INTERVIEW MIT CHRISTOF LOY

Schluss mit Kastagnetten-Kitsch: Zarzuela neu entdeckt

29. Juni 2026 Ecki Ramón Weber
Bild: Michal Novak
Regisseur Christof Loy in seiner Wahlheimat Madrid

Die Zarzuela ist die spanischsprachige Schwester der Operette und des Musicals. Der schwule Regisseur Christof Loy hat das Repertoire in Madrid lieben gelernt und seine eigene Zarzuela-Gruppe gegründet. Jetzt gastieren sie mit einer „Gran Gala de Zarzuela“ an der Deutschen Oper Berlin

Christof Loy, was interessiert Sie besonders an der Zarzuela? Seit 2019 inszeniere ich jedes Jahr eine Produktion am Opernhaus Teatro Real. Dadurch bin ich natürlich in Kontakt mit spanischen Sänger*innen gekommen und habe mehr über Zarzuela erfahren. Als ich dann in Madrid ins Teatro de la Zarzuela ging, die zentrale Spielstätte dafür, und ein Stück sah, hat es mich umgehauen: diese Energie, die zwischen dem Publikum und der Bühne dort zu spüren ist, diese Synergie. Das ist das Gegenprogramm zu dialektischer Distanzierung, Intellektualisierung und Dekonstruktion, aber klug, nicht platt. Deswegen dachte ich, das müsste auch woanders möglich sein. Meine Neugier wurde dann zur Obsession.

„Diese Zarzuela wurde über 30 Jahre vor der Einführung des allgemeinen Frauenwahlrechts in Spanien komponiert“

Was kann für Queers interessant an der Zarzuela sein? Hat sie Camp-Anteile, wie vieles aus Operette oder Musical? Ich würde nicht sagen, dass die Zarzuela als Genre das neue Entdeckungswunder für campy Sujets wäre. Die Zarzuela war letztendlich von Anfang an ein Theater des unteren Stands und von Outcasts. Zum Beispiel finden die Partien von Diener*innen immer ihren Moment, um sich zu artikulieren. Die Frauen in diesen Stücken sind immer die stärkeren Figuren. Zum Beispiel in „Gigantes y cabezudos“ von Manuel Fernández Caballero von 1898: Da tun sich Frauen in Zaragoza zusammen und fordern Mitbestimmung. Eine Arie daraus kommt auch in unserer „Gran Gala“ vor. Diese Zarzuela wurde über 30 Jahre vor der Einführung des allgemeinen Frauenwahlrechts in Spanien komponiert. Das Genre enthält oft subversives Material.

Seit den späten 1990ern, gerade auch hier in Berlin, konnten wir eine große Operetten-Renaissance erleben. Dabei wurden der Biss und auch die queeren Aspekte dieser Stücke wieder entdeckt. Ist bei der Zarzuela ähnliches zu beobachten? Vornehmlich Queeres ist in der Zarzuela weniger zu finden. Es geht eher darum, was allgemein zwischen Menschen passiert. Aber Randfiguren und Personen, die nicht im Mittelpunkt eines gesellschaftlichen Diskurses stehen, werden oft thematisiert. Wir bringen auch eine Nummer aus einer Zarzuela, die während der Franco-Diktatur in Spanien verboten war: „Rosa La China“ vom kubanischen Komponisten Ernesto Lecuona, uraufgeführt 1932. Darin geht es um eine Prostituierte, die vom eigenen Ehemann auf den Strich geschickt wird, sich in einen Kunden verliebt und dann gemeinsam mit diesem den Gatten umbringt. Dieses Frauenbild der Partie, die als Sympathieträgerin des Publikums angelegt ist, passte während der Diktatur überhaupt nicht ins Bild.

„Die Zarzuela enthält die Möglichkeit, sich mit sehr extremen Leidenschaften auseinanderzusetzten und vor allem sich damit zu identifizieren“

Würden Sie sagen, die Zarzuela ist anschlussfähig für queere Kultur? Eindeutig, ich glaube, die Zarzuela enthält die Möglichkeit, sich mit sehr extremen Leidenschaften auseinanderzusetzten und vor allem sich damit zu identifizieren. Und auch keine Angst davor zu haben, seine Emotionen zu zeigen. Es ist ein Genre, das sowohl gute Laune macht als auch unglaublich viel Lebensmut und Energie gibt, positiven Kampfgeist. Da kann die queere Community andocken.

Also aktivistisch gesprochen Empowerment … Es geht einem immer besser nach dem Besuch einer Zarzuela. Das dürfte auch nach unserer „Gran Gala“ so sein. Wir bringen Ausschnitte, bei denen wir uns durch sehr viele verschiedene Emotionen bewegen können. Überhaupt gibt es in den einzelnen Zarzuelas immer sehr schnelle Wechselbäder der Gefühle. Das versuchen wir bei unserem Programm abzubilden: Melancholie, Temperamentsausbrüche, leidenschaftliches Feuer, emotionale Einbrüche.

Musical und Operetten waren für Queers vor Stonewall Fluchtorte und innere Heimat für Träume und Wünsche. Funktionierte das mit der Zarzuela ähnlich? Träume werden nicht so sehr mit der Zarzuela verbunden, weil die Stücke eher zum Boden hinführen. Eigentlich hat man mehr Lust zu tanzen und mit den Füßen aufzustampfen. Diese Energie wird vor allem freigesetzt. Es gibt weniger Süße in diesen Stücken als in der Operette.

Sie selbst haben Ende 2023 mit Los Paladines, die jetzt an der Deutschen Oper ihr Gastspiel geben, eine eigene Zarzuela-Compagnie gegründet. Wir schauen, was ist Tradition, was gehört zum Genre, aber achten auch darauf, wo Dinge sich verkrustet haben, die dann unehrlich und klischeehaft sind, wovon wir uns lösen. Los Paladines, eine Gruppe mit Sängerinnen und Sängern und einem Dirigenten, sind junge Menschen mit diesem Anspruch, aber auch mit der Liebe zum Genre. Unsere Idee ist, die Zarzuela zunächst im nichtspanischsprachigen Raum bekannt zu machen, erst einmal mit diesen Galaabenden auf die Qualität der Stücke hinzuweisen. Aber auch in Spanien selbst hat es als Nebeneffekt vielen Künstler*innen den Mut gegeben, zu diesem Genre zu stehen und das nicht als zweitrangige Kunstgattung anzusehen. Unser Ziel ist es, in Zukunft auch eigene Produktionen von Stücken zu machen.

Bild: Michal Novak
Christof Loy (Mitte) mit seiner Gruppe Los Paladines

Welche Schwerpunkte gibt es bei der „Gran Gala de Zarzuela“? Wir möchten die Vielfalt der Zarzuela zeigen, alle möglichen Ausrichtungen und auch nicht nur Zarzuelas aus Madrid, sondern auch Ausflüge bis Andalusien und ins Baskenland bis nach Übersee, stilistisch, von 1875 bis 1935, decken wir 60 Jahre Musikgeschichte ab. Wir haben auch die berühmte ehemalige Flamencotänzerin und Kastagnettenvirtuosin Lucero Tena als Gast, einen Star der Szene, mittlerweile über 80 Jahre alt. Sie tritt in zwei Instrumentalzwischenspielen als Kastagnettenspielerin auf, darunter in einer Nummer aus der andalusischen Zarzuela „La boda de Luís Alonso“ von Gerónimo Giménez.

Gran Gala de Zarzuela:
Regie: Christof Loy, Dirigent: José Miguel Pérez-Sierra, Kastagnetten: Lucero Tena
04.07., 19:30
Deutsche Oper Berlin

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