Zwischen Mahnwache und Schweigen: „Herr Steinmeier, wir warten!“
Vier Anschläge auf die Regenbogenbank im Tiergarten, viermal repariert – die queere Community und das Bezirksamt Mitte zeigen Haltung gegen den Hass. Doch während die Zivilgesellschaft frierend Mahnwache hält, glänzt das Staatsoberhaupt durch Abwesenheit. Ein Kommentar zum Dauervandalismus und der ausbleibenden Solidarität des Bundespräsidenten
Und wieder hat er eine Chance vertan. Der Bundespräsident hätte sich an der Mahnwache an der Regenbogenbank im Tiergarten am 2. Oktoberwochenende zeigen können, ja müssen. Doch er kam nicht. Wieder nicht. Seit dem Anschlag am CSD-Wochenende, bei dem eine Frau starb und 31 Menschen teils schwer verletzt wurden, ist vom Bundespräsidenten nichts zu sehen. Nur direkt nach dem Attentat verkündet er seine Erschütterung und in einem Artikel in der ZEIT Online vom Mitte August verspricht er Solidarität. Bei seiner Ansprache am Tag der Deutschen Einheit: nada.
Keine Unterstützung der queeren Community vor Ort, keine Gespräche mit den Vertretern der Community. Dabei war das nach dem Anschlag ein Argument der Pressestelle des Bundespräsidenten gegenüber der SIEGESSÄULE, dass man nicht einfach zu dem Gedenkort fahren wolle, ohne Gespräche zu führen.
Die Regenbogenbank ist auch ein Zeichen, wie schnell Politik und Verwaltung handeln können, wenn der Wille da ist.
Wäre er zur Regenbogenbank gekommen, hätte er unter anderem Nicola und Ulli treffen können, die bei Regen und Kälte stundenlang ausharrten, um das Gedenken an die Opfer des Attentats zu schützen. „Wir müssen ins Machen kommen“, so Ulli müde zur SIEGESSÄULE. Der traurige Grund: die mehrmalige Zerstörung der Regenbogenbank zwischen Bellevueallee und der Kleinen Querallee. Die Bank, die ein Gedenkort sein sollte, damit Menschen den Opfern des Attentats gedenken können. Sie ist auch ein Zeichen, wie schnell Politik und Verwaltung handeln können, wenn der Wille da ist. Denn bereits 12 Tage nach dem Anschlag war sie aufgestellt.
Womit vermutlich niemand rechnete, war, dass der Gedenkort so heftig geschändet wird. Denn es ist nicht die einzige Regenbogenbank in Berlin. Alleine in Tempelhof-Schöneberg gibt es derzeit 25, die – bis auf eine Ausnahme – ohne große Zerstörungen herumstehen. Anders im Tiergarten. Hier wurde bereits viermal ein Angriff auf den Gedenkort registriert.
Die Chronik des Vandalismus begann am 1. September: Die Bank wurde fast vollständig zerstört (Rückenlehne abgebrochen, Latten herausgerissen). Am 6. September: Ein daneben gepflanzter Gedenkbaum wurde aus dem Boden gerissen. 24. und 28. September: Erneuter Vandalismus mit beschädigten Holzlatten. Und am 2. Oktober wurde die Bank mit schwarzer Farbe besprüht.
Mahnwache an der Regenbogenbank
Nach jeder Zerstörung wurde sie in kürzester Zeit repariert und wieder aufgestellt. Für die Bürgermeisterin von Mitte, Stefanie Remlinger, eine Selbstverständlichkeit: „Die Bank steht für die Freiheit zu leben und zu lieben, wie man möchte, und für das Versprechen, dass wir Hass und Ausgrenzung nicht unwidersprochen lassen“, so die Grünen-Politikerin.
Auch deshalb hat sich die Mahnwache an der Regenbogenbank getroffen. 48 Stunden beschützten sie die Bank, unterstützt von der Polizei, die fast stündlich vorbeikam. Die verschiedenen Stimmen der Teilnehmenden fasste der Queerbeauftragte Alfonso Pantisano bei seinem Besuch treffend zusammen: „Dass dieser Gedenkort jetzt zum vierten Mal geschändet wurde, macht mich wütend und fassungslos. Der Schutz dieser Regenbogenbank ist auch eine Frage des Schutzes unserer Demokratie.“
„Der Schutz dieser Regenbogenbank ist auch eine Frage des Schutzes unserer Demokratie.“
Aber wie kann es sein, dass eine Parkbank in Regenbogenfarben solche Aggressionen auslöst? Was für ein Hass muss jemand in sich tragen, dass er eine massive Bank fast vollständig zerstört? Denn es ist erheblicher Kraftaufwand nötig, um das zu schaffen. Mittlerweile hat die Polizei einen 18-jährigen Verdächtigen, der zwei Zerstörungen begangen haben soll. Doch was hilft gegen diesen Hass? Polizeistreifen, Videoüberwachungen, Dauer-Mahnwachen? Stimmen in der Community fragen bereits, wie oft muss die Bank noch zerstört werden, bis etwas passiert? Doch die Gegenfrage lautet: Was muss passieren?
Die Bürgermeisterin stellt klar: „Wir werden sichtbare Zeichen queeren Lebens und der Solidarität nicht deshalb aus dem öffentlichen Raum zurücknehmen, weil sie angegriffen werden.“ Ein flächendeckender Schutz jedes einzelnen Symbols durch Bewachung sei weder praktisch möglich, noch könne dies die Antwort einer offenen Stadt auf Vandalismus sein, laut Remlinger. „Am konkreten Ort des Anschlags wollen wir vielmehr gemeinsam mit der queeren Community weiter daran arbeiten, einen würdigen und dauerhaften Ort des Gedenkens und Innehaltens zu entwickeln.“
Und sie verspricht, dass bis dahin die Regenbogenbank immer wieder ersetzt wird, egal was es kostet. Sowohl die Zivilgesellschaft mit der Mahnwache, als auch das Bezirksamt zeigen, dass sie die queere Community nicht alleine lassen. Jetzt fehlt nur noch der Bundespräsident. Herr Steinmeier, wir warten!
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