Projekt quapsss

Selbsthilfe für Chemsex-User: „Kompetenzen stärken“

16. Dez. 2021 as/Michael G. Meyer
Projektleiter Urs Gamsavar

Chemsex – der Begriff geistert durch die Szene. Einige betreiben ihn, gesprochen wird darüber aber nur selten, und wer ein Problem damit hat, weiß oft nicht, wohin. Das Projekt „quapsss“ der Deutschen Aidshilfe sollte Abhilfe schaffen: mit innovativen Grundlagen für Selbsthilfegruppen. Nach zweijähriger Laufzeit geht das Modellprojekt nun zu Ende. SIEGESSÄULE bat den Leiter und Sexualtherapeuten Urs Gamsavar um eine Bilanz

Urs, quapsss steht für „Qualitätsentwicklung in der Selbsthilfe für Männer, die Sex mit Männern haben, die psychoaktive Substanzen im sexuellen Setting konsumieren“. Das klingt schonmal sehr komplex. Wie seid ihr an das Projekt herangegangen? Ziel war es, einen neuen Selbsthilfeansatz für Chemsex-User zu entwickeln. Mithilfe von Therapeut*innen, Berater*innen und Ärzt*innen, die sich mit dem Thema auskennen, wurde ein Handbuch erarbeitet, das verschiedene Felder zusammendenkt. Dabei soll die Kompetenz der User in bestimmten Bereichen gestärkt werden: Konkret geht es da um soziale Kompetenz, Autonomie, dem Umgang mit Konsum, dem Verhältnis zur Sexualität und der eigenen Körperwahrnehmung . Diese verschiedenen Bereiche miteinander zu verzahnen, ist das Besondere des quapsss-Ansatzes.

„Es geht um soziale Kompetenz, Autonomie, das Verhältnis zur Sexualität und der eigenen Körperwahrnehmung“

„Qualitätsentwicklung“: was kann man sich darunter vorstellen? Es wurden spezifische Angebote entwickelt, erprobt und evaluiert. Im Fokus stand dabei die Frage, ob und wie Selbsthilfegruppen Chemsex-User dabei unterstützen können, die eigenen Lebensumstände zu verbessern. Von Anfang an waren Personen aus bereits existierenden Selbsthilfegruppen mit dem Schwerpunkt auf Chemsex beteiligt. Unsere Kooperationspartner haben bundesweit, in verschiedenen Städten, quapsss-Gruppen anhand des entwickelten Handbuchs und vorausgegangenen Trainings vor Ort durchgeführt. Die quapsss-Gruppen haben den neuen Ansatz ausprobiert, der dann evaluiert wurde. Dafür wurden zum Beispiel vorher-/nachher-Befragungen mit den Teilnehmern* gemacht.

Worin können denn die Probleme von Chemsex-Usern bestehen? Zunächst einmal ist es wichtig zu wissen, dass nicht jeder*, der Chemsex praktiziert, unbedingt ein Problem hat. Es können sich aber Probleme aus dem Konsum heraus entwickeln. Man kann zum Beispiel abhängig werden, eine Psychose bekommen oder man kann nüchtern keinen Sex mehr genießen, und einiges mehr. Oftmals ist es ein schleichender Prozess hin zum „problematischen Chemsex“, der manchmal mit Schlafproblemen, Lustlosigkeit oder Vernachlässigung des Freundeskreises anfangen kann. Der quapsss-Ansatz versucht dabei, sich nicht nur auf die Probleme zu fokussieren, sondern die Teilnehmer* vielmehr in und durch einen Gruppenprozess zu stärken.

„Nicht nur auf die Probleme fokussieren, sondern die Teilnehmer* stärken“

Um den Konsum welcher Substanzen geht es hier genau? Wenn wir von Chemsex sprechen, geht es meist um Substanzen wie Crystal (Tina), Mephedron und andere Cathinonen und GHB/GBL. Hinzu kommen oft noch Poppers, Kokain, Ecstasy, Ketamin, Viagra und ein paar mehr.

Welche Erkenntnisse habt ihr aus der Arbeit mit den quapsss-Gruppen gewonnen? Die wichtigste Erkenntnis ist: quapsss wirkt! Die Evaluation hat belegt, dass der teilgeleitete Selbsthilfe-Charakter der quapsss-Gruppen und die Stärkung der Kompetenzen geeignet ist, um Chemsex praktizierende Männer zu unterstützen. Klar gab es auch kritische Anmerkungen und Verbesserungsvorschläge. Diese haben wir in das Konzept aufgenommen.

Wie viele derjenigen, die Chemsex praktizieren, wollen denn überhaupt ein solches Hilfsangebot in Anspruch nehmen? Bei quapsss ging es ja explizit darum, wie MSM* unterstützt werden können, die für sich einen problematischen Konsum erkannt haben und die etwas ändern wollten. Von unseren quapsss-Kooperationspartnern wie zum Beispiel dem Sub in München, dem Mann-o-Meter in Berlin oder auch Hein&Fiete in Hamburg wissen wir aber, dass es seit einigen Jahren viele Anfragen zu Chemsex-Beratung gibt und hier die Angebote ausgebaut werden. Auch die quapsss-Gruppen werden an vielen Standorten weiterlaufen, beziehungsweise es sind neue Gruppen in Planung.

Wie geht es darüber hinaus bei euch weiter? Im Januar wird unser quapsss-Handbuch veröffentlicht und kann kostenfrei von der Deutschen Aidshilfe bezogen werden. Zudem wird es in der zweiten Jahreshälfte erneut Trainerworkshops für Interessierte geben, die eine eigene quapsss-Gruppe aufbauen und begleiten möchten. Zu diesen Seminaren kann man sich bereits jetzt bei der Deutschen Aidshilfe anmelden.

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