Griechische Mythen und Homoerotik: Wie queer war Goethe?
Heute wäre Johann Wolfgang von Goethe 277 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass sprachen wir mit dem Autor Martin Schnick. Nach seinem letzten Roman „Madame de Paris“, in dessen Mittelpunkt der berüchtigte homosexuelle Henker Henri-Clément Sanson (1799–1889) steht, hat er nun ein neues Buch vorgelegt. Darin versammelt er zwei Essays, in denen er sich mit der griechischen Mythologie und dem Werk Goethes auseinandersetzt
Martin, was hat dich dazu gebracht, aus heutiger queerer Perspektive zu den griechischen Mythen und zu Goethe zurückzukehren? Heute scheint der Wind rauer und die LGBTIQ*-Bewegung ins Zentrum eines Kulturkampfes zu rücken. Sowohl die griechischen Mythen als auch Goethes Werke bilden einen erfrischenden Gegenpol. Sie zeigen, mit welcher Gelassenheit man nichtheteronormativem Begehren begegnen kann.
„Sowohl die griechischen Mythen als auch Goethes Werke zeigen, mit welcher Gelassenheit man nichtheteronormativem Begehren begegnen kann.“
Wo berühren sich für dich die antiken Mythen und Goethes Texte? Was verbindet diese beiden Welten? Die griechischen Götter liebten polyamourös. Alle Formen des Begehrens finden sich beinahe selbstverständlich in mythischen Geschichten wieder. Gleiches gilt für Goethe.
Beim Narziss-Mythos zeigst du verschiedene Überlieferungen. Warum sind diese unterschiedlichen Quellen wichtig, wenn es um homoerotische Lesarten geht? Es gibt Mythen, die im Laufe der Zeit gekapert wurden, deren ursprünglich homoerotischer Inhalt in eine heteronormative Geschichte transformiert wurde. So rückt bei Ovid die Nymphe Echo in den Fokus, die sich unsterblich in Narziss verliebt. In einer früheren Fassung wird Narziss jedoch ausschließlich von männlichen Liebhabern umworben. Ein weiteres Beispiel ist der Mythos von Orpheus und Eurydike, eine „der“ tragischen Liebesgeschichten der Weltliteratur. In den Urfassungen fehlt von Eurydike jedoch jede Spur.
Am Beispiel von Texten wie „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ zeigst du auf, dass Goethe homosexuelles Begehren andeutet, aber nie ausspricht. Goethe ist ein Meister des Ungefähren. Seine Texte ähneln teilweise apollinischen Orakelsprüchen und wollen decodiert werden. Das Direkte und Plumpe ist nicht seine Art – vermutlich ein Grund für die Zeitlosigkeit vieler seiner Texte.
Die Griechen sprachen damals von Eros, wir heute von Sexualität. Was verändert sich durch diesen Unterschied im Blick auf Begehren? Moderne Kategorien wie Hetero-, Bi- oder Homosexualität kannten die antiken Griechen nicht. Ihr Fokus war auf den Eros gerichtet, eine kosmische Urkraft, die sich in einem intensiven körperlichen und seelischen Verlangen äußert, völlig unabhängig vom Geschlecht. Dass die sexuelle Orientierung identitätsstiftend sein sollte, ist ein Gedanke, der damals fremd war.
Was hast du in den alten Texten entdeckt, das frühere Forscher*innen übersehen haben? Ich habe auch fremdsprachige Sekundärliteratur ausgewertet und somit internationale Forschungsergebnisse für ein deutschsprachiges Publikum zugänglich gemacht. Und natürlich bin ich auch Literaturwissenschaftler und eröffne hier und da neue Lesarten und Interpretationsansätze.
Was verraten die Mythen und Goethe über die Geschlechterbilder ihrer Zeit – und was lässt sich daraus für heute ableiten? Gerade im Hinblick auf Emanzipation und weibliche Sexualität muss man nichts beschönigen. Die Geschichten sind geprägt von einer phallozentrischen, rein männlichen Perspektive. In diesem Punkt sind wir heute weiter.
„Es sind zeitlose Geschichten über Liebe und Begehren, über Eifersucht und Gewalt, über Verlust und Verwandlung. Sie haben nichts von ihrer Faszination verloren.“
Warum lohnt es sich, antike Mythen und Goethe heute noch mal neu und mit queerem Blick zu lesen? Es sind zeitlose Geschichten über Liebe und Begehren, über Eifersucht und Gewalt, über Verlust und Verwandlung. Sie haben nichts von ihrer Faszination verloren. Und sie haben queere Protagonist*innen. In deren Empfindungen, Konflikte und Sehnsüchte können sich auch queere Lesende von heute ohne Weiteres einfühlen.
Martin Schnick:
„Die Lieblinge der Götter. Wie queer war Goethe? Homoerotisches Begehren in griechischen Mythen und bei Goethe“,
Tredition,
136 Seiten, 24 Euro
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