Teddy-Gewinner endlich im Kino

„Iván & Hadoum“ – Liebe zwischen Tomaten und Tristesse

5. Nov. 2026 Kevin Clarke
Bild: Lluís Tudela
Silver Chicón als Iván (li.) und Herminia Loh als Hadoum

„Iván & Hadoum“ erzählt die Liebesgeschichte eines jungen trans Mannes und einer freiheitsliebenden cis Frau, die beide in einer Gewächshausanlage in Südspanien arbeiten. Er fährt Gabelstapler, sie verpackt Tomaten. Bei der diesjährigen Berlinale wurde der Film mit dem Teddy Award als bester Spielfilm ausgezeichnet. Jetzt kommt er ins Kino

Man muss zunächst fragen, für wen genau dieser Film von Ian de la Rosa eigentlich interessant ist. Denn er ist definitiv nicht „für die Massen“. De la Rosa ist selbst trans* und stammt aus Granada. Bereits mit seinem Kurzfilm „Víctor XX“ setzte er sich 2015 mit dem Thema Transgeschlechtlichkeit auseinander. Nach einem weiteren Kurzfilm („Farrucas“, 2021) ist „Iván & Hadoum“ nun sein Spielfilmdebüt, das im Februar 2026 bei der Berlinale in der Sektion Panorama Weltpremiere feierte – und anschließend den Teddy gewann.

Von Anfang an verpflichtet sich der Film einem sozialen Realismus.

Mit ihrer Kamera fängt Beatriz Sastre die harsche Landschaft der Provinz Almería und die Tristesse des Arbeitsalltags in den Gewächshäusern und Lagerhallen ungeschönt ein. Von Anfang an verpflichtet sich der Film einem sozialen Realismus, der Menschen zeigt, die „ausgenutzt“ werden, wie sie selbst sagen. Sie schuften, um Gemüse und Obst zu verladen und in alle Welt zu schicken, bleiben aber selbst von der Welt abgeschnitten. Ausgeschlossen. Und müssen auch noch um ihre Jobs fürchten, denn um wirtschaftlich zu bleiben, soll die Hälfte der überwiegend weiblichen Belegschaft entlassen werden.

Genau in dieser Situation trifft Iván auf Hadoum. Er ist der Neffe des Besitzers des Betriebs und träumt davon, Lagermanager zu werden, damit er sich eine eigene Wohnung leisten kann und nicht mehr bei seinen beiden älteren Schwestern und deren Familien leben muss. Vorerst ist er jedoch damit beschäftigt, mit dem Gabelstapler Kartons voller Tomaten hin und her zu fahren. Hadoum steht am Fließband und sortiert diese Tomaten in Kartons. Im Gespräch mit ihren Kolleginnen wird schnell klar, wie groß die Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen ist – und wie stark der Wille zum Arbeitskampf.

Mondschein und Meeresrauschen

Als sich die beiden Protagonist*innen, überzeugend gespielt von Silver Chicón als Iván und Herminia Loh als Hadoum, eines Abends in einer Karaokebar treffen, wo Hadoum arabische Lieder singt, kommt es zum Eklat: Hadoum wird vom aggressiven Barmann das Mikrofon abgedreht. Als Iván sich dazwischendrängt, um ihr zu helfen, wird er vom selben Barmann als „Zwitter“ beschimpft. Nach einer Schlägerei flüchten Iván und Hadoum an den Strand – und kommen sich im Mondschein näher.

Bild: Lluís Tudela
Die erste Liebesnacht am Meer

Sie kennen sich aus der Schulzeit. Hadoum erinnert Iván daran, dass sie damals wegen ihrer spanisch-marokkanischen Abstammung als „die Muslimin“ bezeichnet wurde. Nach der Schule hat sie das Weite gesucht und ist umhergereist. Nun ist sie als Saisonarbeiterin zurück. Iván hingegen ist noch nie fortgegangen und bewundert Hadoum dafür, dass sie den Mut hatte, alles hinter sich zu lassen. Die Welt zu erkunden.

Während im Hintergrund das Meer rauscht, legt Hadoum den zunächst zögerlichen Iván ohne große Umschweife flach. Anschließend erklärt sie ihm, dass er sich bloß nicht in sie verlieben solle, nur weil sie einmal miteinander geschlafen hätten. Sie sagt: „Ich brauche niemanden!“ Aber natürlich kommt es anders. Und kompliziert wird es, als Iván zum Vorarbeiter befördert wird und nun in den Augen der Belegschaft zum Repräsentanten der schlechten Arbeitsbedingungen avanciert.

Viele haben den 100-minütigen Film dafür gelobt, dass er das Thema Transidentität zwar behandelt, aber nicht ins Zentrum der Geschichte stellt. Denn primär ist „Iván & Hadoum“ ein Sozialdrama: über prekäre Arbeitsbedingungen, geringe Hoffnung auf Aufstieg, Machtgefälle, Solidarität und Klassenzugehörigkeit. Wer hier großes romantisches Kino erwartet, liegt vollkommen falsch.

Bild: Lluís Tudela
Iván (li.) im Obst-und-Gemüselager, im Gespräch mit dem Besitzer des Betriebs

Die Geschichte wird leise, auch langsam erzählt. Die Liebe verwandelt die karge Landschaft und das Lagerhaus nicht in einen magischen Ort, den Iván und Hadoum sich erschaffen. Und bis ganz zum Schluss bleibt offen, ob es für die beiden Hauptfiguren überhaupt ein Happy End geben kann.

Bewegend, provokant und unvergesslich

Darauf muss man sich einlassen wollen. Es ist kein Feel-good-Movie, sondern ein unaufgeregtes Gesellschaftsporträt mit einer trans* Person im Zentrum, deren trans* Sein aber nie das eigentliche Thema ist oder „problematisiert“ wird: weder in der Liebesgeschichte noch im Familienkontext oder in der Arbeitswelt (die Szene in der Bar ist die eine Ausnahme). Das ist das Besondere, vielleicht sogar Revolutionäre. Und dafür gab es vermutlich, in erster Linie, den Teddy Award. In der Jury-Begründung hieß es: „Ein Film, der uns eine Liebesgeschichte zeigt, deren Grenzen nur von denen definiert werden können, die mutig genug sind, sie einzureißen. Dafür, dass er uns eine Liebesgeschichte zeigt, die soziale und moralische Barrieren überwindet und das Wesen menschlicher Gefühle in einer bewegenden, provokanten und unvergesslichen Geschichte einfängt.“

Ob die Geschichte wirklich provokant und unvergesslich ist, muss jede*r für sich selbst entscheiden, bewegend ist sie an vielen Stellen durchaus, dafür sorgen Chicón und Loh mit ihrer faszinierenden Leinwandpräsenz. Und mit dem Funken, der zwischen ihnen sofort überspringt.

Iván & Hadoum,
Spanien / Deutschland / Belgien 2026
Regie: Ian de la Rosa. Mit: Silver Chicón, Herminia Loh u. a.
Ab 05.11. im Kino

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