Leben in den Randbezirken

Queer in Treptow-Köpenick: Angst vor den Nachbar*innen

17. Sept. 2026 Sören Kittel
Bild: Sören Kittel
Grünen-Politiker Talip Törün

Berlins Südosten hat keine LGBTIQ*-Szene – aber Menschen, die sie gerade deshalb aufbauen wollen. SIEGESSÄULE-Reporter Sören Kittel hat sich für uns vor Ort umgehört: beim queeren Rugby-Verein, LesLeFam und bei Jugendprojekten

Wer wissen will, wie es um das queere Leben in Treptow-Köpenick steht, muss Engagierte im Bezirk nach dem „Queeren Herbstfest“ fragen. Im Oktober 2025 fand es zum vierten Mal statt, tief in Oberschöne-weide, dort, wo die Spree auf Höhe der Wuhlheide einen kleinen Schlenker macht. 20 Kilometer vom Nollendorfplatz entfernt sang die Liedermacherin Suli Puschban, während sich zwischen Mittag und Abend rund 400 queere und nicht queere Menschen trafen: Rentner*innen, Jugendliche, Regenbogenfamilien.

Im Sommer 2026 sitzt Talip Törün (für die Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung) auf einer Regenbogenbank in Alt-Treptow und erinnert sich daran zurück. „Die Leute kamen teilweise aus Spandau oder Reinickendorf, also mit halber Weltreise durch Berlin“, sagt er. „Aber komisch war, dass die eigentlichen queeren Anwohner:innen nicht da waren.“ Einige hätten ihm später angedeutet, dass sie Angst gehabt hätten, von Nachbar*innen erkannt zu werden. „Teilweise war das Feedback tatsächlich: Vielleicht komme ich nächstes Jahr.“

Doch in diesem Jahr wird es kein Queeres Herbstfest geben. Es gab Vorbereitungstreffen, aber als es darum ging, Verantwortung zu übernehmen, blieb es oft bei Zusagen. In Treptow-Köpenick bedeutet queere Infrastruktur vor allem eines: Ehrenamt. Törün gehört zum Team Queer Treptow-Köpenick (TQTK), dem losen Netzwerk aus Initiativen, Vereinen, Politik und Verwaltung, das seit Jahren versucht, die queeren Inseln des Bezirks miteinander zu verbinden.

„Es gibt quasi gar nichts“

Zu diesem Netzwerk gehört auch Constanze Körner von LesLeFam. Die Mutter einer Regenbogenfamilie engagiert sich seit vielen Jahren im Bezirk. „Immer mal entstehen Initiativen queeren Lebens, die aber meist auch wieder klein werden und verschwinden“, sagt sie. Die Herausforderung für Regenbogenfamilien am Stadtrand sei vor allem die Entfernung zur Community: „Die Wege zu speziellen Angeboten sind weit und es gibt quasi gar nichts.“ Körner fordert deshalb die Umsetzung des bezirklichen Aktionsplans, eine Queerbeauftragtenstelle und dauerhaft finanzierte Anlaufstrukturen.

„Das stresst auch die Jugendlichen“

Ein Queerbeauftragter ist derzeit nicht in Sicht, ganz ohne Angebote ist der Bezirk allerdings nicht. Es gibt das Haus B am Treptower Park, das Café Köpenick mit queeren Abenden, die Ruder-gruppe Queerschlag, den Rugbyverein Berlin Bruisers, queere Andachten in Adlershof oder den selbst organisierten Treff „Queere-weide“ in Schöneweide. Das Herzstück bleibt jedoch das JuKuZ in der Karl-Kunger-Straße, der einzige dauerhaft eingerichtete queere Ort im Bezirk.

Lou Theobald arbeitet seit rund eineinhalb Jahren dort, aber wie lange noch? „Ende jedes Jahres drohen uns die Kürzungen“, sagt er der SIEGESSÄULE, „und wir wissen nicht, ob und wie es weitergeht.“ In diesem Jahr war der Club schon von Kürzungen betroffen. „Das stresst uns, und das stresst auch die Jugendlichen, die hierherkommen.“ Dabei gebe es gerade hier im Kiez zu wenig Orte, sagt er, an denen man sich treffen und Zeit miteinander verbringen kann, ohne Geld auszugeben.

„Einfach nicht komplett wahrgenommen“

Im Bezirksamt klingt das etwas optimistischer. Nach aktuellem Stand sei die Finanzierung des Jugendangebots gesichert, zusätzliche Mittel für die queere Jugendarbeit kämen derzeit vom Land Berlin. Der Ort leiste „wichtige Arbeit“. Auch bei einer Forderung der lokalen Initiativen scheint sich etwas zu bewegen: Die Einrichtung einer bezirklichen Queerbeauftragtenstelle „werde derzeit geprüft“, sagt eine Sprecherin, „und soll gemeinsam mit dem Themenfeld der Istanbul-Konvention gedacht werden“. Als wichtigste Aufgaben nennt die Verwaltung dabei den Ausbau von Schutzräumen, Community-Spaces sowie die Vernetzung und Sichtbarmachung queeren Lebens im Bezirk.

Talip Törün hat neulich eine Auflistung der queeren Initiativen in Berlin gesehen, das JuKuZ war dabei, das TQTK nicht. „Manchmal hat man den Eindruck, dass man so ein bisschen runterfällt“, sagt er, „dass queeres Leben in Treptow-Köpenick einfach nicht komplett wahrgenommen wird.“ Aber vielleicht hat das auch etwas mit dem Rechtsruck im Land zu tun: „Die CDU im Nollendorfkiez macht Regenbogenpolitik, die CDU hier stimmt gegen einen queeren Aktionsplan.“

Café Köpenick, Seelenbinderstr. 54
hdjk.de

RSO (Revier Südost),
Schnellerstr. 137
reviersuedost.de

Berlin Bruisers e. V.,
berlinbruisers.com

Rudergruppe Queerschlag,
queerschlag.de

JuKuZ Gérard Philipe,
Karl-Kunger-Str. 29,
@_jukuz_

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