Underground-Kunst der DDR

Gabriele Stötzer im Gropius Bau – Kunst statt Knast

15. Juni 2026 Matthias Kählert
Bild: Gabriele Stötzer, VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Gabriele Stötzer: „Mir gegenüber – Selbst im Spiegel“, 1985

Der Gropius Bau zeigt mit „Dabei sein und nicht schweigen“ ab dem 19. Juni die bisher größte Einzelausstellung von Gabriele Stötzer – einer Künstlerin, die sich den Weg aus der Untergrundszene der DDR auf die internationale Kunstbühne erkämpfte

„Ich bin ja figurativ und nehme meist immer Frauen“, sagt Gabriele Stötzer im Gespräch mit SIEGESSÄULE. Weibliches Begehren und weiblicher Widerstand sind zentral in ihren Arbeiten – nicht nur symbolisch, sondern aus einer körperlichen Erfahrung heraus. „Ich habe schon immer mit Körpereinsatz gearbeitet, nicht nur in der Kunst“, so Stötzer.

Super-8-Filme, Fotografien, Collagen, Malereien, Webarbeiten, Künstlerinnenbücher und Objekte aus Materialien wie Wolle und Ton: Ab dem 19. Juni ist im Gropius Bau „Dabei sein und nicht schweigen“ zu sehen, Stötzers bisher größte Einzelausstellung. Über 150 Arbeiten zeigen darin die Bandbreite ihres Schaffens.

Vom Hungerstreik zur Kunst

Nach der Wende wurde Stötzer lange vorrangig als Zeitzeugin gesehen: „Es gab Leute, die sagten: Dass du jetzt als Künstler wahrgenommen wirst, hätte ja keiner gedacht.“ In jungen Jahren wurde sie Opfer staatlicher Repressionen in der DDR. 1977 wurde Stötzer als junge Frau aufgrund ihrer Teilnahme an einer Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns im Frauengefängnis Hoheneck inhaftiert. Sie trat in Hungerstreik und wurde zwangsbehandelt.

Diese Erfahrung ist untrennbar mit ihrer künstlerischen Entwicklung verbunden: „Ich kam aus dem Knast und habe gesagt: Ich geh jetzt in die Kunst, da wird man nicht sofort verhaftet.“ In der Untergrundszene fand sie Raum für den eigenen Ausdruck: „Wir haben uns getroffen, Häuser besetzt, ich habe gewebt, wir haben Aktzeichenzirkel gemacht.“ Sie gründete die Künstlerinnengruppe Erfurt mit, heute Exterra XX, und begann mit Film, Foto und Performance die Kategorien von Kunst und Geschlecht auszuloten.

Bild: Gabriele Stötzer, VG Bild-Kunst, Bonn 2023
Selbstporträt, aus: „Auslöschung eines Blicks, Ich trage meine Wunden offen“, 1983

In der DDR arbeitete die Gruppe außerhalb des staatlich und männlich dominierten Kunstbetriebs: „Wenn wir zum Super-8-Festival nach Dresden gefahren sind, haben die Männer erstmal den Raum verlassen. Wir fanden es toll, weil wir so viel Wirkung haben.“ Bis heute besteht die Gemeinschaft fort – auf dem Dach des Gropius Bau wird Stötzer mit Exterra XX performen: „In dem Moment, wo ich in der Gruppe bin, bewahrheitet sich das, was man alleine denkt.“

„Ich spüre, dass ich die Leute frei mache, die mit mir und meiner Kunst umgehen.“

Spätestens die Verleihung des Kaiserrings verweist auf Stötzers heutige internationale Wahrnehmung. Vielleicht trifft gerade der weniger konzeptuelle als körperlich-intuitive Zugang ihrer Arbeit einen Nerv: „Ich spüre, dass ich die Leute frei mache, die mit mir und meiner Kunst umgehen.“

Zur Ausstellungseröffnung hat Stötzer die Neue Bauhauskapelle eingeladen: „Wir führen alle hoch, wie der Rattenfänger, und tanzen dann von Raum zu Raum, sofern das die Security zulässt.“

Dabei sein und nicht schweigen,
19.06.–06.12.,
Gropius Bau,
Niederkirchnerstr. 7, Mitte

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