Streifzüge durch die Stricherszene
Schöneberg streitet mal wieder über Männer, die im Fuggerkiez anschaffen gehen – auch in Bars wie dem kürzlich geschlossenen Tabasco. SIEGESSÄULE-Autor Philip Eicker nimmt uns anlässlich des International Sex Workers Day am 2. Juni mit auf einen Streifzug durch ein ambivalentes Stück Berliner Geschichte und sprach mit Barbetreibern, Sexworkaktivisten, Hilfsgruppen – und Vertretern der CDU-Fraktion Tempelhof-Schöneberg
Für die einen ist die Ecke zwischen Fugger- und Eisenacher Straße ein Teil des Regenbogenkiezes, der besonders bunt schillert – für die anderen eine „Grauzone mit Drogenkonsum“ und „Anbahnung von Prostitution“, wie Klaus Hackenschmied kritisiert. Besonders der Zustand des Spielplatzes stört den queerpolitischen Sprecher der CDU-Fraktion in Tempelhof-Schöneberg: „Der von der grün-rotroten Zählgemeinschaft im Bezirk gerne als ,Bürgerplatz‘ bezeichnete Ort ist ein ,Angstraum‘ geworden“, so Hackenschmied.
Fakt ist: In dem Toilettenhäuschen auf dem Platz hat es schon zweimal gebrannt – und es wird mitunter dazu benutzt, um in Ruhe Sex zu haben oder Drogen zu verkaufen. Das will die CDU in Zukunft unterbinden. Hackenschmied schlägt vor: Das Ordnungsamt soll öfter kontrollieren, der Spielplatz soll eingezäunt und das WC „als Sofortmaßnahme“ nachts abgesperrt werden.
Einer der Ersten, der den CDU-Vorstoß auf Instagram kommentiert hat, war Kolja Nolte. Der 49-Jährige wohnt um die Ecke und hat einen ganz anderen Eindruck: „Der Vorwurf, dass die Kinder ihren Spielplatz wegen der Prostitution nicht benutzen können, ist totaler Quatsch.“ Der Spielplatz sei schlicht der erste Treffpunkt im Viertel für alle, die mal rauswollen, aber kein Geld für ein Getränk im Café ausgeben können oder wollen. Und auch die schnelle Nummer auf der öffentlichen Komposttoilette stört ihn als Anwohner nicht: „Das Klohäuschen in der Fuggerstraße sieht scheiße aus, aber es ist immerhin besser als Sex im Hauseingang.“
Diese Szeneorte werden weniger
Kolja weiß, wovon er spricht. Auch er ist seit 13 Jahren im Sexbusiness tätig. Mit Mitte 30 hat er am Bahnhof Zoo angeschafft. Heute ist er „der Dominus“ und bekannt für „männlich-bizarren“ Sex mit BDSM-Note. „Ich war nie aus finanzieller Not auf dem Strich“, betont der frühere Projekt- und Marketingmanager, „eher aus sexueller Neugier.“ Das sei ein Unterschied zu den Männern, die im Fuggerkiez anschaffen gehen. Viele kommen aus Rumänien oder Bulgarien, zwei der fünf ärmsten Länder in der EU. „Das ist kein Escortbusiness, wo ich 3.000 bis 4.000 Euro für eine Nacht im feinen Hotel bekomme“, erklärt Kolja. „Da gibt es für einen Blowjob nur 20 Euro.“ Kolja engagiert sich im Berufsverband Sexarbeit, einer Gewerkschaft für Sexworker, und spricht aus Respekt nicht vom „Straßenstrich“, sondern vom „Niedrigpreissegment der Prostitution“. Tatsächlich ist käuflicher Sex eine der wenigen Berufssparten, in der Männer schlechter bezahlt werden als Frauen – obwohl die Kundschaft in beiden Fällen größtenteils aus cis Männern besteht.
Dass im Fuggerkiez männliche Sexworker ihr Geschäft „anbahnen“, wie es wissenschaftlich heißt, bekomme die Nachbarschaft sowieso nur im Sommer mit, vermutet Kolja. Dann sparen sich die Sexarbeiter das Geld für ein Getränk und sprechen potenzielle Interessenten auf der Straße an. Im Winter dagegen warten sie lieber in einer beheizten Bar auf Kundschaft. Dann sind anliegende Lokale wie das Musikcafé Pinocchio besonders gut besucht. Doch diese Szeneorte werden weniger. Ein traditionsreicher musste im März schließen: 67 Jahre lang war die Tabasco Bar eine feste Größe des schwulen Nachtlebens.
Schon die Vorgängerin, die Robby Bar, hat unfreiwillig queere Geschichte geschrieben. Leider ein düsteres Kapitel aus der westdeutschen Nachkriegszeit: Am 22. November 1957 stürmte die Polizei eine Party und ließ alle Anwesenden kontrollieren, so der Polizeibericht von damals. „Sofort wurden alle jüngeren Personen, die im Verdacht der Strichjungentätigkeit standen, zwangsgestellt“, also vorläufig festgenommen, und „nach wenigen Minuten“ mit einem Mannschafts-Lkw „abtransportiert“. Damit niemand durch Fenster oder Hintereingang entkommen konnte, hatten verdeckte Ermittler das Lokal zuvor besucht und dessen Grundriss genau skizziert. Diese Zeichnung hat in einem Archiv überdauert und ist nun im ersten Band der Reihe „Handbuch Queere Zeitgeschichten“ zu bestaunen.
Und just vor der Robby-Razzia bestätigte das Bundesverfassungsgericht im Mai 1957 die Gültigkeit des Paragrafen 175, der Sex unter Männern verbot.
Interessant ist, wie ambivalent die Gesellschaft vor bald 70 Jahren mit dem Thema umging. Da war auf der einen Seite die verstärkte Repression: Nach einer vergleichsweise liberalen Phase in den späten 1940erJahren wurden Queers wieder schärfer verfolgt. In den frühen 50ern wurden ehemalige SA- und SS-Männer rehabilitiert und zu Hunderten in die Westberliner Polizei eingegliedert. Und just vor der Robby-Razzia bestätigte das Bundesverfassungsgericht im Mai 1957 die Gültigkeit des Paragrafen 175, der Sex unter Männern verbot. Auf der anderen Seite funktionierte – anders als unter der NS-Diktatur – der Rechtsstaat: Von den 35 Personen, die in dieser Nacht – auch aus anderen Bars – ins Landeskriminalamt verfrachtet wurden, konnte eine einzige vor Gericht gestellt werden.
Und die Westberliner Medien zeigten wenig Verständnis für die harte Linie. Selbst das Verhalten der Behörden war widersprüchlich, wie die Berliner Historikerin Andrea Rottmann schreibt. So durften manchmal Presseleute eine Polizeistreife begleiten. Diese demonstrativen Kontrollen der Szene dienten mehreren Zwecken, so Rottmann: „Die Polizei blieb auf dem Stand der Dinge, was Klientel und Charakter der Lokale anging, Kneipenbesitzer und Gäste wurden stetig daran erinnert, dass sie unter Beobachtung standen“ – und nebenbei hätten sie auch zum „Ruf der Stadt als Europas Hauptstadt des Nachtlebens“ beigetragen.
Schwule Nachtkultur
Die Zeiten haben sich geändert: Queers werden nicht mehr überwacht und vor Gericht gestellt. Und die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt aktuell eine Ausstellung mit dem Titel „Sex Work: Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit“. Kuratiert von Kollektiv Objects of Desire, das eine sehr ähnliche Ausstellung zuletzt im Schwulen Museum unter dem Titel „With Legs Wide Open“ präsentiert hatte. Eins der jetzt in Bonn gezeigten Ölgemälde von Ryan Huggins verewigt das Tabasco (s. Teaser-Bild). Huggins fängt in seinen Gemälden immer wieder die schwule Nachtkultur ein, besonders Orte von Sexarbeit und Cruising in Bars. „Versteckte Berührungen, lüsternes Spiel, offensive und vorsichtige Annäherungen werden aus einer Perspektive der Teilnahme und Beobachtung erzählt“, erklärt der Katalog. Und präsentiert das Tabasco für die Ewigkeit – während die reale Bar schließt.
„Unsere ach so rosarot leuchtende schöne heile Homowelt steht dem Thema ,Käuflicher Sex‘ leider immer noch beschämend und feige gegenüber.“
Trotz der unbestrittenen Freiheiten bleibt der Umgang mit männlicher Prostitution widersprüchlich. Diese Doppelmoral hat Uli Menze immer gestört. Die letzten 35 Jahre hat er das Tabasco – also die frühere Robby Bar – gemeinsam mit seinem Partner Olaf betrieben. Schon vor über 15 Jahren beklagte der Wirt in einem Essay: „Unsere ach so rosarot leuchtende schöne heile Homowelt steht dem Thema ,Käuflicher Sex‘ leider immer noch beschämend und feige gegenüber.“
Drogen, Kriminalität und Prostitution
Seine Argumente könnte man so zusammenfassen: kein Sexangebot ohne Sexnachfrage. In keinem Lokal sitzen nur Stricher, sondern immer auch Männer, die genau das schätzen oder sich zumindest nicht daran stören. „Die Bezeichnung Stricherkneipe ist abwertend und irreführend“, sagt Uli der SIEGESSÄULE. „Wir waren eine schwule Bar! So wie all die anderen im Kiez.“ Zu oft werde „ein kausaler Zusammenhang zwischen Drogen, Kriminalität und Prostitution suggeriert“, stellt Uli fest. Das eine komme aber nicht automatisch mit dem anderen. Der Tabasco-Wirt bestreitet nicht, dass es im Fuggerkiez Drogenmissbrauch und Kriminalität gibt – aber er fordert einen verantwortungsvollen Umgang damit. Das Tabasco-Team hätte sich mit anderen Wirten und der Polizei koordiniert, genauso wie mit dem schwulen Anti-Gewalt-Projekt Maneo und Subway vom Verein HILFE-FÜR-JUNGS. Subway begleitet junge Männer, die anschaffen gehen. „Stricherbars sind aus fachlicher Sicht weder pauschal sichere noch grundsätzlich unsichere Orte“, erklärt Adir Jan Tekîn von HILFE-FÜR-JUNGS im Namen des Teams. „Gerade marginalisierte junge Männer* aus unterschiedlichen Herkunftsländern nutzen sie als soziale Treffpunkte.“ Sie böten Schutz vor dem Leben auf der Straße und seien „Orte von Zugehörigkeit und Community“.
„Stricherbars sind aus fachlicher Sicht weder pauschal sichere noch grundsätzlich unsichere Orte. Gerade marginalisierte junge Männer* aus unterschiedlichen Herkunftsländern nutzen sie als soziale Treffpunkte.“
Über die dort geknüpften Netzwerke unterstützen sich die oft wohnungslosen Jugendlichen mit Infos, etwa über Schlafplätze. Gleichzeitig könnten solche Orte auch mit „Ausbeutung, Gewalt, Konsumdruck oder ökonomischen Abhängigkeiten“ verbunden sein, sagt Adir Jan. „Besonders junge oder vulnerable Männer* können dort mit Machtgefällen, sexualisierten Grenzüberschreitungen und Gewalt konfrontiert werden.“
Nicht zuletzt sind Stricherbars Orte, über die Sozialarbeiter*innen überhaupt erst mal mit den Männern* in Kontakt kommen können. Viele kämen gar nicht auf die Idee, dass sie Anspruch auf Unterstützung haben – ohne sexuelle Gegenleistung. „Viele junge Männer* in der männlichen Sexarbeit haben negative Erfahrungen mit Behörden oder gesellschaftlicher Stigmatisierung gemacht oder Angst vor einem Outing“, erläutert Adir Jan. „Vertraute Szenetreffpunkte können deshalb entscheidend sein, um überhaupt Vertrauen und Beziehungsarbeit aufzubauen.“ Gleichzeitig stellt der Fachmann klar: Stricherbars erreichen heute nur noch einen Teil der Szene. Männliche Sexarbeit läuft inzwischen vor allem digital: „Zeitgemäße Soziale Arbeit muss daher sowohl aufsuchend im öffentlichen Raum als auch digital funktionieren.“
„Am offenen Autofenster bleiben dir nur Sekunden, um dich für oder gegen den Job zu entscheiden.“
Kolja bestätigt den Trend ins Netz und warnt vor den Folgen: „Alle gesetzlichen Maßnahmen gegen Prostitution treffen zuerst und am härtesten das Niedrigpreissegment. Sie treiben Sexarbeiter in Parks, Hauseingänge und in die Autos der Kunden.“ Und das sei deutlich riskanter: „Anders als in der Bar ist keine Zeit, den potenziellen Kunden in aller Ruhe bei Licht zu betrachten und vielleicht sogar etwas kennenzulernen. Am offenen Autofenster bleiben dir nur Sekunden, um dich für oder gegen den Job zu entscheiden.“
Koljas Prognose: Wenn die letzte Berliner Stricherbar schließt, werde das Geschäft noch härter. „Was tun die Männer dann?“, fragt Kolja und antwortet selbst: „Sie werden nicht mit der Sexarbeit aufhören. Dafür ist der finanzielle Druck zu groß. Dann haben sie eben Sex im Hauseingang – und für noch weniger Geld.“
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