Nius-Werbung in der BVG: Wollt ihr Berliner*innen für dumm verkaufen?
Berliner*innen sind irritiert über Werbeflächen für Nius in der U-Bahn und auf Bussen. Die BVG verweist auf politische Neutralität und verteidigt die umstrittene Werbung. Das wäre glaubwürdiger, wenn sie nicht jahrelang selbst daran gearbeitet hätte, mehr als nur ein Verkehrsbetrieb zu sein, findet Doris Belmont
Facebook hat mir neulich eine Erinnerung ausgespuckt. Vor elf Jahren hing ein absurdes Bild von mir in Übergröße an einer BVG-Fassade. Heute kräht kein Hahn mehr danach, deshalb zur kurzen Einordnung: 2015 war ich gemeinsam mit allerlei bunten Gestalten dieser Stadt Teil der damals neuen Kampagne „Weil wir dich lieben“. Die BVG versuchte seinerzeit, ihr ramponiertes Image aufzupolieren. Schon damals galt der Verkehrsbetrieb als unfreundlich, chronisch verspätet und so störanfällig, dass bereits die Frage, ob die Fahrt überhaupt stattfinden würde, spannender war als eine Fahrt in der U8.
„Weil wir dich lieben“ – die erfolgreichste Baustelle der BVG
Die Kampagne war ein Erfolg. Auf Plakaten, in Videos und sozialen Medien präsentierte sich die BVG plötzlich als vielfältig, unangepasst, queer und schräg. Tunten, Lederkerle, Grufties, Hipster und Dinkeldörtes bebilderten die Werbemotive. Die Botschaft war klar: Wir sind nicht einfach ein Verkehrsbetrieb. Wir sind Berlin.
Zurück in der Gegenwart. Derzeit sorgt eine Werbekampagne des rechten Medienportals Nius auf den Werbeflächen der BVG für Diskussionen – Kritik hagelte es dafür unter anderem von der Organisation Campact, die als Protest einen LED-Info-Truck mit „ehrlicher Werbung“ losschickte sowie von der Deutschen Journalist*innen-Union (dju) in ver.di. Über das Portal selbst muss ich wohl nur wenige Worte verlieren. Julian Reichelts Dauerempörungsmaschine hat sich mit Falschmeldungen und künstlichen Skandalisierungen längst einen Namen gemacht. Entsprechend wenig überrascht die aktuelle Aufregung. Dass das Portal trotz zweistelliger Millionenverluste nur dank der immensen Finanzspritzen seines Hauptinvestors Frank Gotthardt weiter existiert, sei hier lediglich als Fun-Fact am Rande erwähnt.
Die BVG verweist auf ihre politische Neutralität. Werbung sei nicht mit der Haltung des Unternehmens gleichzusetzen. Man stelle lediglich Flächen zur Verfügung und sei nicht Absender der dort beworbenen Inhalte. Über die Belegung entschieden vertraglich gebundene externe Vermarkter. Das ist zunächst einmal ein valides Argument. Schließlich verkauft die BVG Fahrkarten und keine Weltanschauungen.
Nur hat die BVG viele Jahre viel Geld investiert, um als lebendiger Teil dieser Stadt wahrgenommen zu werden. Denn man muss der Kampagne eines lassen: Sie war vermutlich die erfolgreichste Baustelle des Unternehmens. Während Züge ausfielen, Fahrer fehlten und Busse im Fantasietakt fuhren, blieb das Image der BVG erstaunlich stabil und schaffte etwas, woran viele Unternehmen scheitern: Sie wurde zu einer Persönlichkeit.
Wer sich als Symbol für Vielfalt, Berliner Eigenheiten und urbanen Zusammenhalt inszeniert, muss sich auch daran messen lassen.
Genau deshalb wird sie heute anders beurteilt als eine gewöhnliche Werbefläche. Wer sich als Symbol für Vielfalt, Berliner Eigenheiten und urbanen Zusammenhalt inszeniert, muss sich auch daran messen lassen.
Die Frage ist also nicht, ob Nius werben darf. Natürlich darf es das. Die spannendere Frage ist, wie die BVG den Berliner Spirit über Jahre zur Marke machen konnte und gleichzeitig vergessen hat, woraus er besteht: Toleranz, Schrulligkeit, Widerspruchsgeist und manchmal sogar Herzlichkeit. Vor allem aber aus einer Eigenschaft, die Berlin bis heute nicht verloren hat: einer tiefen Abneigung gegen Leute, die versuchen, Berliner*innen für dumm zu verkaufen.
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