Ceren Witkiewicz: „Wir brauchen einen Schutz, der alle Menschen umfasst"
Was haben kleinere Parteien queerpolitisch zu bieten? Die links-progressive Partei MERA25 tritt dieses Jahr erstmals in Berlin an. Im SIEGESSÄULE-Interview spricht Direktkandidatin Ceren Witkiewicz über intersektionale Solidarität, antimuslimischen Rassismus nach dem CSD-Anschlag und echte Sicherheit durch soziale Gerechtigkeit
Zur Erinnerung: MERA25 ist der nationale Wahlflügel und die Partei der linken, paneuropäischen Bewegung DiEM25, die 2016 unter anderem vom ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis gegründet wurde. Die Partei versteht sich als links-progressiv, internationalistisch und radikal-demokratisch.
Zur Person: Ceren Witkiewicz (29) ist im Vorstand von MERA25 Berlin, Direktkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl in Wedding und auf Platz 1 der Wahlliste für die Bezirksverordnetenversammlung in Mitte.
Seit dem mutmaßlich islamistischen Anschlag auf den Berliner CSD wächst die Sorge vor der Instrumentalisierung von rechts und vor wachsendem antimuslimischen Rassismus. Wie stehen Sie dazu? Ich bin Muslimin und unterstützte die LGBTIQ*-Community regelmäßig, indem ich zum Beispiel als Ordnerin dabei helfe, queere Events abzusichern. Nach dem Anschlag hat sich auch die CDU an queere Menschen erinnert. Davor hat sie das Geld für queere Jugendzentren und Beratungsstellen gestrichen. Queeres Leben scheint also erst dann wichtig zu werden, wenn es gegen andere marginalisierte Menschen genutzt werden kann. Das ist ein gefundenes Fressen für Rechte und Konservative.
Wir von MERA25 stehen für einen intersektionalen Kampf, das heißt, dass wir Kämpfe verbinden. Ein gutes Beispiel dafür ist die International Queer Pride (IQP), die zeitgleich zum CSD stattfand. Und am selben Tag, an dem Politiker*innen von einem Anschlag auf unsere freiheitliche demokratische Welt gesprochen haben, wurden die Teilnehmenden der anderen queeren Demo von der Polizei verprügelt. Jetzt verspricht die Politik mehr Polizei und mehr Überwachung als Schutz, also genau die Maßnahmen, die uns bei der IQP Gewalt angetan haben.
Da frage ich mich: Welche queere Leben sind denn schützenswert? Nur die, die nicht antikapitalistisch und antikolonial unterwegs sind, nur die, die weiß und privilegiert sind? Wir brauchen einen Schutz, der alle Menschen umfasst, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Religion und ihrer politischen Haltung.
„Ich bin selbst schon Terroristin genannt worden, wenn ich mit einem Kopftuch aus der Moschee kam und einfach nur gebetet hatte."
Andererseits gibt es auch die Kritik, dass Islamismus in der Debatte häufig nicht klar benannt oder verharmlost wird. Die Bekämpfung von Islamismus ist super wichtig. Aber wir wehren uns dagegen, alle Muslim*innen in einen Topf zu werfen. Islamismus ist keine Religion, sondern eine Ideologie. Es ist super wichtig, das Kind beim Namen zu nennen, aber ich würde mich sehr über einen Begriff freuen, in dem das Wort „Islam“ nicht drin steckt. Vielen meiner Freundinnen wurde schon in der Öffentlichkeit das Kopftuch heruntergerissen oder sie wurden angespuckt. Solche Fälle häufen sich, wenn in den Medien viel von Islamismus berichtet wird.
Ich bin selbst schon Terroristin genannt worden, wenn ich mit einem Kopftuch aus der Moschee kam und einfach nur gebetet hatte. In der queeren Community gibt es ja auch muslimische Menschen, die entsprechend mehrfach diskriminiert, wegen ihrer queeren Identität zum Opfer und wegen ihres Glaubens zum Täter gemacht werden. Insofern war der Anschlag auf den CSD tatsächlich ein Anschlag auf uns alle.
Was bedeutet der Islam für Sie? Ich hatte das Glück, mit einem sehr friedvollen und liebevollen Islam aufzuwachsen. Mir wurde immer erklärt, im Islam kriegst du Credits, wenn du jemanden anlächelst. Und dass ich alle Menschen so akzeptieren soll, wie sie sind. Gott macht keine Fehler und deshalb sind alle Menschen perfekt, so wie sie sind. Darum ist Queerness für mich auch gar kein Widerspruch zu meiner Religion
Ich mag das Meditative meines Glaubens, das aktive Beten. Ich nehme den Islam aber auch als sehr feministisch wahr. Es heißt, das Paradies liegt unter den Füßen der Mutter. Mir gefällt, dass meine Religion mir sagt: Was deins ist, ist deins. Du kannst als FLINTA*-Person selbst darüber entscheiden, was du mit deinem Geld machen möchtest. Die erste islamische Universität in Marokko wurde von einer Frau gegründet und es gibt viele positive Beispiele von Frauen, die Wissen transferieren. Dass die Taliban Frauen jetzt nur noch erlauben, die Grundschule zu besuchen – das hat nichts mit dem Islam zu tun.
„Echte Sicherheit wird durch soziale Gerechtigkeit geschaffen und die erreichen wir unter anderem mit Orten der Begegnung, des Austauschs und der Aufklärung."
Was ist Ihr Ansatz gegen Spaltung und für Solidarität? Wir brauchen unbedingt mehr Safer Spaces, also Orte, an denen Menschen mit anderen zusammenkommen, die ihre Lebensrealität teilen: für queere Jugendliche, für queere Erwachsene, für FLINTA*, für BIPoC, für Betroffene von Antisemitismus und von antimuslimischem Rassismus. Denn wir müssen uns eingestehen, dass unsere Gesellschaft noch immer Diskriminierung und Rassismus produziert. Das konnten wir bei der Debatte um das Freibad der Volksbühne sehen: Für sechs Stunden sollte das Bad zum Safer Space für Schwarze Kinder und Jugendliche werden, doch die Veranstalter wurden von rechter und konservativer Seite so unter Druck gesetzt, dass das Angebot gestrichen werden musste. Ich schäme mich manchmal, wenn Leute sagen, Berlin sei die Stadt der Freiheit und der Queers. Ich sehe das nicht.
Safer Spaces müssten staatlich gefördert werden, genau wie Aufklärungsprogramme an Schulen. Es reicht nicht, Islamismus zu bekämpfen und immer mehr Kameras aufzuhängen. Echte Sicherheit wird durch soziale Gerechtigkeit geschaffen und die erreichen wir unter anderem mit Orten der Begegnung, des Austauschs und der Aufklärung.
mera25.de
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