Queerer Hans Scholl auf der Musicalbühne: „Die Weiße Rose“ endlich in Berlin
Bei der Vergabe des Deutschen Musical Theater Preises im vergangenen Jahr war „Die Weiße Rose“ der große Abräumer: Das Stück gewann in sieben Kategorien, darunter „Bestes Musical“, „Beste Liedtexte“ und „Beste Regie“. Jetzt kommt das Stück über die Geschwister Scholl nach Berlin. Die Schülerin Hermine Jirkowsky hat für SIEGESSÄULE die Generalprobe besucht
Rote Stühle fertig drapiert. Aufgeregtes Tuscheln wird leiser. Alle Augen richten sich auf die Bühne. Da passiert erst einmal nichts. Und dann hört man aus dem Dunkeln heraus Heil-Hitler-Rufe, als historischen O-Ton, der einen erschaudern lässt und den Rahmen setzt!
Im Admiralspalast läuft ab Mittwoch das Gastspiel „Die Weiße Rose“ von Vera Bolten und Alex Melcher. Ein Musical, von dem viele vermutlich schon gehört haben: Es wurde immerhin mit sieben Deutschen Musical Theater Preisen ausgezeichnet und von der Fachpresse überschwänglich gelobt.
Sophie und Hans Scholl sind den meisten ein Begriff. Doch wie steht es um Namen wie Christoph Probst, Willi Graf oder Professor Kurt Huber?
Aber worum geht es eigentlich? Klar, Sophie und Hans Scholl sind den meisten ein Begriff. Doch wie steht es um Namen wie Christoph Probst, Willi Graf oder Professor Kurt Huber? Das Stück erzählt die Geschichte der engsten Mitglieder der NS-Widerstandsgruppe Weiße Rose. Jede*r von ihnen bekommt hier Raum und eine eigene Stimme.
Gänsehautmomente
Ich durfte mir bei der Generalprobe am Montag einen Eindruck verschaffen und möchte zunächst ein großes Lob aussprechen – an das gesamte Ensemble rund um Jonathan Guth als Hans und Juliette Lapouthe als Sophie, vor allem aber an die Tontechnik. Schon in der ersten Szene, wenn viele Menschen gleichzeitig sprechen und singen, versteht man jedes Wort von jeder Figur. Und man bekommt Gänsehaut. Sie zog sich bei mir durch die gesamte Aufführung, durch alle Höhen und Tiefen der Geschichte.
Denn das Stück lebt von Kontrasten. Da wird von einer idyllischen Wiese gesungen, während die Bühne in Dunkelheit getaucht ist. Ein gemütlicher Kaffeeabend endet plötzlich mit dem Auftauchen der SA. Oder der gnadenlose Richter unterbricht immer wieder die bewegenden Abschiedsbriefe der Verurteilten mit seinem Geschrei.
Besonders interessant fand ich den Einsatz der Musik. Es gibt sanfte Liebesballaden, kraftvolle Songs über Aufbruch und Widerstand sowie rockige Momente, in denen Frust über das Leben und die politischen Verhältnisse Ausdruck findet.
Ohne zu viel vorwegzunehmen, kann ich verraten, dass der Umgang mit Hans Scholls Queerness überzeugend ist. Erst 2018 wurde im Zuge der neuen Biografie des Theologen und Historikers Robert M. Zoske („Flamme sein! Hans Scholl und die Weiße Rose“) einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, dass Hans sowohl Beziehungen zu Männern als auch zu Frauen hatte. Dies löste eine kontroverse Debatte darüber aus, ob dieser Aspekt für die Erinnerung an ihn als Symbolfigur des deutschen Widerstands überhaupt relevant sei.
Das Musical beteiligt sich nicht an dieser Diskussion, sondern zeigt seine Bisexualität ganz selbstverständlich – so wie auch die Liebesbeziehungen der anderen Figuren selbstverständlich Teil ihrer Lebensgeschichten sind.
Ungerechtigkeiten nicht hinnehmen
Dieses Stück richtet sich nicht nur an Geschichtsinteressierte oder Lernende. Es wirkt keineswegs wie ein Pflichtprogramm für Schulklassen (auch wenn es extra Vormittagsvorstellungen für Schulen gibt). Stattdessen nimmt es alle Zuschauer*innen mit und begleitet die Scholl-Geschwister auf ihrem Weg von anfänglichen Unterstützer*innen des Systems über erste Zweifel bis hin zum aktiven Widerstand. Dank der klaren Regie von Vera Bolten bleibt dabei stets nachvollziehbar, wann und wo die Handlung spielt. Das Geschehen entfaltet sich auf einer minimalistischen Bühne, die durch die mitreißende Choreografie von Bart De Clercq gekonnt in Bewegung bleibt.
Obwohl die Geschichte in der Vergangenheit spielt, wirkt sie aktueller denn je. Nicht nur wegen des zunehmenden Rechtsrucks oder der wachsenden Anfälligkeit vieler Menschen für einfache Parolen statt durchdachter Lösungen, sondern auch, weil das Stück wichtige Gedanken vermittelt. Etwa den, dass man auch ein bisschen feiern darf, selbst wenn die Gesamtsituation zum Verzweifeln ist.
Man darf auch ein bisschen feiern, selbst wenn die Gesamtsituation zum Verzweifeln ist
„Die Weiße Rose“ ist nicht nur eine musikalisierte Geschichts-Doku. Das Musical ist zugleich ein Appell, Dinge zu hinterfragen, Ungerechtigkeiten nicht hinzunehmen und sich ihnen entgegenzustellen. Übrigens ist gerade ein Cast-Album zum Stück erschienen, das man im Admiralspalast kaufen kann, um alle Lieder zuhause nochmal nachzuhören.
Spannend ist auch der Vergleich mit dem neueren Musical „Scholl – Die Knospe der Weißen Rose“ von Titus Hoffmann und Thomas Bochert. Dort steht Hans Scholls Prozess nach Paragraf 175 im Zentrum, der ihn bereits vor seinem Widerstand gegen das Regime in Konflikt mit den Nationalsozialisten brachte und ein tiefes persönliches Trauma hinterließ. Das Musical deutet diese Erfahrung als einen der ersten Brüche mit der NS-Ideologie und als wichtigen Ausgangspunkt seines späteren Widerstands.
Das Stück wurde in Fürth uraufgeführt, erhielt viel positive Resonanz und brachte ebenfalls ein Cast-Album hervor – mit dem großartigen Alexander Auler in der Rolle des Hans Scholl. Im Frühjahr war die Produktion am Theater Magdeburg zu sehen. Höchste Zeit eigentlich, dass auch dieses Musical nach Berlin kommt.
Die Weiße Rose
Regie: Vera Bolten; Mit Jonathan Guth (Hans), Juliette Lapouthe (Sophie), Christian Bock, Julius Störmer, Friederike Zeidler und Adam Demetz u. a.
10.06., 10.30 + 19.30; 12.06., 10:30 + 19:30; 13.06., 15:00 + 19:30
Admiralspalast
Folge uns auf Instagram
#Die Weiße Rose#Gastspiel#Geschichte#Geschwister Scholl#Musical#Nationalsozialismus#Paragraf 175#Theater#admiralspalast