Kommentar

Aktivismus für LGBTI*: Ohne Backlash nicht denkbar!

2. März 2021 Doris Belmont
Bild: Doris Belmont/Siegessäule

Mehrere spektakuläre Aktionen wie das Manifest von 185 queeren Schauspieler*innen oder die Solidaritätsbekundung von 800 Fußballer*innen haben in den letzten Wochen ein klares Zeichen gegen Queerfeindlichkeit gesetzt. Doch ohne Gegenwind scheint das alles immer noch nicht möglich. SIEGESSÄULE-Kolumnistin Doris Belmont kommentiert

Das noch junge Jahr 2021 macht mit Aktivismus rund um queere Themen derzeit jede Menge Schlagzeilen. Vereinzelt ist sogar die Rede von einer „Welle breiter Solidarität" mit queeren Menschen ... sehr zum Ärger vieler Konservativer. Wie erfrischend!

Aktionen gegen Queerfeindlichkeit

Was ist passiert? Am 5. Februar erschien das Manifest #ActOut im SZ-Magazin, unterzeichnet von und bebildert mit 185 queeren Schauspieler*innen. Gefordert wurden damit mehr Akzeptanz und Anerkennung von LGBTI* in der deutschsprachigen TV- und Filmbranche, in der ein Coming-out auch heute noch das Karriere-Aus bedeuten kann. #ActOut war ein Erfolg, die Wellen schlugen hoch, sogar bis in internationale Gefilde. Das Prinzip dahinter: Gemeinsam und solidarisch sind wir stark!

Solidarität bekundeten kurz darauf 800 Fußballspieler*innen im Magazin 11Freunde. Dort sprachen sie sich gegen Homophobie aus, mit dem Ziel, homosexuellen Profis bei ihrem Coming-Out den Rücken zu stärken. Denn: „auch im Jahre 2021 gibt es keinen einzigen offen homosexuellen Fußballer in den deutschen Profiligen der Männer", wie es in der gemeinsamen Erklärung heißt. Die Aktion unter dem Hashtag #ihrkönntaufunszählen kann ebenfalls als gelungen bezeichnet werden. Menschen aus der nicht unbedingt progressiven Fußballbranche haben hier ein starkes Zeichen für ihre queeren Kolleg*innen gesetzt. Und da aller guten Dinge drei sind, forderten letzte Woche dann über 100 Prominente und Organisationen in einem Appell eine Anpassung des Grundgesetzes zum Schutz der queeren Community. Dabei gehörten Leute wie Udo Lindenberg, Ingo Zamperoni oder Anne Will zu den Erstunterzeichnenden.

Konservative Reaktionen von Trivialisierung bis Hysterie

Bei dem großen Medienecho, das auf diese Aktionen folgte, verwundert es nicht, dass konservative Stimmen nicht lange ruhig bleiben konnten. Zu #Actout meldete sich der regressive Teil unserer Gesellschaft u. a. in Form von Sandra Kegel zu Wort, die Chefin des Feuilletons der bürgerlich-konservativen FAZ. In ihrer Glosse „Selbstbewusstsein und Kalkül“ trivialisierte sie die Aktion und spielte sie mit den Worten herunter: „Bei einer Rolle übergangen zu werden mag ärgerlich sein und sicherlich auch kränkend, aber lebensgefährlich ist das nicht.“ Als Sandra Kegel daraufhin in das Kulturforum der SPD „Jour Fixe – Kultur schafft Demokratie“ geladen wurde, solidarisierten sich die Mehrheit der dort Anwesenden mit Frau Kegel - u. a. auch Gesine Schwan, Fels in der Brandung der SPD. Den Kern des Problems, nämlich Alltagshomophobie, erfasste niemand von ihnen.

Und auch „#ihrkönntaufunszählen“ bekam Gegenwind, wenn auch nur indirekt. In seinem im Februar dieses Jahres quasi zeitgleich zur Aktion erschienenen Buch „Das Spiel: Die Welt des Fußballs“ riet Philipp Lahm LGBTI*-Kolleg*innen vom Coming-out ab und warnte gar davor, da „die Last und die Anfeindungen“ im Profi-Fußball zu groß seien, um sie ertragen zu können.

Die Frage stellt sich: Warum sofort dieser Backlash wie bei #actout? Warum das Abraten von etwas, das eine Selbstverständlichkeit sein sollte, wie die durch Lahm vorgenommene Warnung vor einem Coming-out? Warum diese Hysterie, wann immer es progressive Vorstöße in Richtung mehr Offenheit und weniger Queerfeindlichkeit gibt? Meist verbunden mit dem Vorwürfen, dass es uns doch eh schon so gut gehe hierzulande, dass die Kämpfe gegen Homophobie oder für mehr Gleichberechtigung nur Zeichen von Dekadenz seien, und der Frage, wieviel Norm wir eigentlich noch zum Einsturz bringen wollen, nur um weitere Privilegien zu erhalten.

Abgründe der strukturellen Homophobie

Unter dem dünnen Deckmäntelchen der Akzeptanz lauern also nach wie vor überall die Abgründe der strukturellen Homophobie und Queerfeindlichkeit. Solange aggressive rechte Stimmen im Aufstieg begriffen sind, vergessen wir das wohl einfach für einen Moment. Denn im Angesicht der AfD und Querdenker wirken schließlich sogar die liberal, die es eigentlich gar nicht sind. Wir sind also noch mittendrin im Kampf um Gleichstellung und LGBTI*-Rechte. Und Solidaritätskampagnen, egal in welchem Bereich der Gesellschaft, sind bitter nötig. Die Reaktion und gegenteiligen Statements offenbaren Berührungsängste, die große Teile des heterosexuellen Mainstreams offenbar immer noch mit queeren Themen haben. Wenn etwa eine Gesine Schwan mit dem korrekten Gendern überfordert ist, heißt es nicht zwangsläufig, dass sie mutwillig Böses tun will, sondern schlichtweg, dass sie uninformiert ist. Das gleiche bei Philipp Lahm, dem ich hier gar nicht unterstellen will, ein kaltherziger Homohasser zu sein. Es ist aber diese Irritation, die LGBTI*-Themen im Mainstream hervorrufen, die so viel über den Zustand unserer Gesellschaft aussagt. Solange sich Menschen gegen mehr Vielfalt wehren, solange geht auch der Kampf weiter – gegen scheinheilige Homofreundlichkeit und falsche Lippenbekenntnisse ebenso wie gegen offene Aggressionen.

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