Werkschau des niederländischen Fotografen Erwin Olaf: „Muses“
Provokant, bildgewaltig, ein Panorama der queeren Szene: f³ – freiraum für fotografie widmet dem Schaffen des 2023 verstorbenen niederländischen Fotografen Erwin Olaf die Ausstellung „Muses“. SIEGESSÄULE sprach mit den Kuratorinnen Katharina Mouratidi und Nadine Barth
Erwin Olaf ist ein Wegbereiter der queeren Fotografie in den Niederlanden und bis heute einer der größten Namen. In den 70er- und 80er-Jahren porträtierte er die schwule Community, um denjenigen ein Gesicht und eine Geschichte zu geben, die während der Aids-Krise aus der Öffentlichkeit verbannt wurden. Seine Arbeiten waren auf den menschlichen Körper, intime Momente und schonungslose Darstellungen fokussiert.
Pionier der queeren Sichtbarkeit
Galt er anfangs noch als provokanter Szenefotograf, wurden seine Arbeiten später im Rijksmuseum Amsterdam und im Museum of Modern Art New York ausgestellt, und sogar das niederländische Königshaus ließ sich von ihm fotografieren. Nun widmet ihm die Galerie f³ – freiraum für fotografie die erste große Werkschau in Berlin.
Unter dem Titel „Muses“ werden ausschließlich Erwin Olafs Porträtfotografien ausgestellt, die zwar einen zentralen Bereich seiner Arbeit darstellen, aber oft neben seinen theatralischen Inszenierungen übersehen werden. „Es geht darum, die Menschen zu zeigen, die Erwin inspiriert und zu einer gewissen Bildsprache angeregt haben“, erklärt Fotografin und Co-Kuratorin Nadine Barth. „Manche Menschen hat Erwin über Jahre hinweg begleitet und immer wieder fotografiert.“
„Es geht darum, die Menschen zu zeigen, die Erwin inspiriert und zu einer gewissen Bildsprache angeregt haben.“
Der Ausstellungsraum f³ widmet jeden Sommer eine Ausstellung LGBTIQ*-Themen – in diesem Jahr läuft „Muses“ ab dem 26. Juni. „Erwin Olaf ist ein Pionier der queeren Sichtbarkeit. Er hat sich schon ganz früh dafür eingesetzt, Menschen aus der queeren Szene ins Bild zu rücken“, sagt Katharina Mouratidi, künstlerische Leiterin des f³ und Co-Kuratorin. Gerade in einer Zeit, in der Homophobie wieder zunehme, sei es wichtig, künstlerische Räume zu nutzen, um queere Perspektiven in den Mittelpunkt zu rücken. Erwin Olaf habe sich immer um die Personen am Rande der Gesellschaft gekümmert und sich selbst als Teil von ihnen verstanden, so Mouratidi. Alte, kranke, queere Menschen – ihnen wollte er mit seinen Porträts eine Bühne geben. „Erwin hatte immer sehr persönliche Beziehungen zu seinen Models, mit vielen war er befreundet. Das zeigt sich in den Bildern, eine Art Komplizenschaft“, so Barth.
Auch sie kannte den niederländischen Künstler, der 2023 an seiner langjährigen Lungenerkrankung verstorben war. Durch die lange Krankheitsgeschichte hatte sich Erwin Olaf schon früh mit seinem Nachlass auseinandergesetzt und ihn detailliert festgehalten. „Er hat sein ganzes Werk durchforstet und kategorisiert. Es gibt eingekreiste Bilder, grüne Punkte, Notizen, festgelegte Ausschnitte. Seine Arbeit hat noch immer seinen Spirit und wird von seinen Entscheidungen geprägt“, erklärt Barth. „Das hat wirklich Gänsehauteffekt.“
Bei der Auswahl der Fotos haben sie zudem eng mit der Foundation Erwin Olaf und deren Leiterin Shirley den Hartog zusammengearbeitet, die davor knapp 30 Jahre lang Olafs Studio geleitet hat. Bereits im letzten Jahr organisierte die Stiftung in Zusammenarbeit mit dem niederländischen Stedelijk Museum Amsterdam die Ausstellung „Freedom“, die mit 375.000 Besucher*innen zur erfolgreichsten Ausstellung der Museumsgeschichte wurde.
„Freiheit, zu leben, wie man möchte, Freiheit, zu sein, wer man ist, und die Freiheit, die Gesellschaft mitzugestalten.“
Mouratidi und Barth erhoffen sich auch in Berlin ein großes Interesse. „Für mich ist ganz klar, dass Erwins Werk noch viel mehr gezeigt werden muss. Auch seine Verbindung zu Berlin wird in einigen Fotos porträtiert“, sagt Barth. In den 80er-Jahren sei der Niederländer oft in die Hauptstadt gereist, sei Teil der Partykultur gewesen, die er in seinen Fotos festgehalten habe. Auf die Frage hin, welche Botschaft Erwin Olafs Werk hinterlässt, antwortet Mouratidi: „Freiheit, zu leben, wie man möchte, Freiheit, zu sein, wer man ist, und die Freiheit, die Gesellschaft mitzugestalten.“
Erwin Olaf: „Muses“
27.06.– 06.09., Di–So 13:00–19:00
f³ – freiraum für fotografie
Prinzessinnenstr. 30, Kreuzberg
fhochdrei.org/en/erwin-olaf-muses
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