Gewalt in Cruising-Gebieten

Menschenjagd auf Schwule? Nächtliche Übergriffe im Volkspark

23. Juli 2026 Sören Kittel
Bild: picture alliance / Wolfram Kastl
Spanienkämpferdenkmal im Volkspark Friedrichshain

Nach einem besonders krassen, mutmaßlich queerfeindlichen Angriff im Cruising-Gebiet des Volksparks Friedrichshain fragen sich viele verunsicherte Schwule erneut, wie sicher sie nachts eigentlich noch sind?

Die Statue des deutschen Soldaten, der gegen Franko gekämpft hat, sieht von Weitem aus wie Superman, der gerade losfliegen will, um Menschen in Not zu helfen. Sebastian Winckel* sitzt auf einem Stein hinter der sogenannten Spanien-Statue am Volkspark Friedrichshain. Winckel kommt schon lange nicht mehr zum Cruisen an diese Stelle des Parks, auch wenn das Gelände hinter der Statue dafür bekannt ist, nicht nur bei Dunkelheit. Irgendwie war das nie ganz sein Ding, dieses Anfassen von Fremden, immer mit der Gefahr, entdeckt zu werden. Der 47-Jährige erzählt von einem Badesee in Brandenburg, dort habe er neulich einmal Heteros beim Cruisen erwischt.

Als Winckel dann losläuft wird er ernst, weil der Grund für dieses Treffen ist, dass er noch einmal erzählen will, was in das Nacht des 22. zum 23. passiert ist: Er zeigt auf das Gebüsch hinter der Statue. „Von dort habe ich zuerst die Geräusche gehört, erst waren es Rufe und dann Schreie und dann hab ich gesehen, wir immer mehr Leute aus dem Park auf die Straße gerannt kamen.“ Sie seien verfolgt worden von ungefähr 15 jungen Männern, die Taschenlampen dabei hatten und auf die, die sie erwischen konnten, einschlugen. Ein paar haben fliehen können, aber weil der Park hier eingezäunt ist, mussten sie alle an der gleichen Stelle vorbei. „Einer blieb zurück und wurde von mehreren verprügelt.“

Winckel wird diesen Abend so schnell nicht vergessen, er hat deswegen an Freund*innen geschrieben, an Zeitungsredaktionen, an die Polizei und an die Senatsverwaltung für Gleichstellung. So hat auch SIEGESSÄULE und der Tagesspiegel von diesem Vorfall erfahren. Politiker*innen haben sich geäußert, die Polizei hat sich des Falles angenommen, das schwule Anti-Gewalt-Netzwerk berichtet darüber auf seiner Webseite. Soweit ist alles wie immer. 

Aber irgendwie erzählt dieser Fall auch etwas von der aktuellen Zeit, in der Menschen der LGBTIQ*-Community in Deutschlands Hauptstadt leben: Berlins größter queere Club musste gerade schließen, die Regenbogenfahne wird vor Fenstern abgerissen und vom Bundeskanzler zur „Zirkuszelt-Deko“ herabgewürdigt, im Nollendorfkiez werden Denkmäler beschädigt und Flaschen an Scheiben geworfen. Zwischen all diesen Ereignissen der letzten zwölf Monate muss kein Zusammenhang bestehen, aber sie alle führen dazu, dass es längst keinen Aufschrei mehr gibt, wenn eine Gruppe von Männern nachts Jagd auf Schwule macht.

Nur ein Opfer erstattete bisher Anzeige

Wie viele in jener Freitagnacht verletzt werden, lässt sich im Nachhinein nicht feststellen, nur ein Mann erstattet Anzeige. Sebastian Winckel zeigt auf die Bank gegenüber der Statue: „Dort hat sich einer der Verprügelten hingelegt und mehrere Passanten haben den Krankenwagen und die Polizei gerufen.“ Der Mann sei Mitte 40 gewesen und blutete im Gesicht, hatte mehrere Verletzungen. „Ich konnte nur erkennen, das sein Gesicht merkwürdig eingedrückt war, die müssen wirklich mit roher Gewalt vorgegangen sein.“

Es ist nicht nur eine gefühlte Wahrheit, dass diese Übergriffe zunehmen. Im vergangenen Jahr gab es auf das Jahr gerechnet zwei queerfeindliche Übergriffe pro Tag. Zusammen 723 Vorfälle „mit explizit queerfeindlichem Bezug“ hat Maneo für das Jahr 2025 erfasst. Die Zahl der Meldungen mutmaßlicher Vorfälle habe mit 1014 einen neuen Höchststand erreicht (2024: 904). Die meisten Fälle bleiben ohnehin unbekannt. Das Dunkelfeld könnte als vier oder fünfmal höher sein. Auch die Polizei hat ähnlich hohe Zahlen und zeigt auch auf, dass sich die Zahlen der Übergriffe seit 2016 vervierfacht haben: von 166 auf rund 600.

„Ich merke in Beratungsgesprächen, dass es oft um Überlastung und Überforderung geht, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.“

Bastian Finke vom Anti-Gewalt-Projekt Maneo findet es zunächst gut, dass auch ausführlich über diese Gewalttaten berichtet werde. „Dadurch werden die Fälle öffentlich und noch mehr Opfer fühlen sich motiviert, ihre Tat zur Anzeige zu bringen.“ Dabei weist er zurück, dass nur Scham eines der großen Themen für Opfer von Gewalttaten sei. „Ich merke in Beratungsgesprächen, dass es oft um Überlastung und Überforderung geht, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.“ Zudem sei für Betroffene nicht immer gleich erkennbar, ob Fälle strafrechtlich relevant sind, sagt Finke, und spricht beispielsweise von Beleidigung. Betroffene meinen auch, es lohne sich nicht, Anzeige zu erstatten, wenn keine weiteren Zeug*innen vorhanden waren.

Die Vorfälle im Volkspark Friedrichshain sind schon lange bekannt, bereits im Jahr 2008 hatte Maneo den Fall eines Mannes berichtet, der von Jugendlichen zusammengeschlagen wurde, nachdem diese zuvor durch das Cruising-Gebiet gezogen waren und immer wieder „schwule Säue“ gerufen haben. Der Angegriffene war in dem Fall ein heterosexueller Mann mit Frau und zwei Kindern, der nur auf dem Heimweg mit dem Fahrrad war. Im Juni des Jahres 2024 wurde ein küssendes schwules Paar im Volkspark Friedrichshain angegriffen und im August des vergangenen Jahren begannen wieder die organisierten Übergriffe im Cruising-Gebiet, was sich auch „Hetzjagden“ nennen kann.

„Diffuses Bedrohungsklima“

Die Berliner Polizei bestätigt auf Nachfrage von SIEGESSÄULE, dass nach bisherigen Erkenntnissen und Zeugenaussagen von einer queerfeindlichen Tatmotivation ausgegangen werden könne. „Straftaten sowie Anfeindungen im Umfeld von queeren Orten schaffen ein zunehmend diffuses Bedrohungsklima“, schreibt ein Beamter gegenüber SIEGESSÄULE, „und sorgen dafür, dass das Sicherheitsgefühl für Betroffene nachhaltig beeinträchtigt wird.“ Sie haben deshalb angekündigt, diesen Bereich noch mehr zu beobachten. Auf Polizeideutsch: „Zielgerichtete Präventions- und Präsenzmaßnahmen wurden veranlasst.“

Tatsächlich hat Anwohner Sebastian Winckel schon gesehen, dass Polizisten abends am Denkmal entlang patroulliert sind. „Der Kommissar hatte das mir gegenüber auch angekündigt“, sagt er, „aber es wird schwierig sein, genau den Moment zu erwischen, wenn es wieder passiert. „Aber vielleicht gibt es auch eine Online-Untersuchung bei der sie feststellen, wie sie sich verabredet haben.“ Denn das ist ihm noch im Kopf, sagt Winckel, dass sie eben sehr organisiert wirkten. „15 Täter kommen nicht einfach spontan zusammen“, sagt er, „und die werden das auch wieder machen.“

„15 Täter kommen nicht einfach spontan zusammen.“

Die Senatorin für Arbeit, Soziales und Diskriminierung, Cansel Kisiltepe, habe mit „Erschrecken“ von diesem Übergriff erfahren. Ihr sind die steigenden Zahlen von queerfreindlicher Gewalt ebenfalls bekannt. „Diese Entwicklung bereitet mir große Sorge“, sagt sie zu SIEGESSÄULE. Die gesellschaftliche Stimmung gegenüber queeren Menschen werde rauer. „Das steht aus meiner Sicht auch im Zusammenhang mit der zunehmenden Verbreitung antidemokratischer und menschenfeindlicher Einstellungen bis in die Mitte der Gesellschaft.“ Der Angriff im Volkspark Friedrichshain zeige auf erschreckende Weise, wie sich solche Haltungen in gezielten Angriffen gegen queere Menschen äußern könnten. Kisiltepe sieht Berlin als „Regenbogenhauptstadt“ in der „Verantwortung, queeres Leben zu schützen“.

Das hat im Frühjahr dieses Jahres zur Veröffentlichung des mehr als 50 Seiten umfassenden „Landesstrategie gegen Queerfeindlichkeit“ geführt. Darin haben sich verschiedene Stellen abgestimmt und beschlossen, sich regelmäßig auszutauschen: Polizei, Justiz und Community-Organisationen wie Maneo treffen einander nun regelmäßig und tauschen Informationen aus. Gleichzeitig werden Beratungsangebote, Sicherheits- und Notfallkonzepte für queere Einrichtungen und Veranstaltungen ausgebaut — und es werde mehr Präventionsarbeit in Schulen und Behörden geleistet.

Vor allem Aufklärungs- und Gewaltpräventionsarbeit hält Maneo-Leiter Bastian Finke für wichtig, „gerade in Schulen, wenn wir dies ausweiten könnten“, sagt er, „könnte das zu einer Reduzierung von Vorurteilen und Gewalttaten führen.“ Insgesamt ist er derzeit zufrieden mit der Zusammenarbeit mit der Polizei. Über die Jahre, insbesondere seit Klaus Wowereit Bürgermeister war, sei diese immer besser geworden. „Die meisten Polizisten sind inzwischen zu LGBTIQ*-feindlicher Hasskriminalität sensibilisiert“, sagt er, das spiegele sich auch in Rückmeldungen von Opfern wider, die sich an die Polizei gewandt haben. „Außerdem sehen wir, dass Täter vor Gericht zur Rechenschaft gezogen werden.“

Als Sebastian Winckel gegen Abend mit dem Hund nach Hause läuft, gehen im Hintergrund schon die ersten Männer in die Büsche. Es ist Donnerstagabend, noch gehen einige Parkbesucher regelmäßig hierher.

„Feste Zeiten, fester Ort und niemals ganz allein.“

In einem Interview mit dem Queerspiegel hatte Laura Méritt vom Netzwerk Freudenfluss von lesbischem Cruising erzählt: im Tiergarten bei der Amazonen-Statue, der mit der Streitaxt. Die Regeln für Frauen, die auch Männer zumindest einmal hören sollten, lauten: „Feste Zeiten, fester Ort und niemals ganz allein.“

*Name geändert

Hilfe bei Gewalt:
Maneo: maneo.de
Fälle können gemeldet werden unter: Tel.: 030-216 33 36
report@maneo.de
L-Support: l-support.net
Tel.: 030-459 618 65

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