Kommentar

Pissegestank und Provinz-Flair: Was bleibt vom Berliner Lebensgefühl?

11. Nov. 2020 Jan Noll
Bild: Marcus Witte

Die Corona-Pandemie hat Lebensgefühl und soziales Miteinander in der Hauptstadt grundlegend verändert. SIEGESSÄULE-Chefredakteur Jan Noll erklärt, warum es jetzt besonders wichtig ist, wachsam zu bleiben

Sind wir mal ehrlich: Die Lebensqualität in Berlin ist derzeit recht beschissen. Nachdem der Sommer ins Land ging und durch Corona Clubs geschlossen, Bars durch Auflagen bis zur Unkenntlichkeit entstellt, Sexräume umfunktioniert und alternative Freiräume geräumt, bedroht oder anderweitig weggentrifiziert wurden, bleibt derzeit nicht mehr viel übrig von dem Berlin, das noch vor Kurzem der freiheitliche Nabel der Welt zu sein schien.

„Es derzeit nicht mehr viel übrig von dem Berlin, das noch vor Kurzem der freiheitliche Nabel der Welt zu sein schien“

Das „Berliner Lebensgefühl“ wird bestimmt durch Regen, Baustellen, Stau, BVG-Ersatzverkehr, unbefriedigte Partypeople, perspektivlose Straßendealer und eine generelle Verunsicherung. Entsprechend schwebt eine latente Aggression über dem öffentlichen Raum, mehr schlecht als recht verborgen hinter unsachgemäß getragenen Atemmasken. Der positive Ausgleich durch eine lebendige Club- und Kulturszene fehlt und nach 23:00 Uhr kann man sich noch nicht mal irgendwo ein Bier holen. Das derzeitige Leben in Berlin ist quasi das gleiche Leben wie in Hintertupfingen, nur in einer nach Pisse stinkenden Großstadtkulisse.

„Der Stadtraum wird durch die Pandemie neu sortiert.“

Es steht außer Frage: der Stadtraum und seine Nutzung werden durch die Pandemie neu sortiert und definiert. Parks wurden zu Clubs und Bürgersteige zu Bars, während überall geschlossene Türen die Orte versperren, die einst Räume der Befreiung oder Safer Spaces waren. Sollte im kommenden Jahr das große Clubsterben beginnen, werden zwar etliche entsprechende Locations plötzlich vakant, aber im schlimmsten Fall in eine andere, geldbringendere Nutzung überführt. Und während all das geschieht, beweist sich der Berliner Senat einmal mehr als ausführender Arm von privaten Immobilienspekulanten und räumt einen alternativen Freiraum nach dem anderen – wie zuletzt das Syndikat oder die Liebig34. Mensch möchte einfach nur noch wegziehen.

„Die Situation birgt aber auch Chancen, das Miteinander und den Raum in dieser Stadt neu zu gestalten“

Um an dieser Stelle etwas die Grautöne aus der Geschichte zu nehmen, sollten wir uns vor Augen halten, dass diese Situation auch Chancen bergen könnte, das Miteinander und den Raum in dieser Stadt neu zu gestalten, da sich etliche etablierte Strukturen verändert haben oder einfach verschwunden sind. Dabei einfach nur darauf zu pochen, den Zustand vor Corona wieder eins zu eins herzustellen, ist sicherlich die einfachste Lösung, aber vielleicht auch eine vertane Chance.

Doch egal, wie wir mit den neuen Möglichkeiten nach Corona umgehen wollen, sicher ist eins: In der Zeit nach der Pandemie müssen wir mehr denn je wachsam und widerständig bleiben, damit die Optionen zur Neugestaltung unserer sozialen Räume nicht den Investoren oder dem Gutdünken eines Senats überlassen werden, der bei aller Notwendigkeit vieler angeordneter Corona-Regeln in den letzten Monaten primär bewiesen hat, dass er kein Gespür für die Bedürfnisse und das Lebensgefühl der Berliner Bevölkerungsanteile hat, die sich nicht mit einem normativen Leben samt Häuschen in Rudow zufriedengeben möchten.

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#Berlin#Coronakrise#Szene#Gentrifizierung