Consent Culture Clash in sexpositiven Räumen
Während in der schwulen Cruising-Szene nonverbale Codes üblich sind, um ein Ja oder Nein zu kommunizieren, sieht es in queerfeministischen Communitys oder BDSM-Kontexten meist anders aus: Hier sind klare verbale Absprachen Standard. In gemischten Settings prallen diese Ansätze jedoch oft aufeinander. Eine „richtige“ Consent Culture gibt es nicht, doch gegenseitiges Verständnis kann helfen, voneinander zu lernen
„Desire takes many forms. So does consent.“ Der Satz hing dort, wo man im Sommer 2025 die queere Welt empfing: auf dem WHOLE United Queer Festival. Die Community kommt hier zusammen, doch hat sie in sexuellen Settings kein einheitliches Verständnis von Konsens. Wer in einen Darkroom geht, in ein Cruising-Areal auf einem Festival oder in ein BDSM-Studio, betritt nicht nur ein Zimmer, sondern eine Ordnung: eine Raumlogik. Sie entscheidet, was als Einladung gilt, was als Übergriff, was als normaler Flirt, was als „zu viel“ – und wer die Arbeit leisten muss, das herauszufinden. Das Gay Consent Lab, 2022 als Community-Projekt im Umfeld des Berliner Nachtlebens gegründet, beschreibt diese Konflikte nicht als Streit zwischen „guten“ und „schlechten“ Regeln, sondern als Kollision verschiedener „Kulturen der Einwilligung“: unterschiedliche Weisen, wie Zustimmung in einer Szene lesbar wird.
Reibungspunkt: Die erste Berührung
In ihrer Arbeit taucht ein Reibungspunkt immer wieder auf: die erste Berührung. In Cruising- und Darkroom-Kontexten kann sie eine Frage sein – ein „Darf ich?“ ohne Worte. In anderen Räumen gilt schon diese erste Berührung als Grenze, die erst nach verbaler Klärung überschritten werden darf. Gerade in Berlin, wo viele Partys und Spielräume nicht mehr eindeutig eine Szene adressieren, wird aus dieser Differenz schnell mehr als ein Missverständnis. Denn wer welche Codes nicht kennt, ist selten Zufall – es hängt mit Zugang, Sprache, Szeneerfahrung, Substanzkonsum und ungleichen Verletzbarkeiten zusammen. Und es hängt damit zusammen, wie Räume gebaut sind: Licht, Rückzugsorte, Türpolitik, Awareness – das „Gerüst“ dessen, was Konsens überhaupt möglich machen soll. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht: Welche Gruppe macht Konsens richtig? Sondern: Was wird sichtbar, wenn unterschiedliche „Konsenssprachen“ in sexpositiven Räumen aufeinandertreffen – zwischen schwuler Cruising-/Hook-up-Praxis, feministisch geprägten Diskursen in FLINTA*-Räumen und den ritualisierten Aushandlungen professioneller BDSM-Settings?
Wenn das Gay Consent Lab über Konsens spricht, geht es deshalb weniger um ein Gegenüber von Ideal und Praxis als um die Frage, welche Formen von Kommunikation in unterschiedlichen Kontexten funktionieren – und welche Ideale dabei jeweils mitschwingen. Verbaler Konsens könne dabei selbstverständlich sowohl als Ideal als auch als gelebte Praxis stattfinden und sei ebenso gültig. „Es gibt den Versuch, Zustimmung zu definieren, vor allem rechtlich, aber auch allgemein, als etwas, das man genau festlegen und aussprechen kann“, erklärt Lossand Admoni vom Gay Consent Lab. Nur: „Diese Praxis kommt in der Realität eigentlich fast nie vor.“ Stattdessen würden Menschen viele andere Dinge tun, um Einwilligung herzustellen – und genau dort setzt das Projekt an: „Für all das versuchen wir, Mikroverhandlungen zu betonen.“ Was das konkret bedeutet, zeigt sich in Cruising- und Darkroom-Kontexten: „Zustimmung entsteht dann durch eine nonverbale Frage, auf die die andere Person antworten kann“, sagt Mati Klitgård vom Gay Consent Lab. Wenn sie gut gemacht sei, könne die andere Person „entweder ein Ja oder Nein verdeutlichen oder neu verhandeln“.
„Zustimmung entsteht dann durch eine nonverbale Frage, auf die die andere Person antworten kann“
In der Praxis heißt das: die „neugierige Hand“, die zuerst eine nicht erogene Stelle berührt, um Kontakt herzustellen; die andere Person kann darauf eingehen oder die Hand wegschieben. Oder das doppelte Antippen, um Stopp oder Pause zu signalisieren. „Das sind sehr praktische Hilfsmittel, die wir nicht erfunden haben“, betont Klitgård. Vielmehr seien sie aus der schwulen Historie heraus gewachsen.
Darkrooms und Cruisingorte seien deswegen eben nicht „regelarm“. Aber sie sind aus Notwendigkeit entstanden, aus Überlebens- und Sicherheitsbedürfnissen, aus dem Wunsch, nicht entdeckt zu werden, als männliche Homosexualität noch unter Strafe stand. Auch heute noch kann das Vorteile haben: „Es ist aufregend und verspielt und hat positive Aspekte wie Abenteuer und Spontaneität.“ Die Reibung beginnt dort, wo solche Codes nicht mehr nur innerhalb einer Szene zirkulieren, sondern in Räumen, die diverser werden. Klitgård beschreibt Berlin als Labor dieser Veränderung: Wenn unterschiedliche „Consent Cultures“ und Konsenssprachen aufeinanderprallen, kommt es zu Konflikten. In einer schwulen nonverbalen Konsens-Kultur kann es durch die neugierige Hand erlaubt sein, ungefragt einen nicht erogenen Körperteil zu berühren. Woanders muss man um diese erste Berührung verbal bitten.
Sidekicks Berlin, die vor Ort in Clubs und auf Partys arbeiten, beschreiben dies aus der „Mischraum-Perspektive“: Berlin ziehe insbesondere viel Tourismus an, und Clubkultur bringe eine eigene Sprache mit, die erst gelernt werden müsse. Gleichzeitig gebe es nicht „die eine“ Sprache: „Die Szene ist von verschiedenen ‚Bubbles‘ geprägt, die jeweils eine gemeinsame Sprache entwickeln“, betont Tonja von den Sidekicks. Missverständnisse entstünden dort, „wo Menschen diesen impliziten Codes das erste Mal begegnen“ – und eine häufige Reaktion sei eher Zurückhaltung. Tonja warnt dabei vor einer zu einfachen Erzählung „cis schwul vs. FLINTA*“: Es gebe beim Thema Konsens nicht „eine richtige Antwort“; eine starre Norm könne dazu führen, dass andere Ausprägungen abgewertet werden. Zugleich sei schon die Kurzform „FLINTA*“ problematisch, weil sie sehr unterschiedliche Erfahrungen unter einem Akronym zusammenfasse – und diese „zutiefst heterogene Gruppe“ in vielen Punkten weit auseinandergehe. Eine zu simple Gegenüberstellung wirke daher schnell verkürzend und könne Ausschlüsse und Konflikte innerhalb dieser Gruppe unsichtbar machen.
„Missverständnisse entstehen dort, wo Menschen diesen impliziten Codes das erste mal begegnen.“
Sidekicks beschreibt Anpassungsdruck und Schönheitsideale, die von einer weißen Mehrheitsgesellschaft geprägt seien. Schwarze trans* Menschen, Migrant*innen oder dicke Menschen könnten im Cruising häufiger Ablehnung erleben – und sich zugleich mit Fetischisierung auseinandersetzen müssen. Manche schaffen sich dann eigene Räume oder verlassen vorwiegend cis und weiß dominierte Spaces. Dieses Spannungsfeld berge viel Raum für Verletzung und Enttäuschung. Statt zu fragen „Welche Sprache ist besser?“ lautet die spannendere und unbequemere Frage: Wer trägt Verantwortung, wenn etwas nicht eindeutig ist? Und wer neigt dazu, Unklarheit oder sogar Grenzverletzungen eher auszuhalten – oder gar zu entschuldigen? Das Gay Consent Lab berichtet von Menschen, die nicht sicher sind, ob das, was ihnen passiert ist, überhaupt als Grenzverletzung zählt, wie Lossand Admoni nacherzählt: „Und dann hat er mich mehrmals berührt, obwohl ich Nein gesagt habe. Aber ich weiß nicht, ob das okay ist oder nicht.“ Diese Unsicherheit über eindeutige Grenzverletzungen hingen auch mit Männlichkeitsnormen und dem Stigma schwuler Sexualität zusammen.
„Besonders für schwule Männer, deren Begehren gesellschaftlich stigmatisiert ist, kann es schwierig sein, zu wissen, was sie eigentlich möchten.”
Von Männern werde verlangt, immer klar zu wissen, was sie wollen, besonders wenn sie dann die Rolle des Tops übernehmen. In der Rolle des Bottoms liege dahingegen oft ein Versprechen von Loslassen: „Ich muss nichts sagen. Ich muss nichts kommunizieren, weil der Wunsch des Tops das Wichtigste ist.“ Das müsse nicht per se schlecht sein, wenn es Teil eines einvernehmlichen Spiels ist. Wenn es aber keinen Ausgleich gebe, wo sich Menschen auf Augenhöhe begegnen, könne es auch dazu führen, dass sie schlechter spüren, was sie eigentlich wollen – und Verantwortung delegieren. „Besonders für schwule Männer, deren Begehren gesellschaftlich stigmatisiert ist und oft von Scham begleitet wird, kann es manchmal schwierig sein, zu wissen, was sie eigentlich möchten und was nicht.” Ein Auseinandersetzen mit Konsens könne dann als gutes Gegenmittel wirken, um sich zu fragen: Was will ich eigentlich? Will ich härteren Kink? Oder weniger?
Konsens als Rahmenvertrag
Bemerkenswert ist, wie ähnlich dieses Delegieren in einem komplett anderen Setting auftaucht: in der professionellen BDSM-Sexarbeit. Eine Domina aus dem Atrium, Berlins größtem Dominastudio, die anonym bleiben möchte, nennt als typisches Missverständnis unerfahrener Gäste Sätze wie: „Mach mit mir, was du willst“ oder: „Ich bin tabulos und möchte ohne Safe-Word spielen“. Was wie absolute Zustimmung klingt, ist oft das Gegenteil von Klarheit: ein Versuch, Verantwortung für Grenzen und Risiko vollständig auf die andere Person zu verschieben.
Circe, eine weitere Domina im Atrium, beschreibt Konsens deshalb als Rahmen, der vor dem Spiel stehen muss: „Aus geschäftlicher Sicht als professionelle Domina stellt für mich Konsens eine Art Rahmenvertrag dar, in dem die Absichten und Grenzen beider Seiten abgesteckt werden.“ Miss Leona, eine Switch im Atrium, bevorzugt vorher ausführlichen Schriftverkehr.
Circe zieht Telefongespräche vor, gerade weil sie gern „ab Tür“ spielt: Wenn die Session sofort beginnt, muss vorher geklärt sein, was tabu ist und wie psychologisch schwere Spiele, wie etwa Demütigung, konkret aussehen sollen. Mr. Corn, Sexworker im Atrium, erzählt von der Erwartung, mit Sexarbeit sei automatisch „alles möglich“. Er betont, dass es trotz Dienstleistung sexuelle Selbstbestimmung gebe und alles einzeln ausgehandelt werden müsse. Lady Golda, ebenfalls Domina im Atrium, formuliert es ähnlich: Manche versuchten „mit Geld zu locken, um ‚mehr‘ zu bekommen“ – entscheidend sei dann, professionell zu bleiben und „klar zu formulieren, wo die Grenzen liegen“. Selbst wenn Wünsche oder Fantasien vorher besprochen sind, werde in der Spielzeit hin und wieder klar, dass sich Gäste „mit ihren Vorstellungen etwas verhoben“ haben – dann sei die Aufgabe, zu reagieren, anzupassen und sich notfalls zurückzunehmen.
Spätestens dort, wo Substanzen ins Spiel kommen, zeigt sich, wie wenig Konsens als reine Kommunikationsfrage taugt. Je nach Substanz, Dosis und Intensität des „Flugs“ kann es schwieriger werden, zu verstehen, was man selbst oder die andere Person will. Tonja von Sidekicks hat beobachtet: Das Stigma von GHB-Konsum verbunden mit der Angst vor Hausverbot könne dazu führen, „dass Menschen auf der Überdosis im Club versteckt werden“. So könne ihr Zustand nicht überwacht werden – „und auch die Fähigkeit der Person, Einwilligung zu geben, geht verloren“. Fakt sei auch: „die Probleme sind Stigma und mangelndes Wissen über Safer Konsum.“
Transparenz, Fehlerkultur, Integrität
In solchen Mischräumen ist das kein abstraktes Thema, sondern ein praktisches: Wer beobachtet, wer fragt nach, wer traut sich zu stören? Tonjas Tipp: „Grundsätz lich gilt: es ist immer okay, eine Person zu fragen: Hey, bist du okay?“ Das könne ein Gesprächsanker sein: Es gebe einer Person die Möglichkeit, die Situation zu verändern, oder stoße zumindest den inneren Check an: „Bin ich okay? Will ich noch hier sein?“
Dass Fürsorge Teil sexueller Räume sein kann, betont auch das Gay Consent Lab – gerade gegen das Klischee, ein Darkroom sei ein „Freifahrtschein“. „Auch in Darkrooms gibt‘s Fürsorge. Es gibt Fürsorge beim Cruising. Und Schwule kümmern sich umeinander“, sagt Klitgård – gleichzeitig sei ein Kernanliegen des Projekts, diese Care-Praktiken weiterzuentwickeln, weil viele Grenzverletzungen auch mit fehlender oder brüchiger Fürsorge-Praxis zusammenhängen könnten. Gleichzeitig meint Tonja von Sidekicks: „Es gibt nun mal keine absolut sicheren Räume.“ Gerade deshalb brauche es Konzepte, die nicht mit Sicherheitsversprechen arbeiten, sondern mit Transparenz, Fehlerkultur und Integrität. „Wie stelle ich selbst sicher, dass ich einer anderen Person jederzeit die Möglichkeit gebe, eine Interaktion mit mir zu beenden? Bin ich selbstsicher genug, dass ich ein Nein gut annehmen kann? Wenn ich jemandes Grenze überschritten habe, was kann ich tun, um die Situation danach besser zu lösen?”
„Es gibt nun mal keine absolut sicheren Räume.“
Das „Danach“ sei nicht automatisch verloren: Kommunikation und Wertschätzung seien auch dann noch möglich. Ob die Person, die den Übergriff erlebt hat, solche Klärungsversuche annehmen möchte, stehe auf einem anderen Blatt: „Gerade deswegen ist ein Betroffenen-orientiertes Arbeiten der Awareness und Security so wichtig”, betont Tonja.
„Desire takes many forms. So does consent.“ Wenn Konsens viele Formen hat, dann haben auch Konflikte viele Formen. Was bleibt, ist keine universelle Regel, sondern die Frage, ob Räume und Menschen diese Vielheit praktisch aushalten.
Gay Consent Lab
Workshops und Austausch,
Instagram: @gayconsentlab,
nächstes Event zum Thema „Sober Sex“ am 09.04. ab 19:00,
Skinship, Rudolfstr. 11, 10245 Berlin,
mit Anmeldung
Sidekicks
Präventionsprojekt zu sexueller Gesundheit und Substanzkonsum,
sidekicks.berlin
Atrium Berlin
Dominastudio,
atriumberlin.com
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