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Übersehene LGBTI*-Ikonen: Diese Menschen sollten wir kennen

29. Jan. 2020
Bild: B. Dippel (Rozz Williams, li.) CC BY-SA 3.0 Quelle
v. l. n. r. Rozz Williams, We‘wha, Ernest Thesiger

Wir stellen euch 9 legendäre LGBTI*-Persönlichkeiten vor, die zumindest hierzulande leider viel zu wenig bekannt sind

Keine Frage, wir lieben unsere Ikonen. Als oft diskriminierte Minderheit sind sie für uns LGBTI* von besonderer Bedeutung – Schutzheilige unserer Identität und Vorbilder unserer Identitätsfindung. Doch meist beschränkt sich der Kanon unserer Held*innen auf einige wenige, die im breiten Mainstream bekannt geworden sind. 

Wir stellen neun beeindruckende Persönlichkeiten vor, die zu Unrecht eher selten im Fokus queerer Verehrung stehen

Ernest Thesiger

Ernest Thesiger Portrait von William Ranken

Wer sich auf die Spuren des Tuntentums begibt, muss schon ein bisschen in der Zeitgeschichte graben, um auf diese furiose Queen zu stoßen: Ernest Thesiger! Ein beliebter englischer Theater- und Filmschauspieler, der sich auf Londoner Bühnen, am Broadway und in Hollywood einen Namen machte. Geboren 1879, entstammte er einer adligen Familie. Er soll eng mit Queen Mary befreundet gewesen sein, die nicht nur seine Leidenschaft für aufwendige Stickereien teilte, sondern auch seine Kommentare über die sexuellen Vorlieben anderer Leute schätzte. In Gesellschaften und auf Bällen genoss er es, sich in Drag zu präsentieren: als Grande Dame, als geheimnisvolle Medusa oder als gute Fee. Zudem gehörte es angeblich zu seinen Eigenarten, sich lautstark danach zu erkundigen, ob jemand zur „Sodomie“ bereit wäre, oder seine grün lackierten Zehennägel vorzuzeigen.

Es sind wohl Dutzende solcher Geschichten über ihn im Umlauf. Thesiger war die perfekte Inkarnation eines Exzentrikers – eine distinguierte Tunte mit hochgezogenen Augenbrauen, die es liebte zu schockieren, aller aristokratischen Haltung zum Trotz. Auch wenn er auf der Bühne und im Film nur hin und wieder in Drag zu sehen war, z. B. als Hexe in einer Inszenierung von Shakespeares „Macbeth“, stattete er eigentlich jede seiner Rollen mit einem queeren Appeal aus. Es hieß, dass selbst sein Mephisto den Charme einer „alten Jungfer“ versprüht habe.

Es sind vor allem zwei Rollen, die seinen Status als queere Ikone zementieren. Beide finden sich in Filmen seines Freundes James Whale, der erste offen homosexuelle Regisseur in Hollywood: Etwas weniger bekannt ist seine „effeminierte“ Darstellung des Horace Femm in der Horrorkomödie „The Old Dark House“ (1932), einem Paradestück in Sachen Camp. Sein Opus magnum ist aber der diabolische Wissenschaftler Dr. Pretorius in dem Horrorklassiker „Bride Of Frankenstein“ (1935) – vielleicht der Charakter im Hollywoodkino der 30er-Jahre, der am offensichtlichsten queer ist. In den Händen Thesigers wurde die Figur zu einer sarkastischen Queen, die mit der Geste der Überlegenheit ihren extravaganten Lifestyle zelebriert und erfolgreich Frankensteins Hochzeitsnacht torpediert, um gemeinsam mit ihm Leben zu erschaffen. Seine bissigen Sprüche und Anspielungen gaben Anstand, Moral und Heteronormen der Lächerlichkeit preis. Im Grunde setzte Thesiger damit seinem Leben als Gesamtkunstwerk ein Denkmal. Obwohl er für die damalige Zeit erstaunlich offen mit seiner Homosexualität umging, ehelichte er 1917 die Schauspielerin Janette Ranken und blieb mit ihr bis zu seinem Tod im Jahr 1961 verheiratet. Nach Aussage seiner Frau wurde die Ehe aber nie „vollzogen“. as

Bayard Rustin

Der afroamerikanische Aktivist Bayard Rustin (1912–1987) war Pazifist, Sozialist und enger Verbündeter von Martin Luther King. Doch seine Homosexualität wurde ihm immer wieder zum Verhängnis, nachdem er 1953 beim gleichgeschlechtlichen Sex in Kalifornien verhaftet wurde. Im Anschluss versuchten seine Gegner innerhalb sowie außerhalb der Bürgerrechtsbewegung, ihn damit zu diskreditieren. Er musste mehrere Ämter niederlegen. 1956 gelang es ihm jedoch, Martin Luther King in existenziellen Fragen der Bewegung beraten zu können. Die daraus entstehende Freundschaft sorgte für einen Skandal, als beiden eine homosexuelle Affäre vorgeworfen wurde. Aus diesem Grund musste Rustin beim „Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit“ im Jahre 1963 im Hintergrund bleiben. Nach dem Riesenerfolg des Marsches allerdings wurde er auf der Titelseite des Magazins Life als Co-Organisator geehrt.

Von Mehrfachdiskriminierung betroffen – bevor es dafür ein Wort gab –, glaubte Rustin zunächst, dass seine sexuelle Neigung kaum eine Rolle spiele und eher seine Privatsache sei. In den 80er-Jahren änderte er aber seine Meinung und setzte sich in Reden für die schwul-lesbische Emanzipationsbewegung ein. Ohne die Möglichkeit, seinen Lebensgefährten Walter Naegle heiraten zu dürfen, erwog er sogar den ungewöhnlichen Schritt, seinen 37 Jahre jüngeren Partner zu adoptieren. Nach seinem Tod geriet er fast in Vergessenheit. Doch 2013 erhielt Naegle stellvertretend für Rustin die Presidential Medal of Freedom, die höchste zivile Auszeichnung der USA. Der Film „Brother Outsider: The Life of Bayard Rustin“ (2003) schildert das faszinierende Leben des einflussreichen Aktivisten. jvh

We‘wha

Manche werden We‘wha als „Lhamana“ kennen. Mit diesem Begriff bezeichnen die nordamerikanischen Zuni (oder Shiwi/A‘shivi) Personen, die sowohl traditionell männliche als auch weibliche Rollen einnehmen. We‘wha war allerdings noch viel mehr als das: Künstler*in, Heiler*in, Botschafter*in, Advokat*in und Mediator*in. Geboren 1849, übernahm We‘wha verschiedenste soziale Aufgaben – zum Beispiel auf der Farm, im Haushalt oder in religiösen Zeremonien – und erlangte herausragende Fähigkeiten im Töpfern und Weben. Da We‘whas Eltern an einer Pockeninfektion starben, deren Erreger von Kolonialist*innen ins Dorf gebracht worden war, wuchs sie*er größtenteils bei der Schwester des Vaters auf. In den 1880ern wurde We‘wha Teil einer Zuni-Delegation, die nach Washington D. C. reiste. Dort kam es zu einem Treffen mit Grover Cleveland, dem 24. Präsidenten der USA.

In Zeitungsartikeln und Aufzeichnungen aus dieser Zeit lässt sich nachlesen, welchen Eindruck We‘whas Persönlichkeit und Kunst auf gesellschaftliche Kreise und Eliten in Washington und anderen Städten machten. Die Rolle als Lhamana und als kulturelle*r Advokat*in wurde allerdings nicht verstanden – und We‘wha fälschlicherweise als „Zuni Prinzessin“ interpretiert. Sie*er versuchte die Berühmtheit unter anderem zu nutzen, um mit rassistischen Mythen und Vorurteilen gegenüber den Zuni aufzuräumen. 1892 wurde We‘wha, nach einem handgreiflichen Konflikt im Dorf, von Truppenangehörigen der Vereinigten Staaten festgenommen und ohne Prozess mehr als einen Monat inhaftiert. Vier Jahre später starb We‘wha mit 49 Jahren an einer Herzkrankheit. fs

Wendy & Lisa

© Virgin Records

Wendy Melvoin und Lisa Coleman waren von 1983 bis 1986 Teil der Band Prince and the Revolution. Gemeinsam mit Prince nahmen sie die drei bahnbrechenden 80er-Jahre-Alben „Purple Rain“, „Around the World In A Day“ und „Parade“ auf. Coleman spielte bereits seit 1981 als Keyboarderin in Prince‘ Band, immer wieder musste sie ihre damalige Lebensgefährtin Wendy zurücklassen, wenn sie auf Tour ging. Als Wendy dann – gerade rechtzeitig zum Film und Album „Purple Rain“ – als Gitarristin zu Prince and the Revolution stieß, hätte es für die beiden kaum besser laufen können. Sie spielten auf dem Jahrhundertalbum und in seinem Film, der sich 1984 zum Blockbuster entwickelte. Highlight dieser Zeit war, als sie 1985 gemeinsam mit Prince den Oscar für die beste Filmmusik („Purple Rain“) entgegennehmen konnten.

Im Gefüge der etlichen Künstler*innen und Protegés, mit denen Prince im Laufe seiner Karriere arbeitete, hatten Wendy und Lisa stets eine besondere Position. Das lesbische Paar war weit mehr als nur Staffage für den Superstar, vielmehr waren die beiden an den Kompositionsprozessen vieler Songs beteiligt und Wendy wurde auf der Bühne und in Videos (z. B. „Kiss“) zum wichtigen Sidekick für Prince. 1986 war Schluss mit The Revolution, Prince machte alleine weiter. Als Wendy & Lisa veröffentlichte das Duo noch einige Alben – darunter das schlicht „Wendy und Lisa“ betitelte Debutalbum (Foto) mit dem Hit „Waterfall“ –, stieg allerdings nie in den (lesbischen) Popolymp auf. jano

Ma Rainey

Gertrude Pridgett wurde 1886 in den Südstaaten der USA geboren. Sie gilt als „Mother of the Blues“ und wurde unter dem Namen Ma Rainey bekannt. Erste musikalische Schritte wagte sie im Teenageralter und verdiente sich ihr Geld in „Minstrel Shows“, bei denen hauptsächlich Weiße mit Blackface rassistische Stereotype darstellten. Aber auch Schwarze waren als Sidekick oder Musik-Act zu sehen. 1904 heiratete die bisexuelle Künstlerin Will Rainey, mit dem sie eine eigene Showkompanie gründete. 1923 konnte sie außerdem einen Vertrag bei Paramount Records ergattern und wurde so zu einer der ersten afroamerikanischen Sängerinnen, deren Songs auf Platte veröffentlicht wurden.

In ihrem Repertoire von über 100 Aufnahmen finden sich auch fünf Songs, in denen lesbisches bzw. bisexuelles Begehren thematisiert werden. Der bekannteste ist „Prove It On Me Blues“. Angeblich entstand dieser, nachdem Ma Rainey von der Polizei festgenommen worden war, weil sie eine Orgie veranstaltet haben sollte, an der auch Frauen beteiligt gewesen seien. „Ich bin letzte Nacht mit meinen Freunden ausgegangen. Es müssen Frauen gewesen sein, denn ich mag keine Männer“, singt sie. Außerdem war sie Mentorin der offen bisexuellen Sängerin Bessie Smith. Beiden wurde eine Affäre nachgesagt. Im Anschluss an ihre Gesangskarriere betrieb sie in Georgia mehrere kleine Theater. Sie starb am 22. Dezember 1939. kaey

Leslie Cheung

Fans ehren Leslie Cheung vor dem Hotel, in dem er 2003 Selbstmord verübte

Mit Filmen wie „A Better Tomorrow“ (1986) und „A Chinese Ghost Story“ (1987) trat Ende der 80er das Genrekino aus Hongkong seinen Siegeszug auch in Europa an. Hyperstilisierte Gewalt- und Actionszenen oder spektakuläre Fantasyfiguren befriedigten das Bedürfnis eines westlichen Publikums nach „ungewöhnlichen“ Kinoerfahrungen. Im Zentrum der genannten Filme stand ein absoluter Superstar: der in Hongkong geborene Schauspieler und Cantopop-Sänger Leslie Cheung. In seiner Heimat wurde er schon früh zum Teenie-Idol.

Während er anfangs noch seine Bisexualität zu leugnen suchte, begann er ab den 90ern seine queere Identität zu thematisieren. Er nahm gewagtere Rollen an, verkörperte eine queere Figur im Welterfolg „Lebewohl, meine Konkubine“ (1993), der in China für kurze Zeit verboten wurde, spielte in Wong Kar-Wais schwulem Klassiker „Happy Together“ (1997), trat auf der Bühne in roten Pumps auf oder zeigte sich in der Öffentlichkeit mit seinem Lebensgefährten. Für die in den 90ern zunehmend sichtbar werdende LGBTI*-Community in Hongkong wurde er so zu einem prägenden Role Model. Doch Cheungs Leben endete tragisch. Er litt an Depressionen und stürzte sich 2003, im Alter von 46 Jahren, aus dem 24. Stock des Mandarin Oriental Hotels. Noch heute wird an seinem Todestag das Hotel in Hongkong zur Pilgerstätte für Fans und Community, in Europa scheint er hingegen fast vergessen. as

Parinya Charoenphol

Die Kampfsportlerin Parinya Charoenphol – auch bekannt als Nong Toom – wurde 1981 in der thailändischen Provinz geboren und als Junge aufgezogen. Schon früh war sie sich ihrer Transidentität bewusst und wurde aufgrund ihrer Femininität gemobbt. Noch im Kindesalter entdeckte sie den Kampfsport Muay Thai (Thaiboxen) für sich – eine gute Möglichkeit, Geld zu verdienen und ihren Hatern die Stirn zu bieten. Es folgten eine klassische Ausbildung und unzählige Siege in Wettkämpfen. Ihr feminines Auftreten sorgte im extrem männlich konnotierten Muay Thai für Aufsehen, Parinya stieg gerne mal geschminkt in den Ring. Zwar ist es Frauen offiziell nicht gestattet, den Kampfsport zu betreiben, doch da sie noch keine geschlechtsangleichende Operation durchgeführt hatte, wurde sie von offizieller Seite als Mann eingestuft und durfte antreten.

Parinya Charoenphol wurde schnell zum Kassenmagnet, und auch international erreichte die kleine Frau, die Machos verprügelte, Aufmerksamkeit. 1999 hatte sie das nötige Geld für ihre OP zusammen und legte die Karriere als Profisportlerin auf Eis. Im Jahr 2003 erschien ein Biopic, das auf ihrem Leben basiert. „Beautiful Boxer“ war in Thailand ein kleiner Erfolg und gewann einige internationale Preise. Mittlerweile gibt es diverse transidente Boxer*innen in Thailand, doch trotz ihrer Vorreiterinnenrolle ist Parinya in westlichen LGBTI*-Communitys kaum bekannt. kaey

Rozz Williams

Rozz Williams – Gründer von Christian Death, einer der einflussreichsten Gothrock-Bands des 20. Jahrhunderts – wurde 1963 als Roger Alan Painter in eine streng religiöse kalifornische Baptistenfamilie hineingeboren. Beeinflusst von Musikern wie David Bowie und Schriftstellern wie Burroughs oder Baudelaire, rief er im Oktober 1979, mit gerade mal 16 Jahren, die Band Christian Death ins Leben. Der Name spielte auf den Modeschöpfer Christian Dior an und trug gleichzeitig Williams‘ aufflammendem Interesse an Satanismus Rechnung. 1982 veröffentlichte die Band ihr Debütalbum „Only Theatre of Pain“. Die bahnbrechende Deathrock-Platte, auf der Rozz zu jaulenden Gitarren affektiert und tuntig seine radikale Abrechnung mit Christentum und der US-Gesellschaft der Zeit herausschreit, gilt bis heute als eines der wichtigsten Alben der Gothic-Bewegung.

Nach dem Erfolg der Platte wurden die Konzerte der Band, befeuert von Rozz neu entdeckter Liebe zu Alkohol und Heroin, immer exzentrischer – er trat als morbide Tucke in Brautkleidern oder sakralen Gewändern auf, ließ sich auf der Bühne kreuzigen oder spielte anderweitig mit blasphemischen Motiven. Williams brach mit Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Tabus, was ihn unmittelbar zur Underground- Ikone werden ließ. Kurze Zeit später löste sich die Band bereits auf. Binnen weniger Monate scharte Rozz allerdings neue Musiker*innen um sich und veröffentlichte mit ihnen unter demselben Namen die zugänglicheren, aber nicht minder einflussreichen Alben „Catastrophe Ballet“ und „Ashes“. Seine Alkohol- und Drogensucht, die durch die unerwiderte Liebe zum heterosexuellen Toningenieur Eric Westfall noch verstärkt wurde, sorgte schließlich 1985 für Rozz‘ Ausstieg aus der Band. Er bat die verbliebenen Musiker*innen um den Gitarristen Valor Kand, unter anderem Namen weiterzumachen. Kand versprach es, brach aber sein Versprechen und führt den Namen Christian Death bis heute.

Rozz wendete sich enttäuscht und verletzt anderen Ideen zu, veröffentlichte mit Projekten wie Shadow Project, Premature Ejaculation oder Heltir weitere Alben, vertiefte sich in Poesie, Malerei, Performancekunst. Ende der 90er führten seine zunehmenden Ängste und Depressionen dazu, dass Rozz‘ ablehnende Haltung gegenüber Menschen immer radikaler wurde: „He was no longer part of the society“, erinnert sich sein damaliger Mitbewohner Ryan Wildstar an diese Zeit. Nach privaten Rückschlägen – einer seiner Exlover starb an den Folgen von Aids und sein Freund Erik Christides an einer Überdosis – erhängte sich Rozz Williams in der Nacht vom 31. März auf den 1. April 1998 in seiner Wohnung in Los Angeles. Noch heute wird er von queeren Gothics leidenschaftlich verehrt. jano

Claude Cahun

© Imago Images: United Archives International

„Maskulin? Feminin? Das kommt auf die Situation an. Das Neutrum ist das einzige Gender, das zu mir passt.“ So radikal beschrieb sich die surrealistische französische Fotografin Claude Cahun (1894–1954) bereits 1930 in ihrem autobiografischen Essay „Aveux non avenus“. Das Spiel mit den Geschlechtsidentitäten stand im Mittelpunkt ihres künstlerischen Schaffens. Geboren als Lucy Schwob, gab sie sich in den 20er-Jahren den genderneutralen Künstlernamen Claude Cahun und bewegte sich vor ihrer eigenen Kamera zwischen exzessiver Darstellung von Weiblichkeit und selbstbewusstem männlichem Auftreten: Auf ihren rätselhaften und unglaublich modernen Selbstporträts ist sie mal mit kahl rasiertem Kopf im Männeranzug, mal in extravaganten Outfits zu sehen.

Cahun stammte aus der bretonischen Großbourgeoisie und konnte sich somit ein Leben abseits von Ehe und Lohnarbeit leisten. Kurz vor Kriegsbeginn zog sie mit ihrer Lebensgefährtin Suzanne Malherbe – alias Marcel Moore – von Paris auf die kleine Kanalinsel Jersey. Zwar kann man Cahun nicht unbedingt als LGBTI*-Aktivistin der ersten Stunde bezeichnen – offen und offensiv lesbisch war sie nicht –, dennoch war sie eine sehr mutige Person. Auf äußerst kreative Weise wehrte sie sich gegen die deutsche Besatzung Frankreichs und Jerseys ab 1940. Cahun und Moore trieben die örtliche Gestapo in den Wahnsinn: Mit frechen Inschriften auf den Häuserwänden der Fischerdörfer und in anonymen Briefen, die sie in perfektes Deutsch übersetzten. Auf die Türen einer Kirche schrieben sie zum Beispiel: „Jesus ist groß, aber Hitler ist noch größer, denn Jesus ist für die Menschen gestorben, während die Menschen für Hitler sterben.“ Nach vier Jahren Katz-und-Maus-Spiel wurden die beiden Künstlerinnen schließlich am 25. Juli 1944 von den Nazis festgenommen und zum Tode verurteilt. Glücklicherweise saßen sie noch in Haft, als Frankreich befreit wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet Cahun in Vergessenheit. Erst ab den 1990er-Jahren wurde ihr Werk wiederentdeckt und zu einem beliebten Forschungsgebiet der Gender und Queer Studies. Dennoch sind ihr Name und ihre Geschichte bisher nie wirklich im breiten LGBTI*-Mainstream angekommen. age

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