Musik

Allein gegen alle: Suzane im Interview

18. Jan. 2021 Annabelle Georgen
Bild: Liswaya

Mit tanzbaren Electro-Chansons, die feministisch und empowernd sind, hat sich die lesbische Sängerin und Tänzerin Océane Colom alias Suzane einen Namen in Frankreich gemacht. Im Januar veröffentlicht sie ihr Debütalbum unter dem Titel „Toï Toï Toï“ auch in Deutschland. SIEGESSÄULE traf sie zum Gespräch

Suzane, dein Album heißt auf Französisch „Toï Toï“. Auf Deutsch erscheint es unter dem Titel „Toï Toï Toï“. Warum? Seit meiner Kindheit wird mir immer „Toï Toï“ gesagt, bevor ich auf die Bühne gehe. Deswegen war es für mich selbstverständlich, mein Debütalbum so zu nennen. Ich habe lange nicht gewusst, dass dieser Ausspruch aus Deutschland kommt und dass das „Toï“ hier dreimal wiederholt wird. Mir war wichtig, dass der Titel des Albums auch in Deutschland verstanden wird.

„Für jeden, der zurzeit Projekte verwirklichen will, ist dies enorm kompliziert – wohl vor allem für Künstler*innen“

Bei der französischen Musikpreisverleihung Victoires de la Musique im Februar 2020 wurdest du als „Entdeckung des Jahres“ ausgezeichnet. Anschließend solltest du auf Tour gehen, aber dann kam Corona. Wie hast du diese unfreiwillige Pause erlebt? Ich kann nicht bestreiten, dass es wirklich hart für mich war, diese Situation zu akzeptieren. Für jeden, der zurzeit Projekte verwirklichen will, ist dies enorm kompliziert – wohl vor allem für Künstler*innen. Ich hatte damals einen regelrechten Lauf und fand das unglaublich toll. Das Virus hat mich dann ausgebremst. Es war frustrierend, mein Debütalbum zu einem Zeitpunkt zu veröffentlichen, an dem alle Plattenläden schließen und wichtige Tourdaten verschoben oder abgesagt werden mussten. Auf der anderen Seite war es aber auch toll, das Feedback des Publikums zu erleben, dass darüber genauso traurig war wie ich und dass sich darauf freut, mich wieder auf der Bühne zu sehen.

Hast du diese Auszeit genutzt, um neue Songs zu schreiben? Am Anfang habe ich mich selbst unter Druck gesetzt und mir gesagt, dass ich gerade jetzt produktiv sein müsse, was zu einer kleinen Blockade führte. Aber dann sind doch fünf neue Tracks entstanden. Der letzte Song, den ich mit einem sehr schönen Clip im Herbst veröffentlicht habe, heißt „L‘appart vide“.

„Obwohl ein Lesbenpaar in dem Clip zu sehen ist, wurde dies in der Öffentlichkeit kaum kommentiert.“

Auf Deutsch: „Die leere Wohnung“. Ein Lied über das Ende einer Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen ... Ich wollte von Liebe und Desillusionierung erzählen und wie der Zahn der Zeit einer Beziehung zusetzt. In dem Clip vergleiche ich dies mit Wasserflecken in einer Wohnung – eben Dinge, die kaputt sind und die man vielleicht nicht mehr reparieren kann. Es ist ein Song über Liebe generell, nicht unbedingt über die Liebe zwischen zwei Frauen. Da ich aber selbst mit einer Frau lebe, wollte ich mich nicht verstecken und in dem Clip mit einem männlichen Partner auftreten. Und obwohl ein Lesbenpaar in dem Clip zu sehen ist, wurde dies in der Öffentlichkeit kaum kommentiert. Das hat mir gefallen, denn ich hätte eher gedacht, dass man mir vorwerfen würde, nur über Homosexualität sprechen zu wollen.

Auf deinem Album sprichst du aber oft über Homosexualität, zum Beispiel in dem Song „P‘tit gars“ (Kleiner Junge). Er erzählt von einem jungen Schwulen, der sich nicht traut, sich vor seiner Familie zu outen ... Wenn ich einen Liedtext schreibe, fühlt es sich oft wie Kopfkino an. Den „Film“ von „P‘tit gars“ habe ich selbst erlebt. Ich habe die gleiche Ablehnung gespürt, als ich gemerkt habe, dass ich auf Frauen stehe. Ich hatte zwar eine aufgeschlossenere Familie und Leute in meiner Umgebung, die mit dem Thema gut umgehen konnten, aber Beleidigungen und böse Blicke habe ich bereits mehrfach in meinem Leben erlebt. In solchen Momenten habe ich mich oft sehr einsam gefühlt. Derzeit gibt es leider immer noch viel zu viele junge LGBTI* in Frankreich und auf der Welt, die von ihren Eltern auf die Straße gesetzt oder die Opfer von Gewalt wurden. Ich wollte, dass der kleine Junge, der „P‘tit gars“ hört, sich weniger einsam fühlt. Genauso wie beim Song „Anouchka“. Er beschreibt ein Mädchen, das sich wünscht, es selbst zu sein und wen immer sie will zu lieben. Ich möchte von Menschen erzählen, die in meiner Jugend nicht vorkamen. Es gab einfach keine Fernsehserie mit Mädchen, die wie ich aussahen, und auch keine Bücher, Clips oder Songs, die Homosexualität zum Thema machten. Ich hätte mich wahrscheinlich weniger einsam gefühlt, wenn ich solche Vorbilder gehabt hätte.

„Ich wurde sehr jung mit sexueller Belästigung auf der Straße konfrontiert“

Mit deinem feministischen Song „SLT“, der sich klar und deutlich mit sexueller Belästigung auf der Straße auseinandersetzt, versuchst du Mädchen und Frauen Halt und Mut zu geben … Ist dieser Song das Ergebnis jahrelanger schlechter Erfahrungen mit Männern im öffentlichen Raum? Ja, ich wurde sehr jung mit sexueller Belästigung auf der Straße konfrontiert, als ich mit meiner älteren Schwester im Stadtzentrum von Avignon, meiner Heimatstadt, unterwegs war. Einmal hat ein Mann ihre Handynummer auf sehr aggressive Weise eingefordert und sie festgehalten. Als er merkte, dass sie ihm eine falsche Nummer gegeben hatte, ohrfeigte er sie. Mich hat diese Szene extrem schockiert. Es gehört leider zum Alltag, dass man als Mädchen oder als Frau auf der Straße in Frankreich angepfiffen und beleidigt wird. Was mich aber auch störte, war der Diskurs, der sich unter Frauen entwickelte, mit der Botschaft: „Du sollst die Straßenseite wechseln, dich beschützen, dich anders anziehen …“ So etwas möchte ich der Jugend nicht vermitteln, sondern klarstellen, dass sexuelle Belästigung auf der Straße keinen Raum hat und dass man als Frau in der Öffentlichkeit keine Angst haben muss. Das ist mir ein wichtiges Anliegen. Ich wusste bereits im Alter von sieben Jahren, dass ich „SLT“ schreiben werde.

Warum genau in diesem Alter? Als ich sieben wurde, haben die Jungs aufgehört, auf dem Schulhof mit mir Fußball zu spielen, weil ich ein Mädchen war. Das war die erste Ungerechtigkeit dieser Art, die ich erlebt habe. Ich habe dagegen rebelliert, aber es half nichts. Ich stand allein gegen alle.

Zehn Jahre später hast du ebenfalls rebelliert, als du die konservative Ballettschule, in der du seit deiner Kindheit hart trainiert hattest, hinter dir gelassen hast ... Es war eine Frage des Überlebens. Ich musste da raus, auch, um meine Leidenschaft fürs Tanzen nicht weiter zu beschädigen. Ich hatte das Gefühl, nicht ich selbst, sondern eine Art Rennpferd zu sein. Ich habe dann ein paar Jahre lang nicht mehr getanzt, bis ich begann in Clubs zu gehen. Erst als ich zum ersten Mal elektronische Musik live hörte, die Bässe in meinem Bauch spürte und die tanzenden Leute um mich herum gesehen habe, gewann ich endlich wieder die Freude daran zurück. Die hat mich seitdem nicht mehr verlassen. Jetzt ist es mir aber wichtig, mich nicht mehr in Choreografien einsperren zu lassen, wenn ich auf der Bühne stehe. Ich tanze einfach so, wie ich die Musik und mich selbst spüre.

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