Bis 02.11. im Schwulen Museum

Ausstellung: Susan Sontag und ihre Bedeutung für die queere Bewegung

24. Aug. 2026 Carsten Bauhaus
Bild: Renate von Mangoldt
Susan Sontag in Berlin 1976

Das Schwule Museum zeigt die US-amerikanische Autorin und Kritikerin Susan Sontag (1933–2004) als schillernde Intellektuelle mit großem Einfluss auf die queere Geschichte des 20. Jahrhunderts. Mit Werken von Sontag, Andy Warhol, Peter Hujar, Jack Smith, The Supremes und anderen

Am Eingang begegnen wir der Meisterin des kritischen Blicks zunächst selbst: In Screentests von Andy Warhol und auf Fotografien von Peter Hujar und Annie Leibovitz rückt sie sich effektvoll ins Bild. „Susan Sontag war eine der meistfotografierten intellektuellen Frauen im 20. Jahrhundert“, erzählt Kristina Jaspers, die die Ausstellung zusammen mit Birgit Bosold kuratiert hat. „Sie hat sich viel mit Film und Fotografie beschäftigt. Und mit Fragen wie: Was ist Repräsentation? Wie sehen und bewerten wir einander? Also mit Fragen, die für uns heute extrem relevant sind.“

„Sehen und gesehen werden“ heißt deshalb folgerichtig der schwerpunktsetzende Titel der Ausstellung. Auf den Aufnahmen kann man miterleben, wie sich Sontag über die Jahrzehnte immer neu erfunden und inszeniert hat. „Das ist etwas, was Sontag für uns heute so anschlussfähig macht: Dass sie ihr Leben als Projekt, als Experiment verstanden hat, als etwas, das man verändern kann, das ständig im Fluss ist“, so Jaspers.

„Susan Sontag hat ihr Leben als Projekt, als Experiment verstanden, als etwas, das man verändern kann, das ständig im Fluss ist“

Bekannt wurde Sontag in den 60er-Jahren mit scharfsichtigen und kontroversen Essays. Ihre „Notes on ‚Camp‘“ sind nach wie vor relevant, „weil sie darin erstmals ein Subkultur-Phänomen genauer betrachtet“, so Jaspers. „Dabei arbeitet sie mit einer subjektiven Auflistung von Dingen und Haltungen, die sie als campy wahrnimmt und beschreibt damit eine queere Ästhetik der Übertreibung und des Performativen.“ An zwei zentralen Stationen taucht man in Sontags Gedankenwelt zu den Themen Fotografie und Film ein. Als begeisterte Cineastin ging sie manchmal sogar mehrmals am Tag ins Kino – und drehte auch eigene Filme. Jaspers berichtet: „Film hielt sie für die Kunst unserer Zeit. Das Kino war für sie eine Schule der Empfindsamkeit, ein Ort, der Möglichkeitsräume eröffnet.“

Bild: Ekko von Schwichow
Susan Sontag, fotografiert von Ekko von Schwichow im Hotel Savoy, Berlin, 18.03.1993

Krankheit als Metapher

In den 70er-Jahren ereilte Sontag dann ein persönlicher Schicksalsschlag. In einer unveröffentlichten Tagebuchaufzeichnung schildert Sontag den Tag, an dem sie ihre Brustkrebs-Diagnose bekam. Sie entschied sich für eine radikale Therapie und analysierte in der Folge ihre Rolle als entmündigte Patientin. „Ihr Buch ‚Krankheit als Metapher‘ beschäftigt sich mit der Frage, was es bedeutet, krank zu sein“, so Kristina Jaspers. „Was macht das mit den Menschen, in diesen Apparat zu kommen? Was machen wir mit Menschen, die krank sind? Wie definieren wir sie über Sprache?“

Ihre Analysen vertiefte sie noch mal in der Aids-Krise, als sie fast alle ihre männlichen Freunde an Aids verlor. Während Sontag „Aids und seine Metaphern“ schreibt, rückt ihre Partnerin Annie Leibovitz an Aids erkrankte Personen auf Augenhöhe ins Bild. „Das waren starke Positionen in der queeren Weltpolitik, die auch nachhaltig was verändert haben“, betont Co-Kuratorin Birgit Bosold.

„Berlin war für Susan Sontag eine besondere Stadt.“

Die Ausstellung ist eine Übernahme aus der Bundeskunsthalle Bonn, wurde aber vom Schwulen Museum um zusätzliche queere Aspekte ergänzt – sowie einen eigenen Berlin-Teil: „Berlin war für Susan Sontag eine besondere Stadt“, erzählt Kristina Jaspers. „Das erste Mal war sie schon in den 50er-Jahren mit ihrer damaligen Partnerin hier und hat die Stadt danach mehrmals für längere Zeit besucht.“

Fotos zeigen sie vor dem Arsenal, für das sie in den 90er-Jahren eine ungewöhnliche Filmreihe kuratiert hat. Für die Ausstellung führte das Schwule Museum Interviews mit Personen, die sie von damals kannten. So erzählt etwa Ulrike Ottinger von gemeinsamen Besuchen in schwulen Bars und bei Romy Haag. Susan Sontags Leben auf der intellektuellen Überholspur endete 2004: Trotz ihrer Deutungshoheit über die Krankheit verlor sie letztendlich den Kampf gegen den Krebs.

Susan Sontag: Sehen und gesehen werden
noch bis 02.11.,
Mo, Mi + Fr: 12:00–18:00, Do 12:00–20:00,
Sa 14:00–19:00, So 14:00–18:00,
Schwules Museum,
Lützowstr. 73,
Tiergarten

Programm zur Langen Nacht der Museen:
„Susan Sontag Sessions. Notes on...“
29.08., ab 19:00 (alle 60 min bis 22:00)
Zur Langen Nacht der Museen diskutieren Studierende der Filmuniversität Babelsberg, der FU und Kuratorin Kristina Jaspers zentrale Themen in Sontags Schreiben. Vier Sessions beschäftigen sich mit Blickpolitiken, Camp, queerer Subkultur, politischer Haltung und Sontags Leben in Berlin: „Wer schaut hier wen an?“ (19:00), „Nicht eine Frau, sondern eine ‚Frau*“ (20:00), „Crime-Szene: Was lesen wir in Bildern?“ (21:00), „Oh Stadt, oh Moloch... – mit Sontag in Berlin“ (22:00).

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