Liebesbrief an den Anus

Tanzsolo „The Hole Story“ am Berliner Ringtheater

9. Juli 2026 Michi Skowronek
Bild: Mila Starosta
Der Anus, als queeres Körperteil, steht im Fokus der pornokritischen Tanzperformance

Das Tanzsolo „The Hole Story“ am Berliner Ringtheater ist inspiriert von Annie Sprinkles bahnbrechendem Public Cervix Announcement, in dem sie in den 90ern dem Publikum ihren Gebärmutterhals zeigte. Tänzer*in/Choreograf*in Iacopo Loliva und Dramaturg*in Hadrien Daigneault-Roy spinnen die Idee weiter zu einer Performance über Verletzlichkeit und Lust. Ihr Fokus: der Anus. Dabei hinterfragen sie insbesondere Pornos aus queerer Perspektive

ACHTUNG: Die Spieltermine am 10. und 11.07. entfallen, am 09.07. gibt es ein Ersatzprogramm!

Iacopo, was nervt dich am meisten an Mainstream-Pornografie? Iacopo Loliva: Zum einen stört mich die inszenierte Perfektion. Penetrationen gehen immer leicht, wie von Zauberhand. Es gibt nie missglückte Versuche. Das ist wirklich jenseits der Alltagserfahrung. In den Filmen ist es auch immer viel zu ernst, zu cool, es gibt keinen Humor. In der Realität dagegen können beim Sex auch mal die Köpfe zusammenstoßen, was ja schon komisch sein kann.

„Bei uns funktioniert die postpornografische Performance ähnlich wie Drag im Umgang mit Genderstereotypen: Die Bildcodes und Klischees werden verdeutlicht."

Mit welchen Strategien transportiert ihr eure Kritik? Hadrien Daigneault-Roy: Schon die Tatsache, Pornoszenen in einen öffentlichen Raum wie das Theater zu bringen, ist eine Strategie, sie zu hinterfragen. In der Regel werden Pornos ja allein konsumiert. Es ist auch interessant zu erleben, wie anders wir reagieren, wenn wir gemeinsam im Theater eine Pornoszene sehen. Das führt zu Reaktionen wie Lachen oder zu witzigen Kommentaren. Wir stellen auch die Frage, wer die Macht über die Bilder und die darin gezeigten Körper hat. Bei uns funktioniert die postpornografische Performance ähnlich wie Drag im Umgang mit Genderstereotypen: Die Bildcodes und Klischees werden verdeutlicht.

Wie verqueert ihr die Klischees? HDR: Indem wir das gesamte Spektrum möglicher sexueller Erfahrungen aufzeigen, nicht nur die modisch gestylten Szenen mit roboterhaften Körpern. Wir bringen Liebe, Hass, all das, was keinen Einlass in den Mainstream der Pornografie findet. Wir zeigen nicht bloß das, was schön und sauber ist, sondern auch das, was als hässlich und abstoßend empfunden wird. Uns interessiert, wie unsere sexuellen Fantasien konstruiert werden und wie sie sich verändern können.

„Wir bekämpfen Feuer mit Feuer."

Warum ist Tanz die geeignete Kunstform für euren Ansatz? HDR: Ich habe sowieso den Eindruck, dass Porno eine Choreografie von Körpern ist. Wenn wir dies im Tanz übernehmen, können wir das bekannte Narrativ überschreiben. Tanz ist auch das geeignete Medium, um zu zeigen, wie unsere Körper durch Pornografie konditioniert sind und wie wir uns davon befreien können. Wir bekämpfen sozusagen das Feuer mit Feuer … IL: Nun, zwischen Tanz und Pornografie gibt es eine Menge Ähnlichkeiten. Es geht um Körperbewegungen und um Spannungen und Interaktionen zwischen Körpern. Wie im Mainstream-Porno werden im klassischen Ballett ebenfalls nur bestimmte Körperteile eingesetzt: Kopf, Arme, Beine. Die Genitalien sind davon ausgeschlossen. Wenn ich einen postpornografischen Ansatz auf meine Arbeit anwende, können Körperbereiche wie der Anus nicht nur über Lust und Sex, sondern auch über Verletzlichkeit und Intimität erzählen. Während des Stücks wird der Anus auch zu etwas Anthropomorphem, zum Gegenspieler des Herzens. Dies kann ich bereits verraten. HDR: Im Gegensatz zu den anderen Genitalien hat jeder Mensch einen Anus. Ein Anus kann nicht einem Gender zugeordnet werden. Das ist somit ein queerer Teil des Körpers. Also erhält der Anus in einem queeren Porno eine große Bedeutung.

Bild: Auguste Friedrich
Performer*in Iacopo Loliva

Der Anus hat es bei euch ja sogar in den Titel „The Hole Story“ geschafft! Iacopo, du arbeitest mit Tanz, Video und Texten. Wie muss ich mir das vorstellen? IL: Ich mag es, mit verschiedenen Medien zu arbeiten. Tanz, wie ich ihn kreiere, ist eher abstrakt, es geht darin um Empfindungen und Gefühle. In den Videos kommen die pornografischen Aspekte, auch das Vulgäre, konkreter hervor. Der gesprochene Text bringt weitere Bedeutungen ein. Diese Ebenen beeinflussen sich gegenseitig bei der Aufführung.

ACHTUNG: Aufgrund einer schweren Knieverletzung können die Vorstellungen von The Hole Story leider nicht wie geplant stattfinden. Stattdessen zeigt das Ringtheater am 9. Juli ein Alternativprogramm. Performer*in Iacopo Loliva und Dramaturg*in Hadrien Daigneault-Roy geben Einblicke in den künstlerischen Prozess von The Hole Story, zeigen Videoausschnitte aus Iacopos Arbeit und sprechen über Postpornografie, Körper, Begehren und die Entstehung des Stücks. Die Vorstellungen am 10. und 11. Juli entfallen.

The Hole Story
Ersatzprogramm mit Iacopo Loliva und Hadrien Daigneault-Roy
09.07., 19:30
berlinerringtheater.de

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