„DREI DRACHEN VOM GRILL“ IM BKA

Tschüss Neukölln, ab nach Prenzlauer Berg

28. Juni 2026 Mick Besuch
Bild: Jörn Hartmann
Ades Zabel als Edith Schröder (Mitte) mit ihren Kolleginnen Biggy (li.) und Jutta vor der geerbten Currywurstbude

Erstmals hat Ades Zabel eine neue Produktion mithilfe einer Crowdfunding-Kampagne finanziert, rund 42.000 Euro kamen dabei zusammen. Mit „Drei Drachen vom Grill“ kehrt seine Company nun auf die Bühne des BKA-Theaters zurück und schickt Futschiqueen Edith Schröder in den bürgerlichen Prenzlauer Berg. Doch holt das ein junges Hauptstadtpublikum ab? Regiestudent Mick Besuch traf die Macher für SIEGESSÄULE vor der Premiere zum Interview

Bevor ich nach Berlin zog, hatte ich noch nie von Ades Zabel gehört. Dann begegneten mir überall in der Stadt die Plakate der Ades Zabel Company mit ihren Drag-Personas Edith Schröder, Biggy van Blond oder Bob Schneider. In meinem Theaterwissenschaftsstudium und später im Regiestudium an der Ernst-Busch-Hochschule spielten sie nie eine Rolle. Meine Professor*innen fanden sie offensichtlich nicht würdig genug für akademische Weihen. What’s new im Elfenbeinturm?

Edith und ihre Freundinnen schienen für eine andere Generation und ein anderes Publikum gemacht zu sein

Für mich wirkten Ades Zabel & Co. zunächst wie Kultfiguren einer anderen Ära. Während ich mit „RuPaul’s Drag Race“ sowie Kurt Hummel und Blaine Anderson aus „Glee“ aufgewachsen bin und heute bei „Heartstopper“ dahinschmelze (das Finale „Heartstopper Forever“ startet bei Netflix am 17. Juli), schienen Edith und ihre Freundinnen für eine andere Generation und ein anderes Publikum gemacht zu sein. Eine Welt, die zwar Teil derselben Stadt war, die ich aber lange nur aus der Distanz wahrgenommen habe.

Popklassiker, Videoeinspielungen und viel Herz

Erst durch die SIEGESSÄULE-Gespräche mit Ades Zabel, Regisseur Bernd Mottl und BKA-Leiter Sven Ihlenfeld während der Proben zu „Drei Drachen vom Grill“ wurde mir klar, weshalb diese Figuren bis heute ein Publikum begeistern, das längst weit über die ursprüngliche schwule Szene hinausreicht. Wer die Arbeiten der Ades Zabel Company lediglich als nostalgische Berliner Klamotte versteht, unterschätzt ihre Bedeutung gewaltig. Seit mehr als 25 Jahren prägen Zabel und seine Mitstreiter*innen das Profil des BKA. Für Ihlenfeld gehören die Produktionen zur DNA des Hauses. Die liebevollen, satirischen Kiezbeobachtungen, in denen Drag mit neu getexteten Popklassikern, Videoeinspielern und viel Herz für die Figuren ein Publikum seit mehr als zwei Jahrzehnten begeistert. Vor allem aber erzählen sie von Menschen, die man sofort wiedererkennt: aus dem Kiez, aus der U-Bahn, vom Späti oder aus der eigenen Familie. Es geht um Freundschaft, ums Älterwerden, um Geldsorgen, um Nachbarschaftskonflikte, um Größenwahn und um das Berliner Talent, sich irgendwie durchzuwurschteln.

Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis ihres Erfolgs. Regisseur Bernd Mottl beschreibt, dass die Shows ihrem Publikum nicht mit erhobenem Zeigefinger begegnen und in erster Linie die Welt nicht verändern wollen. Stattdessen laden sie dazu ein, gemeinsam über die überzeichneten Figuren und Situationen zu lachen und dabei auch die eigenen Vorstellungen von Normalität, Geschlecht oder Klasse zu hinterfragen. Ihlenfeld betont, dass für ihn die Haltung im Umgang mit Klischees wichtig sei – und die ist bei Ades Zabel & Co. niemals von oben herab, sondern entstammt großer Zuneigung für die dargestellten Typen. Und natürlich hat sich die Herangehensweise im Laufe der Jahre gewandelt.

Allerdings sei ihnen auch heute noch wichtig, unbequem zu sein, anzuecken und zu schocken

Ades erzählt davon, dass sie sich früher weitaus weniger Gedanken gemacht hätten, wie sie mit ihren Pointen auch verletzen können. Inzwischen denken sie intensiver darüber nach, allerdings sei ihnen auch heute noch wichtig, unbequem zu sein, anzuecken und zu schocken, sagen sie. Denn nur das habe in ihren Augen die Möglichkeit, beim Publikum etwas anzustoßen, indem es über etwas stolpert und ins Nachdenken kommt. Mottl fügt hinzu, dass einen im Theater auch etwas aus der Bahn werfen müsse – sonst sei es langweilig.

Ein verändertes Publikum

Was sich ebenfalls verändert hat, ist das Publikum. Vor 20 Jahren wurden die Produktionen häufig als Trash-Comedy für ein schwules Publikum beschrieben. Heute sitzen bei den Vorstellungen junge Queers neben langjährigen Fans, Heteropaare neben schwulen Stammgästen, Eltern neben ihren Kindern, Betriebsausflüge des Bezirksgerichts Mitte neben Menschen, die die Ades-Zabel-Show seit ihrer Zeit in den Hinterhofkaschemmen der 1990er kennen. Die Company hat eine Reichweite entwickelt, die Zabel mit einem Schmunzeln als „Mitte der Gesellschaft“ bezeichnet. Ihlenfeld nennt die Show auch gern „queeres Berliner Volkstheater“: nah am Menschen, für die Menschen dieser Stadt und darüber hinaus. Und genau dieses Zusammenkommen ist für alle Beteiligten wichtig. So sind die Shows nicht explizit politisch, aber aus den Einstellungen der Beteiligten entsteht ein sehr spezifischer Blick auf Stadt und Weltgeschehen. In Zeiten zunehmender Queerfeindlichkeit meint Mottl, es wäre geradezu fahrlässig, nicht darüber zu sprechen, dass sich queere Menschen wieder im Park vor Übergriffen fürchten oder sich nicht mehr trauen, Händchen zu halten.

Der Titel ist eine Anspielung auf die 70er-Jahre-Kultserie „Drei Damen vom Grill“ mit Brigitte Mira, Brigitte Grothum und Gabriele Schramm

Mit „Drei Drachen vom Grill“ beginnt nun ein neues Kapitel. Der Titel ist eine Anspielung auf die 70er-Jahre-SFB-Kultserie „Drei Damen vom Grill“ mit Brigitte Mira, Brigitte Grothum und Gabriele Schramm (und Günter Pfitzmann), in der Geschichten an einer Westberliner Imbissbude erzählt werden – „zwischen Größenwahn und Wurstigkeit“, wie ein Kritiker meinte. (Der Sender Freies Berlin war der Vorläufer vom RBB.)

Doch die neue Produktion der Ades Zabel Company ist nicht nur Zitat. Die Figuren, die das Publikum in den vorangegangenen „Neuköllnicals“ durch ihr Leben begleitet haben, verlassen ihr vertrautes Neuköllner Umfeld und geraten durch die Erbschaft einer Imbissbude in Berlin-Mitte in neue Situationen. Allein daraus ergeben sich neue Geschichten, und Edith Schröder trifft auf neue Nachbar*innen, neue Milieus, neue Absurditäten. Wie es im Ankündigungstext heißt: „... blaue Politiker verlangen braune Soße statt Currywürze.“

Vielleicht ist das letztlich die größte Stärke von „Drei Drachen vom Grill“. Die Show erinnert daran, dass queere Kultur nicht nur aus Identitätsdebatten, Aktivismus oder Repräsentation besteht. Sie besteht auch aus gemeinschaftlichem Lachen, schrägen Figuren, Berliner Schnauze, (Pop-)Musik und Geschichten, die Menschen verbinden. Und das alles durchaus trashy, ohne Hochglanz, aber mit Rohheit und unbändigem Charme. In Zeiten gesellschaftlicher Spaltung ist das womöglich politischer, als es auf den ersten Blick erscheint. Und es macht verdammt viel Lust auf einen Abend im BKA. Egal, was meine Ex-Professor*innen dazu (nicht) sagen.

Drei Drachen vom Grill:
Regie: Bernd Mottl. Mit Ades Zabel, Biggy van Blond und Bob Schneider.
01.+02.07., 20:00 (Vorpremieren), 03.07., 20:00 (Premiere), bis 25.09., Mi–Sa 20:00,
BKA Theater

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