Wo fängt Untreue an?
Viele Menschen wachsen mit der Vorstellung auf, dass Treue selbstverständlich sei. Doch welche konkreten Regeln dafür eingehalten werden sollen, sieht jede*r anders. Lea Holzfurtner ist Sexologin und plädiert für einen Beziehungsvertrag und mehr Kommunikation
„Und wie ist euer Beziehungsvertrag gestaltet?” Für die Frage bekomme ich seit Jahren immer wieder nur ein Grinsen. Manchmal ein fragendes, manchmal ein sarkastisches, manchmal ein ungläubiges. Und dabei scheint es irgendwie keinen großen Unterschied zu machen, ob ich diese Frage einem verheirateten Klientenpaar in meiner Praxis, einer frisch verliebten Journalistin, mit der ich öfter arbeite, oder der Person stelle, die gerade einen Bondage-Workshop geleitet hat. Gut, vielleicht mag es an meiner Wortwahl liegen: „Beziehungsvertrag” klingt ungewohnt, unsexy und bürokratisch. Aber in den meisten Fällen haben Menschen – auch wenn ich erkläre, was ich damit meine – keine eindeutigen Antworten parat. „Hm. Aber eigentlich wäre es gar nicht so schlecht, sowas zu haben”, höre ich dann oft.
Unterschiedliche Ideen von Treue
Es lohnt sich durchaus, in die Richtung zu denken. Frühzeitig. Leider gehört aber auch das zu den Dingen, die wir nirgends lernen. In meiner Praxis kommt das Thema Beziehungsvertrag oft erst dann zur Sprache, wenn herauskommt, dass Partner*innnen völlig unterschiedliche Ideen von Treue haben. „Sie ist mir fremdgegangen!“, platzt es aus einer der beiden Partnerpersonen heraus, die mir in Ohrensesseln gegenübersitzen. Die andere widerspricht sofort. Es gab nicht mal einen Kuss, niemand wurde berührt. Es habe lediglich Nachrichten gegeben. Tägliche Nachrichten. Sie hätten sich gegenseitig gute Nacht gewünscht. Über Dinge gesprochen, für die in ihrer Beziehung oft keine Zeit sei. „Das ist emotionales Fremdgehen“, sagt die eine. „Das ist Quatsch“, sagt die andere. Das klingt nach einem Vanilla-Problem der Heteros? Au contraire! Auch die „sexpositiven” Berliner*innen haben all zu oft eigene Regeln im Kopf, die sie nie konkret ausgesprochen haben, aber trotzdem von ihrer Partnerperson erwarten. Angefangen beim Frühstück, das nur die Partnerpersonen miteinander teilen sollen und nicht das One-Nights-Stand, denn das „ist intim und nur für uns. Ich kann nicht glauben, dass du das anders siehst!” (Warum ich „sexpositiv“ in Anführungszeichen setzte, erkläre ich in in dieser Ausgabe der Kolumne.)
Untreue gibt es in vielen Beziehungen. Sie ist Nummer eins der Scheidungsgründe.
Untreue gibt es in vielen Beziehungen. Sie ist Nummer eins der Scheidungsgründe. Und die Fremdgeh-Gap zwischen den befragten Geschlechtern schließt sich in Studien dabei immer mehr. Frauen holen kontinuierlich auf. Es gibt endlose Ratgeber-Kolumnen darüber, wie die Liebe das aushalten kann, wie man Untreue präventiv vermeiden könnte. Auch darüber wird viel geschrieben: Von „den Wegen, um Verbindung zu halten” bis „einfach gleich die Beziehung öffnen” ist alles dabei. Aber darüber möchte ich nicht schreiben. Ich möchte unsere kollektive Nase lieber auf den Beziehungsvertrag drücken, den es sich lohnt zu vereinbaren. Denn wir alle können keine Gedanken lesen. Auch nicht die von einer geliebten Person.
Was gilt als „Fremdgehen“ und wer bestimmt das? Ein Dating-Profil, das nie zu einem Treffen führt? Beim Sex an jemand anderen denken? Das Morgenritual mit dem ganz besonderen Tee aus dem gemeinsamen Urlaub, in genau der schönen Tasse mit jemand anderem trinken? Flirten mit einem KI-Avatar – oder eine*r Arbeitskolleg*in? Tanzen? Übernacht bleiben? Ich erinnere mich, dass ich als Teenager immer wieder darüber nachgedacht habe, warum Lachen mit einer „externen“ Person erlaubt ist, Kuscheln aber nicht. Irgendwie bewerten wir das anders.
Was gilt als Untreue?
In meiner Arbeit fällt mir immer wieder auf, wie häufig Menschen über Untreue sprechen, ohne dass sie dasselbe meinen. Dabei wird Fremdgehen oft behandelt wie eine objektive Tatsache. Als gäbe es eine klare Linie, die alle kennen. Doch sobald wir genauer hinschauen, verschwimmt diese vermeintliche Klarheit. Aber interessanterweise sprechen trotzdem die wenigsten konkret über einen Beziehungsvertrag.
Viele Menschen wachsen mit der Vorstellung auf, dass Treue selbstverständlich sei. Dass jede*r wisse, was damit gemeint ist. Doch wenn Treue nie konkret besprochen wird, entsteht ein bemerkenswertes Paradox: Wir erwarten von anderen die Einhaltung von Regeln, die wir nie gemeinsam definiert haben. Eine Klientin war überzeugt, ihr Partner habe sie betrogen, weil er regelmäßig Bilder von Influencerinnen kommentierte. Für ihn war das „harmlos und geradezu absurd”.
Viele heteronormativen, monogamen Beziehungen verlassen sich auf ein kulturelles Skript, das vermeintlich für alle gilt.
Treue entsteht durch Aushandlung im Gespräch. Wer darf was? Mit wem? Unter welchen Bedingungen? Welche Informationen werden geteilt? Wo beginnt ein Vertrauensbruch? Was ist explizit erwünscht? Was geduldet? Wo fängt es an, weh zu tun? Ist unser aktueller Vertrag noch gültig? Viele heteronormative, monogame Beziehungen verlassen sich auf ein kulturelles Skript, das vermeintlich für alle gilt. Aber auch nicht-monogame, queere Beziehungen kopieren schnell mal das Konzept anderer ethisch nicht monogam lebender Personen oder vermeiden mit einer „alles ist erlaubt“-Regel jegliche Diskussion über echte Verletzlichkeiten und Grenzen. Denn die haben wir alle. Und die gehören in einen Beziehungsvertrag. Gern auch wirklich aufschreiben.
Vielleicht reden wir so ungern über Beziehungsverträge, weil in unseren Lieblingsgeschichten die Liebe als Schicksal verstanden wird. Als etwas Natürliches, das keiner Aushandlung und keinem Papierkram bedarf. Tatsächlich behandeln wir sexuelle Exklusivität oft als selbstverständlich oder als etwas, dem wir entwachsen sind, während emotionale Nähe, Fürsorge oder Intimität viel weniger klar geregelt sind. Das ist kein Zufall. Unsere Vorstellungen von Treue wurden maßgeblich in einer Kultur geprägt, die Sexualität stärker kontrolliert als Gefühle und Beziehungen lange als Besitzverhältnisse verstanden hat – und es teilweise noch tut. Vielleicht ist genau deshalb die Frage, wer aus der gemeinsamen Teetasse trinken darf, manchmal präziser als jede Antwort auf die Frage, wer mit wem „schlafen“ darf.
Lea Holzfurtner (@sexcoach.berlin) ist klinische Sexologin, Autorin von „Dein Orgasmus” und Vorständin von BiBerlin.eV. In ihrer Berliner Praxis und im Podcast „Berlin Intim“ coacht sie Menschen mit Klitoris und deren Partner*innen.
Folge uns auf Instagram
#Beziehung#Beziehungsvertrag#Regeln#Sexologin#Treue#Untreue