Wie wählen junge Queers?
Am 20. September geht’s ins Wahllokal! Durch die Herabsetzung des Wahlalters auf 16 dürfen deutlich mehr Jugendliche mitentscheiden als bisher. Junge Queers fühlen sich vom Wahlkampf kaum angesprochen und vermissen Themen, die ihnen wichtig sind
Berlin geht wieder wählen – im September wird für das 20. Abgeordnetenhaus abgestimmt, welches die Stadt für die kommenden fünf Jahre regieren wird. Dabei zählen erstmals auch 16- und 17-Jährige zu den Wahlberechtigten, die nun wie bereits in fünf weiteren Bundesländern an der Landtagswahl teilnehmen dürfen. Um die jungen Wähler*innen mit einzubinden hat das Abgeordnetenhaus auch in der überparteilichen Wahlkampagne „Wähl Dir Dein Berlin” einen Fokus auf diese Zielgruppe gerichtet.
Für Alina (20) ist es die erste Berliner Wahl, an der sie teilnehmen darf. Als junge queere Person macht sie sich viele Gedanken, was die Ergebnisse der Wahl und künftige Koalitionen konkret für ihre Zukunft bedeuten. „Es ist schon schwer, gerade queer in Berlin zu sein”, erzählt sie im Interview mit SIEGSSÄULE. Wir haben sie im queeren Jugendclub Q*ube in Neukölln getroffen, wo sie auch einen großen Teil ihrer Freizeit verbringt. Der von outreach.Berlin getragene Raum funktioniert als offener Treffpunkt, der Jugendlichen darüber hinaus auch soziale Betreuung und Unterstützung anbietet. „Ich hatte schon nach der Bundestagswahl letztes Jahr hier im Club eine Powerpoint mit Ländern präsentiert, in die ich auswandern könnte, falls es hier in Deutschland zu schlimm wird”, erinnert sich Alina. „Bei der jetzigen Wahl habe ich irgendwie noch mehr Angst vor dem Ergebnis, auch wenn wir im Vergleich zu anderen Bundesländern besser dastehen. Ich habe Familie in Sachsen-Anhalt, und da sieht es natürlich ganz schlimm aus.” Trotzdem fühle sich auch die politische Lage in Berlin für sie an, als ob man stets an der Schwelle der Regression in Sachen Progressivität stehe.
„Bei der jetzigen Wahl habe ich irgendwie noch mehr Angst vor dem Ergebnis, auch wenn wir im Vergleich zu anderen Bundesländern besser dastehen.“
Obwohl es in der vergangenen Legislaturperiode einige durchaus positive Entwicklungen gab – so hat Berlin beispielsweise seit Juli 2023 als erstes Bundesland in Alfonso Pantisano einen Queerbeauftragten – verzeichnet die Polizei seit Jahren eine stetige Zunahme von politisch-motivierter Kriminalität mit Bezug auf Queerfeindlichkeit. Dementsprechend ist auch die Gewährleistung von Sicherheit für queere Menschen in der Hauptstadt für viele Parteien ein relevanter Aspekt in ihrem Wahlkampf. Bereits Mitte Juli organisierten LSDV, CSD Berlin und Tagesspiegel die erste Queere Wahlarena, um mit den Spitzenkanidat*innen von CDU, SPD, Grünen und Linken Strategien für die Schützung queeren Lebens in Berlin zu diskutieren. Der islamistische Terroranschlag auf den CSD lediglich acht Wochen vor der Wahl rückte die Sicherheitsfrage noch weiter in den Fokus.
Für Alina ist dabei aber deutlich, dass es sich hierbei von einigen Seiten lediglich um Instrumentalisierung der Tat und queerer Rechte handelt, und der Diskurs um den Anschlag im Wahlkampf fehlgeleitet ist. „Gerade auf Social Media kriegt man über Kampagnen mit, wie zum Beispiel die AfD den Anschlag für sich eingenommen hat. Es wurde sehr schnell in eine Migrationsfrage gewandelt, statt auf die Gründe und Strukturen hinter der Tat zu schauen oder überhaupt Anteilnahme zu zeigen.”
„Es wurde sehr schnell in eine Migrationsfrage gewandelt, statt auf die Gründe und Strukturen hinter der Tat zu schauen.”
Informieren über die Wahl tut Alina sich über Parteiprogramme und Veranstaltungen wie „Rede Neukölln.” Das ebenfalls von outreach.Berlin organisierte Event im Jugendzentrum Sunshine Inn bot Jugendlichen die Möglichkeit, eigene Fragen an die Spitzenkandidat*innen von Neukölln zu stellen. Tatsächlich abgeholt von den Schwerpunktsetzungen fühlte sie sich jedoch kaum. „Ich glaube, alle Parteien wollen junge Leute zwar ansprechen, reden aber zu viel über Sachen, die uns gar nicht akut betreffen”, erklärt Alina. Themen, die für sie und ihr Umfeld eigentlich relevant wären, würden so kaum Raum bekommen. So sei die Frage nach der Einführung des neuen Wehrdienstes in ihren Augen für Gleichaltrige noch immer extrem relevant. „Auch über Bildung und Schulsanierungen müsste viel mehr gesprochen werden. Meine Schule und die Sanitäranlagen in Marzahn-Hellersdorf sehen ehrlich schrecklich aus”, meint sie weiter. Ebenfalls ganz zentral sei auch die Bereit- und Sicherstellung von Schutzräumen und bezahlbarem Wohnraum, dessen Existenz gerade für junge Queers unglaublich wichtig sein kann.
Die Eltern wählen AfD, die Kinder links
Von den Kürzungen der Jugend- und Bildungsarbeit der schwarz-roten Koalition war zunächst auch das Q*ube betroffen. „Über ein halbes Jahr haben wir versucht, die Kürzungen abzuwenden”, erzählt Kathi Schilling, die im Jugendclub als Sozialarbeiterin arbeitet. „Auch wenn wir verschont wurden, betrifft es uns im Endeffekt alle, wenn die Finanzierung für eine andere queere Organisation wie dem Lambda-Bund gestrichen wird. Und es macht natürlich auch etwas mit den Jugendlichen hier: Die merken, dass es sich nicht um den sicheren Ort handelt, der es eigentlich sein sollte, und das erschüttert das Vertrauen in Politik.” Kathi ergänzt, dass gerade während der Zeit vor der Wahl der Gesprächsbedarf bei den Jugendlichen groß ist. „In einigen Familien wählen die Eltern die AfD, während die Kinder links wählen. Das belastet natürlich sehr.”
Alina wünscht sich vor allem, dass in der Politik begriffen wird, wie wichtig die nachhaltige Finanzierung und Sicherung von sozialen Projekten und queeren Schutzräumen ist. Gerade diese brauche es, damit man sich als junge queere Person in Berlin sicher fühlen kann. Hoffnung diesbezüglich macht sich Alina vor allem durch die aktuellen Umfragewerte der Linken. Deren Programm überzeugt sie noch am ehesten, da die Raumsicherung von queeren Clubs und Zentren hier auch direkte Erwähnung findet. „Ich weiß, wie viele hier mental sehr unter einer Schließung des Q*ubes gelitten hätten. Einfach weil es zu Hause keinen Support oder Stress gibt. Wenn es diesen Ort nicht mehr gegeben hätte, hätte ich mir wirklich Angst um ein paar Freunde machen müssen.”
Q*ube – queerer Jugendclub
Schönstedtstr. 9, Neukölln
qube-outreach.berlin
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