Debatte

Reflexion über ein umstrittenes Akronym: Ist FLINTA* passé?

20. Aug. 2026 Selina Hellfritsch
Bild: Aysan Türkmen, Canva

Sprache ist ein ewiges Streitthema. Eine heftige Debatte dreht sich derzeit um die Frage, ob die Kategorie FLINTA* eigentlich das hält, was sie verspricht. SIEGESSÄULE-Autorin Selina Hellfritsch hat hier erhebliche Zweifel – und hat sich in der Community umgehört

„Unsere Kritik an ‚FLINTA‘ und warum uns dieser Begriff das Herz gebrochen hat“, schrieb das Kollektiv Take Back The Night Berlin in einem Ankündigungspost für die Demo, die traditionell am Abend vor dem Mai stattfindet, um als queerfeministischer Protest gemeinsam die Straße als öffentlichen Raum zurückzuerobern. Hatte sie sich in den letzten Jahren noch als FLINTA*-Demonstration bezeichnet, wurden in diesem Jahr explizit „Feminists, Queers and Trans People“ eingeladen und eine klare Abgrenzung von Mackern, TERFs (Trans-Exclusionary Radical Feminists) und SWERFs (Sex Work Exclusionary Radical Feminists) formuliert. Die Begründung: FLINTA* sei gentrifiziert worden, der Begriff fördere Geschlechterbinarität und sei am Ende immer noch eine deutsche Abkürzung, die nicht für alle verständlich sei. Die Diskussion um FLINTA* ist nicht neu. Doch sie wird wieder lauter – und kommt inzwischen aus sehr unterschiedlichen politischen und aktivistischen Kontexten. Da stellt sich mir die Frage: Hat der Begriff FLINTA* seine politische Funktion verloren?

Neue Binarität geschaffen

Um die Debatte besser einordnen zu können, lohnt sich ein Blick in eine sehr umfangreiche Entstehungsgeschichte des Akronyms, das für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht binäre Menschen, trans* Personen und Agender steht. Wird am Ende noch ein Stern angehängt, so steht er für weitere Menschen, die sich nicht in den genannten Labels wiederfinden, aber auch unter patriarchaler Unterdrückung leiden.

Kürzlich überraschte mich ein Kommentar, dass Männer mal wieder nicht in die Verantwortung genommen würden, wenn es darum gehe, sichere Räume zu schaffen. Dabei stellte sie die Kategorien FLINTA* und Männer einander gegenüber und tat genau das, was viele Kritiker*innen bemängeln: FLINTA* schaffe eine neue Binarität in Abgrenzung zu Männern und suggeriere, FLINTA* sei das weibliche Gegenstück zu Männern – was schlichtweg nicht stimmt. Das Akronym versammelt vielmehr eine Vielzahl an geschlechtlichen Identitäten, die sich nicht alle in einen Topf werfen lassen. Und doch wird genau das immer wieder versucht, wie der Sprachgebrauch zeigt. Anstatt also von Lesben oder trans Frauen und ihren Kämpfen zu sprechen, ist oft von „Flintas“ die Rede – eine sprachliche Vereinheitlichung dort, wo eigentlich Differenz sichtbar gemacht werden sollte.

FLINTA* schaffe eine neue Binarität in Abgrenzung zu Männern und suggeriere, FLINTA* sei das weibliche Gegenstück zu Männern – was schlichtweg nicht stimmt.

Spannend ist, dass genau aus diesem Gedanken heraus der Begriff nach und nach gewachsen ist: In den 70er- und 80er-Jahren gab es Kritik an einem Feminismus, der größtenteils nur die Lebensrealität von weißen cis hetero Frauen fokussierte und dabei andere Formen der Unterdrückung ausblendete. Besonders Lesben und Schwarze lesbische Feminist*innen forderten Sichtbarkeit und Anerkennung für ihre kämpferischen Errungenschaften, was im deutschsprachigen Raum zu Begriffen wie „FrauenLesben“ oder auch „Frauen*“ führte – und somit die ersten Buchstaben des Akronyms schuf. In dieser Zeit prägte die französische Theoretikerin Monique Wittig den feministischen Diskurs mit ihrer Aussage „Lesben sind keine Frauen“, der so zu verstehen ist, dass der Begriff Frau nur in heterosexuellen Kontexten und in Abgrenzung zu Männern Sinn ergebe. Später folgten ähnliche und doch jeweils einzelne Debatten und Forderungen nach mehr Sichtbarkeit in Bezug auf trans* Personen, intergeschlechtliche und nicht binäre Menschen und Agender, die schließlich in den 2010er-Jahren in dem bekannten Akronym FLINTA* endeten.

„Don’t say FLINTA* if you mean pussy.“

Heute wird der Begriff hauptsächlich genutzt, um Räume zu benennen und dabei klar zu definieren, wer ein- und ausgeschlossen wird, um so Safer Spaces zu kreieren. FLINTA* soll dabei alle Personen erfassen, die aufgrund ihrer Identität unter dem Patriarchat diskriminiert werden. Besonders in Zeiten zunehmender Queerfeindlichkeit und Faschisierung ist es wichtig, Safer Spaces zu schaffen und zu verteidigen. Doch der Begriff FLINTA* verspricht Inklusion, die in der Praxis selten eingelöst wird. Oft wird er mit Frauenräumen verwechselt und im Umkehrschluss wird von männlich gelesenen Personen schon an der Türschwelle eine Rechtfertigung erwartet. „Ich glaube nicht, dass ich FLINTA* je in einer Art gesehen habe, die hilfreich oder gut ausgeführt war“, sagt trans Comedian Avelo in ihrem Podcast „Duschlampe“. Noch prägnanter formulierte sie es in einer Instagram-Story: „Don’t say FLINTA* if you mean pussy.“

Der eurozentrische Drang der Kategorisierung

Grundsätzlich leiden alle Menschen unter dem Patriarchat, auch cis (hetero) Männer. Allerdings nicht in gleichem Ausmaß. Deshalb kann es sinnvoll sein, gemeinsame politische Kämpfe zu führen. Eine pauschalisierende Sammelkategorie droht jedoch, spezifische Erfahrungen und Machtverhältnisse zu verwischen.

„Ich habe den Begriff erst hier in Berlin kennengelernt“, stimmt Dirandra Sandyakala, indonesische Performancekünstler*in, im Podcast „imaginary box“ zu. Anfangs hätten die Räume resoniert, doch der Druck sei stärker geworden, sich möglichst femme zu präsentieren, um dazuzugehören. Podcasthost fran ilzilú ñurinda stimmt zu, bezeichnet FLINTA*-Räume in Berlin als überwiegend weiß und den Drang, alles in Kategorien zu packen, als eurozentrisch. Das wirke für manche BIPoC befremdlich und oft nicht einladend.

Vielleicht ist es an der Zeit zu fragen, ob die mit FLINTA* verbundene Utopie mehr Begrenzung als Befreiung erzeugt. Ein Vorschlag: Benennt einfach genau, welche Personengruppe angesprochen wird.

Das Versprechen der Kategorie FLINTA* scheint verlockend, aber die Umsetzung ist gescheitert.

Ich habe selbst gemerkt, wie ich aus dem Wunsch heraus, möglichst inklusiv zu schreiben, den Begriff FLINTA* inflationär verwende, ohne zu reflektieren, wer eigentlich gemeint ist. Geht es um Menschen, die menstruieren? Um Personen, die Erfahrungen mit Catcalling gemacht haben oder von Misogynie betroffen sind? Um Menschen außerhalb des binären Geschlechtersystems? Oder schlicht um Frauenräume, die auch als solche benannt werden könnten? Das Versprechen der Kategorie FLINTA* scheint verlockend, aber die Umsetzung ist gescheitert. Die Zukunft könnte sprachlich in mehr Präzision liegen: darin, genauer zu benennen, von wem wir sprechen und in welchem Kontext. In Bezug auf FLINTA* sollten allen voran weiße cis Frauen – mich eingeschlossen – denjenigen zuhören, die diese Kritik seit Jahren formulieren und von den Ausschlüssen selbst betroffen sind.

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