkennbare, so heisere wie kraftvolle Stimme zu den höchst unterschiedlichen Kompositionen? Oder klingt „Visions of Venus“ wie ein neues Soloalbum der Singer-Songwriterin? Der Effekt ist erstaunlich, auch wenn Janis Joplins „Mercedes Benz“ Wallis Bird stimmlich wohl am stärksten entgegengekommen sein dürfte: Die mehrfach Award-gekrönte Irin eignet sich die Kompositionen an, macht sie aber nicht platt, um es umgangssprachlich auszudrücken. Es gelingt ihr, den feministischen Aspekt des Projekts und zugleich die Qualität der Kompositionen hervorzuheben. Bird und Spark eint die Herangehensweise an Musik, also Respekt einerseits, kreativer Spieltrieb andererseits. „Visions of Venus“ ist nicht Birds erste Kooperation mit einem klassischen Ensemble: 2020 arbeitete sie mit dem irischen RTÉ Concert Orchestra zusammen. Spark haben sich seit ihrer Gründung im Jahr 2007 auf die Fahnen geschrieben, klassische Musik in unerwarteten Formen einem diversen Publikum nahezubringen. Im Sommer präsentieren Bird und Spark „Visions of Venus“ auf deutschen Bühnen – eine Einladung des Bundespräsidenten braucht es dafür nicht.

Live Shows „Visions of Venus“ von Wallis Bird & Spark in Deutschland

15.05. Bodenseefestival, Allensbach
12.07. ZELTIVAL, Karlsruhe
13.07. Blues, Roots & Song, Schneverdingen
21.07. Rheingau Musikfestival, Kronberg
wallisbird.com

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