Blick hinter die Kulissen des KitKatClub: Buch „Radikal frei“
Alexandra Bahr gehört seit 27 Jahren zum KitKatClub. Erst als Showgirl, später als Managerin hat sie den Kultort von verschiedensten Seiten erlebt. In „Radikal frei – Der KitKatClub als Spiegel unserer Kultur“ schildert sie, was die Berliner Institution so einzigartig macht
Alexandra, du bist seit 1998 ein Teil des KitKatClubs. Wie bist du damals dazugekommen? Ich war in meinem Dorf in Sachsen immer schon ein bisschen ausgeschlossen. Meine Sexualität war einfach ausschweifender, was verpönt war. Mit 18 Jahren bin ich dann nach Berlin gezogen und habe die Veranstaltungskalender der Stadtmagazine durchforstet. Meine erste Anlaufstelle war der Böse-Buben-Club, in den mittwochs auch Frauen reindurften. An meinem ersten Abend dort wurde ich von einem Mann angesprochen, der meinte, er kenne den perfekten Ort für mich. Ich habe alle Alarmglocken ignoriert und ihn zur alten Turbine begleitet, wo das KitKat damals war. Und ich wusste direkt, als ich die Tür aufmachte, dass ich dort angekommen bin, wo ich hingehöre.
„Ich muss aber sagen, dass anfangs viel, viel mehr Freaks da waren – auch solche, die das nach außen getragen haben.“
Wie hat sich das Publikum des KitKats in den vergangenen Jahrzehnten verändert? Von der Zusammensetzung der Sexualitäten hat sich im Vergleich zu damals nicht viel verändert. Ich muss aber sagen, dass anfangs viel, viel mehr Freaks da waren – auch solche, die das nach außen getragen haben. Alternative Menschen, die man auch als solche erkennt, gibt es heute natürlich immer noch. Aber die richtigen Vollfreaks, die in wirklich keine Schublade passen, sind seltener geworden.
Wie sieht das mit Blick auf Kink aus? Grundsätzlich würde ich sagen, dass Fetisch angesagter und mainstreamiger geworden ist. Man sieht die Puppys mittlerweile auf der Straße bei Demos. Und viele unserer Gäste kommen heute schon in Kinky Wear in den Club. Das wäre früher so nicht möglich gewesen. Gleichzeitig hat die Vielfalt der Fetische eindeutig abgenommen. Latex, Gummi und Leder sind noch vertreten, aber vieles von den nischigen Fetisch-Gruppierungen ist über die Jahre weggefallen. Ich finde das schade, weil ich den Kontakt und Austausch mit Leuten, die wirklich ganz außergewöhnliche Sexualitäten haben, immer als extrem spannend und wichtig erachte.
„Für mich ist das KitKat immer noch einer der sichersten Orte der Welt.“
Das Thema Consent hat innerhalb des letzten Jahrzehnts in der Clubkultur zunehmend an Bedeutung gewonnen. Wie habt ihr das im KitKat verhandelt? Seit der Club 1994 eröffnet wurde, war der Leitsatz: Do what you want, but stay in communication. Deswegen gibt es auch das Handyverbot im KitKat – nicht nur, damit niemand gefilmt wird, sondern auch, damit die Leute vor Ort miteinander kommunizieren. Natürlich hat sich viel verändert. Die Diskussion darüber, was als Consent zählt und was nicht, ist ganz anders geworden. Jeder fühlt sich ein bisschen mehr im Recht. Wir haben mittlerweile sichtbare Awareness-Teams und eine Sanitätsstation im Club. Für mich ist das KitKat immer noch einer der sichersten Orte der Welt. Besonders bedenkend, dass hier so viele Menschen verschiedener Sexualitäten, Religionen und Hintergründe zusammenkommen wie sonst nirgendwo.
Welche Rolle hat der Club in der Kulturszene Berlins? Das KitKat ist auf jeden Fall eine Institution, und zwar für alle Randgruppen. Es ist eine weltweit einzigartige hedonistische Gemeinschaft, in der jeder willkommen ist. Ich denke aber, das gilt für Clubs im Allgemeinen, ganz egal ob man übers Berghain, das Sisyphos oder das KitKat spricht. Sie alle bieten ein Zuhause. Und das vergessen die Menschen oft, dass Clubs auch ein Auffangbecken für Leute sind, die sich vorher nirgendwo in der Welt gesehen haben und hier ein Umfeld bekommen, in dem sie sich sicher fühlen können. Das war bei mir ja auch so.
Alexandra Bahr: „Radikal frei: Der KitKatClub als Spiegel unserer Kultur“
ZS/ Edel Verlagsgruppe, 256 Seiten, 23 Euro
alexandrabahr.com
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