Leben in den Randbezirken

Queer in Karlshorst: Zwischen Villenviertel und Regenbogenfamilienzentrum

12. Juni 2026 Franziska Schultess
Bild: Gunnar Klack CC BY-SA 4.0 Quelle
Nordeingang zum Gelände der Trabrennbahn

Karlshorst steht historisch mit seinem Jugendstil-Villenviertel für ein eher privilegiertes, aber auch abgeschirmtes Leben in der DDR und gilt heute als familienfreundlicher Wohnort abseits der Großstadthektik. Queere Orte sind hier allerdings rar. Einer davon ist das Regenbogenfamilienzentrum Lichtenberg, das noch immer mit den Folgen des Hochhausbrands im Februar (SIEGESSÄULE berichtete) zu kämpfen hat. Franziska Schultess hat die LGBTIQ*-Community im Ortsteil erkundet

Diesen Morgen im Februar werde sie nicht vergessen, sagt Constanze Körner. Sie ist an dem Tag krank zuhause. Eine Freundin schickt ihr einen Link zu einem rbb-Bericht. Am Abend zuvor hat es in einem Hochhaus in Friedrichsfelde, an der Grenze zu Karlshorst, einen Brand gegeben. „Ist das nicht euer Haus?“, schreibt die Freundin. Constanze Körner klickt auf den Link. Über dem Artikel ist auf einem Foto das mehrstöckige Wohnhaus zu sehen, Teile der oberen Etagen sind verkohlt. Im Erdgeschoss erkennt Körner die Büroräume des Vereins LesLeFam – Lesben* Leben Familie, dessen geschäftsführende Leiterin sie ist. Sie fährt sofort hin. Durch die Fenster sieht sie, wie innen Löschwasser von der Decke läuft. „Ich stand da wie vom Auto überfahren“, erzählt Körner im Gespräch mit SIEGESSÄULE.

Neben dem Schock und Mitgefühl für die betroffenen Bewohner*innen – drei Personen starben, weitere wurden verletzt – war der Brand für LesLeFam „ziemlich katastrophal“, sagt Körner. Vieles, von Möbel bis Technik, sei zerstört, mit einem Schaden für den Verein von mindestens 20.000 Euro. LesLeFam betreibt mehrere queere Projekte im Osten Berlins, darunter das Regenbogenfamilienzentrum Lichtenberg. Es befindet sich direkt neben dem Vereinsbüro, allerdings auf der vom Löschwasser nicht beschädigten Seite des Hauses.

Langsamer als in Kreuzberg oder Mitte

Inzwischen kann der Verein immerhin in seine alten Räume zurückkehren und hat begonnen, die zerstörten Arbeitsmittel zu ersetzen – Spenden sind weiterhin möglich und gern gesehen.

Wären die Angebote von LesLeFam weggefallen, wäre dies ein großer Verlust für den Berliner Osten. Vor allem auch für den Bezirk Karlshorst. Viele der Familien, die ins Regenbogenfamilienzentrum kommen, wohnen dort – Tendenz steigend, wie Constanze Körner weiß. Karlshorst, mit seiner überschaubaren Hauptstraße, den Jugendstil-Villen im „Prinzenviertel“ und der Trabrennbahn, auf der immer noch Pferderennen stattfinden, wirkt zuweilen wie aus der Zeit gefallen. Beim Bäcker ist die Schlange kurz, bei der Eisdiele „Prinzeneis“ lang. Am Samstag spaziert man durch die nahe Wuhlheide oder den Tierpark und kauft Oliven beim Mini-Wochenmarkt.

Die soziale Infrastruktur hinkt hinterher. Es fehlt an Jugendeinrichtungen, Schulplätzen und Supermärkten.

Das Leben läuft langsamer als in Kreuzberg oder Mitte. Zugleich wurden in keinem Teil Lichtenbergs in den vergangenen Jahren mehr neue Wohnungen gebaut als hier. Grün, wohlhabend, aufstrebend: so präsentieren das Bauunternehmen Bonava und andere Investoren den Bezirk gern, der seit den Nuller-Jahren rasant wächst, vor allem durch den Zuzug junger Familien. Die Neubaugebiete heißen „Gartenstadt“ oder „Parkstadt Karlshorst“, allein letztere umfasst 1000 neue Wohneinheiten. Die soziale Infrastruktur aber hinkt hinterher. Es fehlt an Jugendeinrichtungen, Schulplätzen und Supermärkten.

Und auch queere Anlaufstellen sind rar. Neben LesLeFam, die hier unter anderen im März Events zur „Lichtenberger Frauenwoche“ organisieren, gibt es einzelne kleine, autonome Kollektive. Wie das UJZ – Unabhängiges Jugendzentrum Karlhorst. Etwas versteckt liegt es am Ende der Hönower Straße. Ein Schild („Offene Bibliothek und Infocafé“) weist eine Metalltreppe hinauf. Oben ein Raum mit einer Bar, eine Sitzecke mit Couchen und einer Pride-Fahne als Tischdecke. Regale mit Büchern: Nelson Mandela, Gullivers Reisen, Geschichte Karlshorsts. Sol, Anfang 20, erklärt sich spontan bereit, ein Interview zu geben. Die offene Bibliothek zweimal im Monat, sagt Sol, „ist mein Herzensprojekt“. Daneben gibt es Spielabende der mal einen Siebdruckworkshop. „Wir wollen einen Raum bieten, wo man einfach sein kann“, erzählt Sol. „Es gibt zwar viele coole autonome Orte in Berlin, aber da fehlt oft der Bezug zu Queerness.“ Projekte wie das UJZ, das beim Jugendclub Rainbow unterkommt, hätten es in Innenstadtlage – Stichwort hohe Mieten – schwerer. Sol wünscht sich, dass noch mehr Menschen den Ort entdecken. „Und dass wir noch mehr in Karlshorst ankommen und Leute hier erreichen“.

Bild: Franziska Schultess
Sofa, Bücher, bunte Girlande: die offene Bibliothek im UJZ – Unabhängigen Jugendzentrum Karlhorst

Auch Constanze Körner sieht Vorteile darin, fernab der etablierten queeren Kieze aktiv zu sein. Bevor sie 2018 LesLeFam gründete, war sie viele Jahre beim LSVD in Schöneberg tätig. Mit ihrem neuen Verein in den Osten der Stadt zu gehen, sei eine bewusste Entscheidung gewesen. „Weil es hier einfach kaum queere Infrastruktur gibt. Und weil mir die Menschen, die hier leben, mit ihren Themen wichtig sind.“

Durch den Brand habe der Verein derzeit viel Aufmerksamkeit auf stadtpolitischer Ebene. Körner hofft, dies nutzen zu können, um aus der Katastrophe einen Neuanfang zu machen. Mut gebe ihr, wie viele Solidarität gezeigt haben: durch Spenden, Zuspruch, praktische Hilfe. Letzten Endes ist es dem Engagement einzelner Initiativen und Menschen zu verdanken, dass ein wachsender Bezirk wie Karlshorst nicht nur in Prospekten der Bauunternehmen lebenswert erscheint – sondern auch lebendig ist.

LesLeFam – Lesben* Leben Familie
leslefam.de

Regenbogenfamilienzentrum Lichtenberg
regenbogenfamilienzentrum-lichtenberg.de

UJZ – Unabhängiges Jugendzentrum Karlhorst
ujzkarlshorst.noblogs.org

Jugendclub Rainbow
Mehr Infos hier

Folge uns auf Instagram

#Bunt bis an den Rand#Karlshorst#LesLeFam#Lichtenberg#Ostberlin#Regenbogenfamilienzentrum

Das Siegessäule Logo
Das Branchenbuch mit Haltung
Queer. Divers. Überzeugend.