Virtuelles Event

Wegen Transfeindlichkeit: Streit ums Lesbenfrühlingstreffen

7. Mai 2021 fs
Bild: Brigitte Dummer
So geht's auch: mit trans* Personen solidarisches Banner beim Dyke* March 2020

Die Kritik an transfeindlichen Inhalten beim diesjährigen Lesbenfrühlingstreffen, das vom 21. bis zum 23. Mai digital stattfinden soll, reißt nicht ab. Neben einer Reihe anderer queerer Organisationen distanzierte sich zuletzt auch die Hannchen-Mehrzweck-Stiftung, die das Event finanziell gefördert hatte. Wir fassen die bisherigen Entwicklungen zusammen

Über 35 Workshops und Vorträge, dazu Panels, Filmvorführungen und mehr, und das alles in Pandemie-Zeiten: was die Orga des diesjährigen Lesbenfrühlingstreffens (LFT) auf die Beine gestellt hat, wirkt erstmal beeindruckend. Vom 21. bis 23. Mai findet das Treffen in diesem Jahr als rein digitales Event statt. Mittlerweile haben sich jedoch eine Reihe queerer Organisationen, darunter auch zwei geldgebende Stiftungen, und die Bremer Frauensenatorin vom LFT 2021 abgewandt. Der Grund: transfeindliche Positionen im Programmheft.

Zuletzt distanzierte sich diese Woche die Hannchen-Mehrzweck-Stiftung für queere Bewegungen klar von der Veranstaltung. In einer auf der Website veröffentlichten Stellungnahme bedauert die Stiftung, dass sie ihre bereits zugesagte finanzielle Förderung für das Treffen nicht zurückziehen könne. Denn das LFT 2021 exkludiere trans* Lesben – ein Eindruck, der sich „mit dem in Teilen trans*phoben Programm“ verfestige. Diese „Exklusion einer Gruppe von Lesben*“ sei mit dem Leitbild der Stiftung nicht vereinbar.

Kritik auch von anderen Lesbenorganisationen

Das Lesbenfrühlingstreffen gibt es unter diesem Namen als Vernetzungstreffen für Lesben seit den 1970ern. Es findet jährlich rund um Pfingsten in wechselnden Städten in Deutschland statt und wird jeweils von einem anderen Orga-Team zusammengestellt – dieses Jahr von der Gruppe „Graugänse“, die die online Video-Streams unter dem diesjährigen Motto „Lesbenfrühling – rising to the roots“ von Bremen aus koordiniert.

Nachdem das ganze Programm veröffentlicht wurde, übten einige lesbische und queere Organisationen daran deutliche Kritik: neben der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung unter anderem auch die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, der Bundesverband Trans*, die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti), das Spinnboden Lesbenarchiv, die LAG Lesben in NRW, der Dyke* March Germany sowie der Lesbenring e. V., der seinen bereits zugesagten Workshop beim LFT zurückzog.

Mit Entsetzen habe der Vorstand und Beirat die Notwendigkeit erkannt, sich „als Lesbenring – erstmalig in unserer gemeinsamen Geschichte – von den Inhalten des Programms zu distanzieren“. Die dort aufgeführten „menschenverachtenden, rassistischen und trans* feindlichen“ Positionen seien für den Lesbenring untragbar. „Uns hier zu distanzieren macht uns sehr traurig, für uns ist dieser Schritt in diesem jahr aber unausweichlich“.

Darüber hinaus zog auch die Bremer Frauensenatorin Claudia Bernhard (Linke) ihre Schirmfrauschaft und ihr Grußwort für das Event zurück – mit Hinweis auf Transfeindlichkeit im Programm des LFT.

Einige Mitwirkende aktiv gegen trans* Rechte

So finden sich unter den Workshops etwa einer der Juristin Gunda Schumann. 2020 war die Referentin bereits im Rahmen einer taz-Veranstaltung in die Kritik geraten. Laut Ankündigungstext wollte sie damals über Trans*-Identität als einem „Irrweg“ sprechen. In einer älteren Fassung des Textes war sogar der verschwörungstheoretische Begriff „Transkrake“ gefallen. Dies sorgte für Empörung, die „Queer Lecture“ der taz wurde abgesagt. Nun jedoch kündigt Schumann im Rahmen des LFT erneut an, über trans* als ein „vom biologischen Körper abstrahierender Irrweg“ diskutieren zu wollen. Im Ankündigungstext zum Vortrag „Genderidentität anstatt Geschlecht – ein trojanisches Pferd für die Frauen?“ unterstellt sie, eine angeblich um sich greifende „Transkultur“ führe zu einem „Rückfall in Geschlechterstereotype“, außerdem zu einer „Negation homosexuellen Begehrens“ und der „Transformierung lesbischer Mädchen in Transjungen bei gleichzeitiger Sterilisierung und Verstümmelung ihrer Körper“.

Ähnliche Behauptungen könnten beim Panel „feministische Positionen um Körper“ fallen, an dem unter anderem Monika Barz teilnehmen wird. Die ehemalige Professorin für Frauen- und Geschlechterfragen unterschrieb im vergangenen Jahr einen offenen Brief, in dem gefordert wurde, geschlechtliche Identität aus dem Verbot von so genannten Konversionstherapien an Minderjährigen zu streichen.

Mit Julia Beck wirkt eine weitere Aktivistin am LFT 2021 mit, die sich erklärt gegen trans* Rechte einsetzt. Beck, die beim Treffen als Moderatorin auftreten wird, arbeitete im Rahmen der Women’s Liberation Front (WoLF) in den USA an Anti-Trans-Kampagnen mit. WoLF verklagte in der Vergangenheit unter anderem die Obama-Regierung wegen des Versuchs, trans* Schülerinnen den Gang auf die richtige Toilette zu gewährleisten.

Daneben werden andere, bekannt transfeindliche Organisationen auf dem Treffen mit einem virtuellen „Stand“ präsent sein: darunter der deutsche Ableger der LGB Alliance und die Womens Human Rights Campaign (WHRC). Beide haben in Deutschland unten anderem bereits gegen ein Selbstbestimmungsgesetz Stimmung gemacht, das das diskriminierende und veraltete „Transsexuellengesetz“ von 1980 ersetzen und trans* und inter* Personen ihren Personenstandswechsel erleichtern würde. Außerdem mit einem Stand vertreten sein wird der britische online-Shop Wild Womyn Workshop: in dessen Angebot finden sich unter anderem trans* Lesben-feindliche Buttons und Sticker mit der Aufschrift „Transactivism is misogynie“ oder „Lesbians don´t have penises“.

Der einzige angebotene Workshop auf dem LFT, der sich dem Thema Trans* nicht nur über Vorbehalte und Unterstellungen nähert, sondern sich de facto mit Transition und den mit körperlichen Veränderungen auseinandersetzt, ist ausgerechnet einer zu „Detransitionierung“ – das heißt, der Rücknahme einer Transition.

Die anderen, nicht direkt trans* relevanten Workshops, die auf dem Lesbenfrühlingstreffen angeboten werden, widmen sich hingegen einer Fülle von Problemstellungen: von feministischem Publizieren, Selbstbestimmung bei Brustkrebs, feministischer Biographieforschung, über die Verfolgung von Lesben in der NS-Zeit, Schwarzen Feminismen oder historischen Forschungen zum Sorgerechtsentzug lesbischer Mütter.

Orga-Team weist Vorwürfe von sich

Als Reaktion auf die Kritik veröffentlichte das Orga-Team des LFT 2021 auf ihrer Website eine Stellungnahme. Darin distanzieren sie sich von den Vorwürfen, die im Rahmen einer „beispiellosen Medienkampagne sichtbar“ geworden seien.

Die Orga verwahre sich gegenüber „Vorhaltungen, Teile des Programs oder teilnehmende Referentinnen seien u. a. ,faschistoid`, ,profaschistisch`, ,rechts`, ,menschenverachtend`, ,rassistisch` und/oder ,transfeindlich`.“ Die „medialen Anschuldigungen“ und die „zudem ohne Rücksprache mit dem Orgateam erfolgte Distanzierungskampagne“ würden in die Programm- und Personalhoheit des diesjährigen LFT eingreifen. Dies werde mit „erschreckend einseitigen Darstellungen“ als eine „Form struktureller und psychischer Gewalt gegen frauen und Lesben in ihren autonomen Räumen“ erlebt.

Entgegen anders lautender Vorwürfe habe man trans* Lesben auch nicht von dem Event ausgeschlossen. Seit dem Lesbenfrühlingstreffen in 2007 gebe es keinen Beschluss, dass trans* Lesben nicht eingeladen seien. Die Orga habe für 2021 lediglich „die Form gewählt, Translesben als lange zum LFT gehörende Frauen sprachlich nicht hervorzuheben“, dafür andere queere Identitäten und lesbische Gruppen „beispielhaft zu benennen.“ Tatsächlich findet sich im Einladungstext auf der Website des LFT 2021 eine längere, detaillierte Aufzählung der auf dem Treffen willkommenen Lesben, unter anderem auch „intersexuelle“ oder „detransitionierte Lesben“. Trans* Lesben werden dabei nicht eigens erwähnt.

Zum Vorwurf der Transfeindlichkeit, und warum dieser falsch sei, äußert sich die Orga in ihrer Stellungnahme nicht. Stattdessen werden die kritisierten Positionen und Workshops als Teil einer „kontroversen“ Debatte dargestellt, die, so wird in der Stellungnahme suggeriert, vorrangig als „Richtungsstreit“ zwischen queerfeministischen und radikalfeministischen Positionen zu deuten sei. So schreibt die Orga-Gruppe, ihr sei bewusst und dies sei auch erwünscht gewesen, dass „als Teil bei der Realisierung des Programms auch kontroverse Positionen angeboten werden“ könnten. Zu einigen Punkten habe man „gezielt auch Referentinnen mit anderen Positionen angefragt“, die jedoch abgesagt hätten. Insbesondere habe man wiederholt versucht, Referentinnen „aus dem sogenannten queerfeministischen Spektrum“ zu finden, die jedoch nicht geantwortet hätten. Dass immer wieder auch „brisante Themen“ in einem gemeinsamen Rahmen zur Diskussion gestellt würden, sei gerade eine Stärke und Besonderheit aller Lesbenfrühlingstreffen.

Die Orga teile dabei keineswegs „alle Positionen der einen, wie der anderen oder einer dritten Seite“. Gewünscht sei eine „Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Positionen“ lesben- und frauenspezifischer Themen, die „wertschätzend und auf Augenhöhe“ stattfinden solle.

Respekt und Schutz für trans* Frauen nicht garantiert

Dass dies unter den gegebenen Umständen möglich ist, zweifeln andere jedoch gerade an. Der Einladungstext zum LFT 2021 impliziere sehr wohl den Ausschluss von trans* Lesben, betonte die Hannchen-Mehrzweck-Stiftung, da „detransitionierte Lesben“ in der Aufzählung enthalten sind, trans* Frauen dagegen nicht.

Ähnlich äußerte sich die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (BMH) zu der Stellungnahme der LFT-Orga. Man nehme zwar zur Kenntnis, „dass es keinen LFT-Beschluss gibt, der trans* Lesben von LFTs ausschließt.“ Dass trans* Lesben in der Einladung nicht genannt werden, viele andere Identitätskategorien jedoch schon, lege jedoch nahe, „dass trans* Lesben nicht willkommen und erwünscht sind.“ Dies zeige sich auch am Gewaltschutzkonzept des LFT: auf ihrer Website spricht sich die Orgagruppe allgemein gegen Gewalt und gegen viele Diskriminierungsformen aus, darunter Behindertenfeindlichkeit, Altersdiskriminierung, Antisemitismus, Rassismus oder Sexismus. Eine explizite Positionierung gegen Trans*feindlichkeit findet sich auf der Website hingegen nicht.

Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld habe sich eine Debatte zwischen verschiedenen lesbischen und feministischen Positionen beim Lesbenfrühlingstreffen ausdrücklich gewünscht. Damit ein solcher, konstruktiver Austausch möglich wird, brauche es jedoch „den Respekt für und die Anerkennung aller Debattenteilnehmer*innen.“ Dies sehe die Stiftung auf dem diesjährigen LFT nicht garantiert. Denn: das Geschlecht einiger potenzieller Teilnehmerinnen – das von trans* Frauen – werde in einigen der Workshops infrage gestellt und ihnen werde das Eindringen in Frauenräume vorgeworfen. Die Teilnahme von trans* Lesben auf dem LFT werde, so das Fazit der Stiftung, seitens des Orga-Teams „höchstens geduldet, aber nicht begrüßt und vor allem nicht durch Gewalt- und Diskriminierungsschutz unterstützt“.

Bundesstiftung Magnus Hirschfeld: „Gespräche leider ergebnislos“

„Viele Lesben sind trans*, viele trans* Personen sind lesbisch. Lesbische und trans* Bewegungen eint der Kampf für Selbstbestimmung und Gleichberechtigung“, hatte die BMH am 27. April in ihrer ersten Stellungnahme betont. In mehreren der Workshop-Beschreibungen werde das Narrativ aufgerufen, trans* Frauen seien „Männer, die sich als Frauen verkleiden, um in Frauenschutzräume einzudringen“. Dies mache die Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen unsichtbar, die viele trans* Frauen erleben.

Das LFT-Orga-Team hatte im Januar 2020 einen Antrag bei der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld auf Förderung des Programmhefts gestellt. Diese bewilligte eine Gesamtsumme von 2700 Euro. Zu diesem Zeitpunkt habe aber das Programm des diesjährigen Treffens noch nicht vorgelegen, so die Stiftung. Das Orga-Team habe in ihrem Antrag lediglich das Ziel formuliert, „radikal-feministische und queer-feministische Strömungen miteinander ins Gespräch [zu] bringen.“

Entgegen der Darstellung der LFT-Orga habe Stiftungsvorstand Jörg Litwinschuh-Barthel auch das direkte Gespräch mit der LFT-Organisatorin Susanne Bischoff gesucht, nachdem das Programm veröffentlich worden war. Diese Gespräche seien jedoch „leider ergebnislos“ geblieben.

Dachverband Lesben und Alter: „Wucht der Reaktionen“

Weniger eindeutig fiel die Stellungnahme des Dachverband Lesben und Alter e. V. aus, der auch beim diesjährigen LFT vertreten ist. Zwar sehe auch der Dachverband Lesben und Alter verschiedene Veranstaltungen in dem Programm und einige der „virtuellen Marktangebote“ kritisch – das heißt, einige der sich im Rahmen des Events präsentierenden Organisationen. „Einige der Beschreibungstexte befremden uns“. Auch bedaure der Dachverband, „dass das diesjährige Orga-Team sich entschieden hat, in der Einladung auf die explizite Nennung von Translesben zu verzichten. Dies führt zu Missverständnissen, denn Translesben sind Teil des LFT und gehören schon lange zu den Teilnehmerinnen.“

Anders als etwa die Hannchen-Mehrzweck-Stiftung, die Bundesstiftung Magnus-Hirschfeld oder der Lesbenring e. V. verzichten Lesben und Alter in ihrer Stellungnahme allerdings darauf, Transfeindlichkeit klar zu benennen. Stattdessen bagatellisiert der Dachverband die Debatte als „Richtungsstreit“ innerhalb feministischer Bewegungen: „Wir hatten gehofft, dass das LFT 2021 radikalfeministische und queerfeministische Strömungen miteinander ins Gespräch bringt, doch leider finden sich diese konträren Positionen in der Programmgestaltung nicht wieder.“

Die „Wucht der Reaktionen“ auf das LFT-Programm habe die Verbandsmitglieder „erschreckt“. Ein Lesbenfrühlingstreffen müsse Raum geben für „strittige Fragestellungen. Ihnen pauschal mit dem Vorwurf zu begegnen, sie seien transfeindlich, menschenverachtend und rechtspopulistisch, unterbindet jede weitere Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Positionen.“ Warum der Vorwurf der Transfeindlichkeit in Bezug auf die betreffenden Workshops nicht stimmig sein solle, blieb jedoch auch hier unbeantwortet.

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