Queer in Steglitz-Zehlendorf: Zwischen Knast und Berliner Riviera
Als 2024 und 2025 „Queens & Flowers“, das Drag-Sommerfest im Botanischen Garten stattfand, rieben sich so manche Nachbar*innen die Augen. So etwas gab es noch nicht im grünen Südwesten Berlins. Anders als in Schöneberg sind queere Events im beschaulichen Steglitz-Zehlendorf eher die Ausnahme. Doch es tut sich was, sagt Anwohner Ecki Ramón Weber
Der Bezirk Steglitz-Zehlendorf, praktisch die Berliner Riviera, mit Seen, Parks, Villenkolonien, Vorgärten, begrünten Hinterhöfen und viel Gründerzeitbauten, gilt eher als das Baden-Baden der Hauptstadt: gepflegtes Senior*innentum und bedächtiger Rhythmus. Zweifellos ist der Altersdurchschnitt im Bezirk höher als in, sagen wir, Prenzlauer Berg. Doch in den letzten 20 Jahren hat es sich zunehmend verjüngt. Außerdem leben hier etliche Queers. Zum Beispiel Studierende: Zwar existiert in Dahlem an der Freien Universität (FU) in deren Hauptgebäude Rostlaube längst nicht mehr das legendäre Rosa Café. Dafür ist aber seit mehreren Jahren mit dem Mathematikprofessor Günter M. Ziegler ein offen schwuler Präsident im Amt.
FU-Mitarbeitende haben sich zum engagierten Queer Staff Network zusammengeschlossen. Den Studierenden bietet das Autonome Queer*Referat im AStA der FU Serien- und Filmabende, Kleidertausch, Sektempfänge, Partys, Vorlesungen, Workshops und Beratungsangebote. Eng damit verbunden ist das ANTI-Referat, die Interessenvertretung von agender, nicht binären, trans* und intergeschlechtlichen Personen. Im Dachgeschoss der AStA-Villa befindet sich mit dem Pinky ein Safer Space für FLINTA*.
Aber auch außerhalb der Uni ist mittlerweile so einiges queer-lebendig im Bezirk, etwa in der Gastronomie: Nicht weit von der Rostlaube befindet sich im Museum Europäischer Kulturen das queerfreundliche Restaurant eßkultur. Ebenfalls in Dahlem, am Nordwestrand des Botanischen Gartens, gehen LGBTIQ* gern in das idyllische Café der Königlichen Gartenakademie. Noch weiter nördlich, an der Grenze zu Friedenau, in der Gutsmuthsstraße, befindet sich das queerfreundliche Café-Restaurant GM26. Zudem gibt es mehrere Beratungsstellen jenseits der FU im Bezirk: Das schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo hat seit April 2025 eine Zweigstelle im Stadtteilzentrum Villa Mittelhof in Zehlendorf.
„Wir bieten einen Raum an, in dem die jungen Menschen sie selbst sein können.“
Outreach Berlin hält in der Jugendfreizeiteinrichtung Flemming in Steglitz Angebote wie den Treffpunkt Q*lub und die offene Lerngruppe Q*lern bereit. Ebenfalls seit Frühjahr 2025 öffnet Q Zephir’s Queerspace zweimal wöchentlich ab 16 Uhr die Pforten. Hier, nahe dem S-Bahnhof Zehlendorf, organisiert Connie von der Familienhilfe Zephir ein Freizeitangebot für Queers ab zwölf Jahren. Bei Brettspielen, beim Backen und in Gesprächen gibt es Spaß und Austausch. „Wir bieten einen Raum an, in dem die jungen Menschen sie selbst sein können. In einem so geschützten Rahmen wie möglich, regelmäßig kommen junge trans* Personen zu uns“, erzählt Connie, die auch Beratung anbietet.
Queer Café, eine Bereicherung für den Kiez
Im Sommer zieht seit jeher die Gay Beach im FKK-Bereich des Strandbads Wannsee die Leute an. Hier drehte schon Rosa von Praunheim Szenen für „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“. Einen zauberhaften Park am Wasser hat das Haus am Waldsee; das Museum an der Argentinischen Allee bringt immer wieder queere Positionen. 2025 gab es Einzelausstellungen zu den schwulen Künstlern Bruno Pélassy und Ull Hohn. Mit dem Kollektiv Pride Art in The Knast im ehemaligen Frauengefängnis Lichterfelde ist vor einigen Jahren eine queere Kunstinstitution in den Bezirk gezogen, die Ausstellungen und Workshops in den Ateliers präsentiert.
Nicht weit davon, im Gutshaus Lichterfelde, gibt es seit 2023 das Queer Café, eine echte Bereicherung für den Kiez. Hier treffen sich alle zwei Wochen mittwochs ab 17 Uhr mehrere Generationen; Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans* und intergeschlechtliche Personen, geflüchtete Queers, LGBTIQ* mit Behinderung und Allys. Es ist eine einladende, quirlige Runde, jeweils zehn bis 20 Leute, wo gleichzeitig Raum für Ruhe und Rückzug besteht. Auch Gäste aus anderen Bezirken kommen – weil hier solch eine gute Stimmung herrscht.
Tiefe Gespräche, Quiz und Spiele
Für die Steglitzer Dragqueen Petra Grober-Unfug ist das Queer Café „ein Schutzraum, wo ich so sein kann, wie ich bin, ich muss mich nicht erklären, ich muss mich nicht rechtfertigen. Ich treffe Gleichgesinnte, kann mich mit ihnen vernetzen. Es gibt lustige Gespräche, tiefe Gespräche, Quiz, Spiele.“ Alles kann, nichts muss. Wie so vieles im Kiez wurde auch das Queer Café mit privatem Engagement gegründet. „Hier gab es gefühlt nichts, nada, Wüste“, erzählt Charlie, der das Queer Café ins Leben gerufen hat und mit Mitstreiter*in Birdy organisiert.
„Im Queer Café ist eine offene Atmosphäre, wo ganz verschiedene queere Menschen zusammenkommen können.“
„Im Queer Café ist eine offene Atmosphäre, wo ganz verschiedene queere Menschen zusammenkommen können, sich austauschen, ihre Erfahrungen teilen, sich mit ihren Themen einbringen und Freundschaften schließen können“, sagt Charlie und betont, „es ist auch ein Raum zum Experimentieren, wenn man sich ausprobieren möchte.“ Diesen Juni präsentierte sich das Queer Café zum dritten Mal mit eigenem Stand beim jährlichen Kunstmarkt im Park hinter dem Gutshaus Lichterfelde.
„Ich würde mir wünschen, dass es auch von Seiten des Bezirks mehr Initiative gäbe, solche Räume zu schaffen.“
Die verschiedenen Angebote treffen sich monatlich im Forum Runder Tisch Queeres Steglitz-Zehlendorf. All dies ist aus privatem Engagement entstanden. „Ich würde mir wünschen, dass es auch von Seiten des Bezirks mehr Initiative gäbe, solche Räume zu schaffen“, bemängelt Charlie. Doch stattdessen wurde im Oktober 2025 von der Bezirksverordnetenversammlung der Antrag auf Einrichtung einer Queerbeauftragten-Stelle mit den Stimmen der CDU, FDP und AfD abgelehnt. Da gibt es noch dicke Bretter zu bohren.
Der persönliche Traum des Autors, der selbst im Bezirk wohnt: Der stillgelegte „Mäusebunker“ – das leer stehende Gebäude der ehemaligen Tierversuchseinrichtung der FU in Lichterfelde, ein Wahrzeichen des Brutalismus, das aussieht wie der Panzerkreuzer Potemkin auf Steroiden – würde zu einem riesigen Queer-Club ausgebaut. Das wäre ein Segen für die aktuell ausgedörrte Clubkultur Berlins …
Autonomes Queer*Referat im AStA der FU
astafu.de/referate/schwul
ANTI-Referat
astafu.de/referate/anti
Maneo
maneo.de/locations/villa-mittelhof-e-v
Outreach Berlin
outreach.berlin
Haus am Waldsee
hausamwaldsee.de
Pride Art
prideart.eu
Runder Tisch Queeres Steglitz-Zehlendorf
queer-steglitz-zehlendorf.de
Queer Café
22.7., ab 17:00,
Gutshaus Lichterfelde
Hindenburgdamm 28, Steglitz-Zehlendorf
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