„Queens of the Dead“: Warum jetzt eine gute Zeit für queeren Horror ist
Wenn Untote auf die queere Clubszene treffen: Regisseurin Tina Romero lässt in „Queens of the Dead“ Drag und Zombiefilm verschmelzen. Warum der Film nicht nur riesigen Spaß macht, sondern auch perfekt in die Blütezeit des Horrorkinos passt, beleuchtet SIEGESSÄULE-Redakteurin und Horrorfan Paula Balov. Happy Halloween!
Queerness und Horror sind seit Langem eng miteinander verbunden. Für viele wirkt das widersprüchlich wegen des oft problematischen Umgangs des Genres mit Minderheiten oder transmisogyner Narrative wie in „Das Schweigen der Lämmer“. Für viele queere Fans ist diese Verbindung jedoch längst eine bekannte Tatsache. Über das Queer Reading von „Frankenstein“, den sexuell aufgeladenen Vampirmythos oder die Identifikation queerer Fans mit Monster- und Freak-Figuren lassen sich ganze Bücher füllen. In Berlin gibt es sogar das Filmfestival „Final Girls“, das sich ganz dem queeren und feministischen Potenzial düsterer Genres widmet. Doch in vielen auch unter LGBTIQ* beliebten Filmklassikern bleibt Queerness oftmals zwischen den Zeilen oder wird von Fans queer angeeignet und uminterpretiert.
Da ist es bemerkenswert, dass in diesem Jahr sogar drei Horrorfilme erschienen sind – und sich größerer Beachtung erfreuen –, in denen Queerness nicht Subtext ist, sondern eine zentrale Rolle in der Handlung spielt: Der australische Coming-out-Film „Leviticus“, der in Berlin das diesjährige Fantasyfilmfest eröffnete, macht aus dem realen Horror der Homophobie und Konversionstherapie einen übernatürlichen Albtraum. Jane Schoenbruns Meta-Slasher „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ ergründet die Verbindung von Horrorkino mit queerem Begehren, sexueller Scham und Trauma. Und jetzt ganz neu, pünktlich zu Halloween erschienen als glitzernd-untotes Sahnehäubchen, lässt Regisseurin Tina Romero mit „Queens of the Dead“ eine Zombie-Apokalypse auf die queere Community los.
Diese Erfolge existieren natürlich nicht im Vakuum, denn wir befinden uns aktuell in einer Horror-Renaissance. Die Indie-Filme „Obsession“ und „Backrooms“ haben weltweit ein Vielfaches ihrer geringen Budgets eingespielt und große Blockbuster wie „The Mandalorian & Grogu“ übertroffen. Und bei der diesjährigen Oscarverleihung wurde das Horrorgenre so sehr gewürdigt wie selten zuvor in der Oscar-Geschichte mit Auszeichnungen für „Blood & Sinners“, „Weapons“ und Guillermo del Toros „Frankenstein“. Es ist also aktuell eine gute Zeit für Horror – und glücklicherweise auch für queeren Horror.
Auf dem Zombie-Schoß aufgewachsen
Mitten in dieser Blütezeit des Schreckens ist es vor allem „Queens of the Dead“, das den queeren Nerv trifft. Denn die Horrorkomödie ist erstaunlich unprätenziös und wirkungsvoll in ihrer Huldigung des Zombie-Genres aus queerer Sicht und gleichzeitig ein großer Popcorn-Kinospaß. Im SIEGESSÄULE-Interview beschreibt Regisseurin Tina Romero ihre ganz besondere Verbindung mit dem Zombiefilm, denn sie ist die Tochter von George A. Romero, dem Macher von „Die Nacht der lebenden Toten“ und vielen weiteren Zombie-Klassikern.
„Ich sage immer, bevor ich als Kind auf Santas Schoß saß, saß ich auf einem Zombie-Schoß“, erzählt sie lachend. Sie wuchs umgeben von Zombie-Merch auf, wollte jedoch eigentlich nicht selbst einen Film in dem Genre machen, außer wenn sie eine sehr gute Idee und damit etwas zu sagen habe – und genau das ist passiert. Ihr Vater hatte sogar noch vor seinem Tod die frühen Phasen des Drehbuchs mitbekommen und dem Projekt seinen Segen gegeben.
Der Plot handelt von einer Gruppe von Dragqueens und queeren Club-Kids, die ihr Szenedrama hinter sich lassen und ihre Fähigkeiten bündeln müssen, um eine Chance gegen die Zombie-Invasion zu haben, die am Abend eines geplanten Drag-Events in einen Nachtclub vordringt.
Eine der Sachen, die Tina Romero am Zombie-Genre spannend fand, ist, dass es „sehr butch“ sei – sehr maskulin, grau, oftmals mit einer libertären „Survival of the fittest“-Mentalität, bei der, anstatt sich zusammenzutun, die überlebenden Menschen allein für sich und gegeneinander kämpfen.
Da braucht es nicht viel, um dieses Genre aufzuqueeren: Man nehme glitzernde Zombies in schicken Partyoutfits und eine Story mit viel Herz, bei der eine Gruppe von Queers ihre szeneinternen Konflikte überwinden muss. „Ich mag meine Zombies alberner und mit etwas mehr Persönlichkeit“, sagt Romero. Die Szenen sind so stilisiert und farbintensiv, dass „Queens of the Dead“ stellenweise wie eine Verschmelzung von Zombiefilm und Popmusikvideo mit Dragqueens aussieht.
„Was ich an Drag und Zombies so besonders finde, ist, dass man damit gesellschaftliche Kritik üben kann, gleichzeitig aber auch jede Menge Spaß hat.“
Zur Idee, Drag und Zombies miteinander zu verbinden, führt sie aus: „Was ich an Drag und Zombies so besonders finde, ist, dass man damit politisch sein und gesellschaftliche Kritik üben kann, gleichzeitig aber auch jede Menge Spaß hat. Eine Mischung, bei der man seinen Spinat und all die gesunden Nährstoffe bekommt, aber es schmeckt eigentlich mehr wie Süßigkeiten.“
Auch andere Genre-Konventionen zieht Romero durch den Kakao: So gibt es in der Gruppe verschiedener queerer Charaktere einen heterosexuellen cis Mann, der sich in der Krise sehr unbeholfen anstellt – als Parodie auf die Minderheitenfigur in Mainstream-Horrorfilmen.
Queere Resilienz in der Krise
„Queens of the Dead“ lässt sich anschauen, ohne dass eine tiefe Analyse notwendig wäre, doch hat dieser campy Spaß tatsächlich auch mehr zu sagen. Inspiriert von Streitigkeiten rund um die queere New Yorker Clubszene – Tina Romero ist selbst auch als DJ Trix in der Szene unterwegs –, kam ihr die Idee, die queere Community vor die Herausforderung einer Zombie-Apokalypse zu stellen: Die mit Anxiety geplagte Dragqueen Sam aka Samoncé (Jaquel Spivey) muss lernen, über ihren Schatten zu springen, und die charismatische Dre (Katy O’Brian) muss als überforderte lesbische Partyveranstalterin am Rande der Insolvenz zwischen Club- und bald Familienleben nun auch die Befindlichkeiten ihrer Kolleg*innen und Friends während einer Zombie-Invasion jonglieren.
Themen wie Social Media, Substanzkonsum, das damit verbundene Stigma und das mangelhafte Gesundheitssystem für trans* Personen werden im Film ebenso verhandelt wie szeneinterne Spannungen, etwa mit Bi+-Ikone Margaret Cho in der Rolle der verbohrten terfy Radikalfeministin Pops.
Dabei ist es keine eindeutige Krise, die Romero hier referenziert. Das Drehbuch begann Romero vor über zehn Jahren zu schreiben, als die Lage für LGBTIQ* in den USA noch nicht ganz so düster aussah wie heute. Mit zunehmendem internationalem Rechtsruck blickt man heute jedoch anders auf das Geschehen im Film. Aus Berliner Perspektive lässt die Geschichte außerdem an die desolate Lage queerer Infrastruktur denken.
„Große Teile des Drehbuchs wurden auch während Corona geschrieben und das hat uns beeinflusst.“
Der Club am Rande seiner Schließung, während sich ein Virus ausbreitet, kann natürlich auch als Parallele zur Aidskrise der 1980er- und 90er-Jahre gelesen werden, oder aktueller als Parallele zur Corona-Pandemie, was kein Zufall ist: „Große Teile des Drehbuchs wurden auch während Corona geschrieben und das hat uns beeinflusst,“ erzählt Romero. „Es fühlte sich draußen gewissermaßen wie eine Zombie-Apokalypse an. Ich weiß nicht, wie es in Berlin war, aber in New York City war es unheimlich. Die Straßen waren leer, jeder vorbeifahrende Krankenwagen klang plötzlich dringlicher und bedrohlicher.“
Die Zukunft des (queeren) Schreckens
„Queens of the Dead“ gelingt es mit erstaunlicher Leichtigkeit, sich gleichzeitig vor dem Zombie-Genre und dem Erbe George A. Romeros zu verbeugen, es mit Liebe zu parodieren, zu dekonstruieren und eine zeitlose queere Geschichte über den Zusammenhalt der Community in Krisenzeiten zu erzählen – und dabei auch noch verdammt gut auszusehen. Das alles, ohne die Moral der Geschichte zu erklären oder die Botschaft in überkomplizierten Meta-Narrativen zu verschachteln.
Indem Romero Zombies und Horror nicht zu ernst nimmt, zeigt sie, dass sie ihre (queeren) Fans ernst nimmt, und erschafft ein campy Drag-Splatter-Fest vom Feinsten. Man könnte noch weitergehen und sagen, „Queens of the Dead“ ist visionär und wegweisend für eine Richtung, in die sich das tausendfach durchgespielte Zombie-Genre noch weiterentwickeln könnte.
„Queens of the Dead“ ist wegweisend für eine Richtung, in die sich das tausendfach durchgespielte Zombie-Genre noch weiterentwickeln könnte.
Die Horror-Renaissance wird oftmals damit erklärt, dass in Zeiten von zu vielen Sequels und Remakes gerade ein Genre, das als ausgesprochen transgressiv gilt und dafür berühmt ist, historisch neue Territorien in der Kinematographie erschlossen zu haben, an neuer Bedeutung gewinnt – während es in der aktuellen politischen Weltlage gleichzeitig auch Eskapismus und Katharsis bietet. (Wobei nicht unerwähnt bleiben sollte, dass auch Horror-Franchises mit Filmen wie „Scream 7“ und dem neuen achten „Resident Evil“-Teil zugleich selbst Sequel-Maschinen sein können.)
Dass die queeren Aspekte des Genres nun immer weiter in den Mainstream vordringen und Raum für explizit queere Storys schaffen, ist erfreulich und macht neugierig darauf, was (queerer) Horror in den nächsten Jahren noch so bereithält. Tina Romero wird dabei sicherlich ein Name bleiben – sie hat jedenfalls schon die nächsten Pläne, wie sie im Interview verlauten lässt, nämlich ein anderes, sehr „butches“ Filmgenre aufglitzern zu lassen: „Wir entwickeln gerade einen Hai-Film. Ich finde, das ist ein weiterer Bereich im Horrorfilm, der traditionell extrem maskulin und heteronormativ geprägt ist, und es läuft immer auf denselben alten Mist hinaus. Da würde ich mich gerne mal einmischen und einen großen, queer-orientierten Hai-Thriller machen.“
„Queens of the Dead“,
Regie: Tina Romero, mit Katy O’Brian, Riki Lindhome, Jaquel Spivey, Margaret Cho u.a.
USA 2025, 99 Min., OmU,
Seit 29.10. im Kino
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