Kühler Kopf im aufgeheizten Sommer
Wie bewahren wir die Hoffnung, wenn sich die Weltlage anfühlt wie eine Entscheidungsschlacht um die Demokratie? Der schwule Philosoph Carsten Adler – Ex-Boyband-Kandidat bei Dieter Bohlen – empfiehlt die antike Lehre des Stoizismus als Bewältigungsstrategie in herausfordernder Zeit
Was für ein heißer Sommer! Nicht nur die Temperaturen, auch die Gemüter sind erhitzt wie selten. Nach dem CSD-Anschlag und vor den Wahlen zum Abgeordnetenhaus frage ich mich, ob die Berliner*innen in Freiheit des Verstandes wählen – oder mit „Wut im Bauch“. Denn die ist eine schlechte Ratgeberin. Treffen wir Entscheidungen wütend, so bereuen wir sie anschließend oft. Die besten Antworten fallen uns erst ein, wenn sich der emotionale Sturm gelegt hat. Dann heißt es: „Ach, hätte ich doch bloß ...!“
„Wut im Bauch ist eine schlechte Ratgeberin."
Ich kenne emotional aufgeladene Umstände selbst nur allzu gut: Als Teenie schien sich mein Traum zu erfüllen. Im Berlin der 90er wollte ich Teil eines internationalen Musikprojekts werden, einer von Dieter Bohlen produzierten Boyband. Doch schnell kam die Angst. „Was, wenn ich scheitere?“ Ich versuchte mich mit Medikamenten ruhigzustellen, um zu „funktionieren“. Als das Team bemerkte, dass ich nicht liefern konnte, ging alles ganz schnell: Das Projekt wurde beendet, um keine Risiken mit einem „emotional instabilen“ Teenie einzugehen. Der Höhenflug meines Lebens endete mit einem Absturz.
Die rückblickende Frage „Was war der Sinn des Ganzen?“ wurde für mich zu einer philosophischen Herausforderung, die mich zum Stoizismus führte: der Lehre der unantastbaren Gelassenheit. Sie besagt: Das Schicksal können wir nicht verändern. Aber wir können unsere Perspektive auf das Geschehen ändern! Atme durch, leg die Emotionen beiseite und schwinge dich hoch in die Adlerperspektive. Denn von oben betrachtet sieht die Lage anders aus. Wenn dir die Angst Chancen verbaut oder wenn dich die „Wut im Bauch“ zu Dummheiten treibt, rufe „Stopp!“ und frage: Um was geht es hier gerade wirklich? Deine Meinung kennst du schon – doch wie würden andere die Situation beurteilen? Wie wahr ist der Sachverhalt?
„Resignation lässt uns den Blick senken, Resilienz schafft Stabilität."
Übe dich in Resilienz. Diese ist von Resignation zu unterscheiden: Resignation lässt uns den Blick senken; wir verlieren den Weg und die vor uns liegenden Möglichkeiten aus den Augen. Sie ist wie Teilnahmslosigkeit oder Flucht. Resilienz tut das Gegenteil: Sie schafft Stabilität. Wir schärfen unseren Blick im Umgang mit den Gegebenheiten. Anstatt „Wut im Bauch“ regieren zu lassen, fragen wir uns: Um was geht es hier wirklich? Will ich das? Will ich das? Will ich das?
Das war der Impuls meiner philosophischen Erzählung „Pepe Poseidonios“: Der kleine Meerjunge Pepe wünscht sich, fliegen zu können, um seinem Freund Jesse nahe zu sein. Dabei verliert er fast sein Leben – in seiner Vorfreude hatte er nicht bedacht, ob „fliegen“ wirklich zu einem Meerjungen passt. Als ich das Buch meiner Mutter vorlas, sagte sie: „Der kleine Pepe, der fliegen wollte – das bist du!“ Dieser Moment zeigte mir: Wenn du etwas Bedeutendes (mit-)teilen willst, beginne bei dir selbst. Das tue ich jetzt – mit dieser kleinen philosophischen Erzählung – und lade andere dazu ein, diesen Weg der Selbsterkenntnis mit mir zusammen zu gehen.
Wenn du deine Erfrischung diesen Sommer – wie Pepe – durch einen Sprung ins Wasser suchen magst –, vergiss dabei nicht deinen Geist. Auch der braucht eine reinigende Abkühlung, wenn er gesund funktionieren soll.
Carsten Adler: „Pepe Poseidon"
Manuela Kinzel Verlag, 60 Seiten, 7,95 Euro
manuela-kinzel-verlag.de
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