48. Berliner CSD: Zwischen Doppelpremiere und „Kannibalisierung"
Der Berliner CSD hat einiges vor: Mit der Kampagne und dem Motto „Haltung ist hot“ will der Verein zur Wahlbeteiligung motivieren, plant eine Bewerbung für den WorldPride 2032 und hat sein Programm auf zwei Tage ausgeweitet – Letzteres sorgt auch für Kritik. SIEGESSÄULE sprach mit Thomas Hoffmann und Carolina Philipps vom Vorstand
Das Motto des CSD Berlin 2026 ist deutlich: „Haltung ist hot“– ein klarer Aufruf, Haltung zu zeigen: für eine offene Gesellschaft, für demokratische Werte und für die Gleichberechtigung queerer Menschen. Im Vorfeld der Berliner Abgeordnetenhauswahl im September setzt der CSD-Verein auf eine Demokratiekampagne, die Berlin als Schutzort für queere Menschen stärken soll. Gefordert werden u. a. ein nachhaltiges Schutz- und Entwicklungsprogramm für queere Räume sowie die Inklusion von sexueller Diversität in Lehrplänen, und er möchte den World Pride 2032 nach Berlin holen.
Der CSD Berlin 2026 wird erstmals zweitägig am Freitag, 24. Juli, und am Samstag, 25. Juli begangen. Diese Erweiterung auf zwei Tage ermögliche ein noch vielfältigeres Programm und mehr Raum für politische und kulturelle Veranstaltungen. Am Freitag startet das Abendprogramm um 17 Uhr mit einem Drag March nach New Yorker Vorbild vom Reichstag zum Brandenburger Tor. Wobei der Drag March in New York eine vom Pride unabhängige, eher kürzere und punkige Veranstaltung ist, die zudem am Vorabend des NYC Dyke March stattfindet.
Zum Bühnenprogramm am Freitag dürfen die Organisator*innen noch nicht zu viel verraten, nur: „Es wird einen starken Abend zur Verteidigung der Demokratie geben“, so Thomas Hoffmann gegenüber SIEGESSÄULE. Von 18 bis 23 Uhr gebe es Musik, künstlerische Auftritte und politische Reden. Das diesjährige Programm soll Menschen auch motivieren, bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl 2026 ihre Stimme für ein inklusives und queerfreundliches Berlin abzugeben.
Die große Demo startet am Samstag um 12 Uhr an der Leipziger Straße und führt über den Potsdamer Platz, durch die Bülowstraße, zum Nollendorfplatz, durch den Regenbogenkiez, über die Klingelhöferstraße bis zum Brandenburger Tor. Dort endet die Demonstration mit großer Abschlusskundgebung und Programm bis Mitternacht.
Dyke* March vs. Drag March
„Wir stehen aber in keiner Konkurrenz zu anderen Veranstaltern, wir begrüßen eher die Vielfalt der Events und die damit einhergehende Sichtbarkeit“, sagt Thomas Hoffmann im Hinblick auf parallel stattfindende Demonstrationen wie den Dyke* March am Freitag und die Internationalist Queer Pride am Samstag. Bei den Organisator*innen der anderen Demos, insbesondere des Dyke* March, stößt diese Haltung allerdings auf Kritik. Schließlich findet der Dyke* March seit über einem Jahrzehnt am Freitagabend vor der CSD-Demo statt. In diesem Jahr müssen sich Teilnehmende nun erstmals zwischen dem Dyke* March und dem neuen Drag March entscheiden – die Namensähnlichkeit dürfte wenig dazu beitragen, den Vorwurf der Ignoranz zu entkräften.
„Keine Initiative schafft es, unsere Community in Gänze abzuholen“, sagt Carolina Philipps im SIEGESSÄULE-Gespräch. „Von daher begrüßen wir, dass es da eine Diversität gibt.“ Diese Rhetorik wirkt allerdings auch wie ein Schutzschild: Mit ihr lässt sich jede Kritik, ob an der Kannibalisierung bestehender Formate oder am CSD e. V. selbst – weshalb es überhaupt alternative CSDs gibt –, leicht abweisen. Natürlich ist es toll, dass es mehr Angebote für die Community gibt. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Kritik bleibt dabei jedoch meist aus.
Diese Rhetorik wirkt wie ein Schutzschild: Mit ihr lässt sich jede Kritik, ob an der Kannibalisierung bestehender Formate oder am CSD e. V. selbst, leicht abweisen.
Für diese sei Platz im basisdemokratischen CSD-Forum, dort seien alle eingeladen, eigene Ideen und Perspektiven einzubringen. „Wir sind offen für alle Kritikpunkte, freuen uns aber auch, wenn man als Mitglied selbst mitgestaltet“, so Carolina Philipps. Letztendlich lebe der Verein vom ehrenamtlichen Engagement. Das CSD-Team lädt die Community außerdem dazu ein, Veranstaltungen in den Pride-Month-Kalender einzutragen, der auch in diesem Jahr auf der Website für queere Events vom 26.06. bis 25.07. eingerichtet ist.
Helfende Hände gesucht
Die finanziellen Herausforderungen im Zuge der Kürzungen im Kulturbereich und der Streichungen der DEI-Maßnahmen (Diversity, Equity, Inclusion) in der Arbeitswelt habe das CSD-Team auch in diesem Jahr gut in den Griff bekommen. In den letzten zwei Jahren hat sich der Verein breiter aufgestellt und verabschiedet sich vom jährlichen Hauptsponsor hin zu langfristigen Partnerschaften mit Allys aus der Wirtschaft. Es gebe zudem einen Kriterienkatalog, der sicherstellen soll, dass die Sponsor*innen die Werte der Community teilen. „Es ist nicht mehr so ‚sexy‘ wie früher, mit dem CSD zu werben, aber wir bekommen dennoch Unterstützung von zahlreichen Unternehmen“, erklärt Hoffmann. Grundsätzlich merke man aber an den Summen, dass auch in der Wirtschaft das Geld knapper wird.
„Es ist nicht mehr so ‚sexy‘ wie früher, mit dem CSD zu werben, aber wir bekommen dennoch Unterstützung von zahlreichen Unternehmen“
Die Herausforderungen für den CSD seien aktuell dennoch nicht unbedingt finanzieller, sondern eher personeller Natur, erklärt Carolina Philipps. Trotzdem gibt es in diesem Jahr u. a. ein erweitertes Awareness-Konzept: Erstmals wird es drei Standorte am Brandenburger Tor, am Großen Stern und am Potsdamer Platz sowie mobile Teams geben. „Dafür sind wir aber nach wie vor auf der Suche nach Volunteers“, so Hoffmann.
Es zeigt sich deutlich, dass der Berliner CSD in den vergangenen Jahren verstärkt auf politische und öffentlichkeitswirksame Kampagnen gesetzt hat, etwa mit „Nie wieder still“ zum Winter-CSD oder aktuell mit „Haltung ist hot“. Der Verein hat sich neu organisiert und will politisch aktiver und sichtbarer werden. Mit regelmäßigen Konferenzen öffnet er sich für die Mitgestaltung durch die Community. Der daraus entstandene Plan für die „Regenbogenhauptstadt 2032“ geht weit über die Organisation eines CSDs hinaus: Im Rahmen des Konzepts wird sich der CSD e. V. mit dem Lesbisch-schwulen Stadtfest und dem Folsom e. V. für den WorldPride 2032 bewerben.
„Niemand kommt nach Berlin für die A100.“
Die Bewerbung soll auch Aufmerksamkeit für die Community fördern. „Niemand kommt nach Berlin für die A100“, sagt Carolina Philipps und spielt damit auf die internationale Strahlkraft Berlins queerer Szene an. „Es gibt keine europäische Metropole, die auf so eine queere Historie zurückblicken kann wie Berlin, daher empfinden wir als Verein es als eine Pflicht, den WorldPride hierherzuholen.“ So könne man Politik und Wirtschaft wieder motivieren, auch in queere Infrastruktur zu investieren, betont Thomas Hoffmann. In diesem Jahr soll es vor allem darum gehen, Haltung zu zeigen und einzufordern: von Politik, Wirtschaft und den Wähler*innen.
Neben allen politischen Forderungen darf aber auch in diesem Jahr gefeiert werden. Die offizielle Mainparty am Samstagabend findet erneut in den Aquahöfen (Ritter Butzke/Kreuzwerk) statt. Jeder Ticketkauf unterstützt die Arbeit des Berliner CSD e. V., zudem werden Teile der Einnahmen an Community-Projekte wie das Tuntenhaus oder den Budapest Pride gespendet.
CSD Berlin
Drag* March:
24.07., 17:00,
Vor dem Reichstag
CSD-Demo:
25.07., 11:30,
Leipziger Straße/Ecke Charlottenstraße,
Route: Potsdamer Platz – Nollendorfplatz – Klingelhöferstraße –
Abschlussprogramm: Brandenburger Tor
csd-berlin.de
Folge uns auf Instagram
#2026#CSD#CSD e.V.#Demonstration#Pride#Pride-Saison#Regenbogenhauptstadt#Vorstand#World Pride